Geiseldrama in Sydney 16 Stunden Angst

Drei Tote, sechs Verletzte, das ist die traurige Bilanz der Geiselnahme in Sydney. Fast 16 Stunden dauerte das Drama. Eine Rekonstruktion.

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Von , Sydney


Nathan Grivas kommt eine Viertelstunde zu früh zur Arbeit. An den Tagen zuvor ist viel los gewesen im Lindt-Café in Martin Place, und er will pünktlich sein. Den Job als Kellner hat er erst seit Kurzem.

Die Filiale der Schweizer Schokoladenfirma Lindt liegt mitten im Geschäftsviertel von Sydney, morgens holen sich hier viele Mitarbeiter der umliegenden Büros einen Kaffee, manche nehmen noch ein Stück Kuchen mit. Vor Weihnachten kommen die Touristen dazu. Auf dem Platz steht der offizielle Weihnachtsbaum der Stadt. Er ist ein beliebtes Fotomotiv - und macht Lust auf Christbaumkugeln aus Schokolade.

Das Café hat zwei Eingänge, Grivas will den Haupteingang nehmen. Durch die Schiebetür aus Glas sieht er den mannsgroßen, goldfarbenen Schokoladenbär, der mit seinem breiten Grinsen Passanten hineinlocken soll, an den Tischen sitzen Dutzende Menschen und trinken Kaffee, hinter dem Tresen werkelt ein Kollege an der Espressomaschine. Alles sieht an diesem Montag aus wie immer. Ein sonniger Dezembertag in Sydney. Aber die Tür geht nicht auf.

Grivas geht zum Nebeneingang, auch verschlossen.

"Es war merkwürdig, aber es sah nicht nach einem Notfall aus", wird er später dem US-Fernsehsender CNN erzählen. "Man hat ja die Leute drinnen gesehen, sie haben gegessen und gelacht." Anscheinend wissen sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie gefangen sind.

Als ein Kollege von Grivas ein "Geschlossen"-Schild in die Tür hängt, sieht er weiter hinten im Laden eine Hand und den Lauf einer Pistole. Er rennt weg und ruft die Polizei.

Was dann folgt, geht als einer der traurigsten Tage in der Geschichte Sydneys ein. Fast 16 Stunden lang hält der bekannte Islamist Man Haron Monis in dem Café 17 Menschen fest. Zwei Geiseln sterben: der 34 Jahre alte Filialleiter Tori J. und die 38 Jahre alte Anwältin und dreifache Mutter Katrina D. Wurden sie vom Geiselnehmer erschossen oder starben sie im Kreuzfeuer, als die Polizei das Café stürmte? Noch gibt es auf viele Fragen keine Antworten.

Die Polizei gibt Informationen nur zögerlich heraus: Sechs Verletzte gibt es, darunter zwei Schwangere. Eine 43-Jährige hat eine Schussverletzung im Bein, eine 52-Jährige am Fuß, eine 75-Jährige in der Schulter. Wer wann von wem verletzt wurde, darüber geben die Beamten keine Auskunft.

Es dauert nur fünf Minuten, bis die Polizei vor Ort ist.

Im Fernsehstudio Channel 7, von dessen Fenstern aus man das Café sehen kann, denken die Journalisten, sie würden Zeugen eines Überfalls.

Ein Kameramann rennt mit laufender Kamera hinaus. Dann sieht er die Fahne im Fenster. Schwarz, mit weißen, arabischen Lettern. Hochgehalten von zwei Frauen, die ihre Gesichter an die Scheiben drücken, die Augen geschlossen. Es ist 10 Uhr.

Polizisten drängen die Reporter im Studio erst hinter den Newsdesk und dann auf die Straße. Die Übertragung wird unterbrochen. Viele Journalisten haben Tränen in den Augen.

Aus den Büros über dem Lindt-Café werden Menschen über Leitern ins Freie gebracht - die Aufzüge enden im Foyer direkt vor dem Café. Um 11.15 Uhr ist das Geschäftsviertel geräumt.

Quälende Stunden der Ungewissheit folgen. Dann, um 15.35 Uhr, ein Hoffnungszeichen: Drei Männer, ein Mitarbeiter und zwei Gäste, rennen durch den Seiteneingang ins Freie. Wie konnten sie entkommen? Eine der vielen offenen Fragen.

Um 17 Uhr öffnet sich die Tür des Cafés: Zwei Frauen gelingt die Flucht. Die Bilder ihrer entsetzten Gesichter gehen um die Welt - und auf Facebook und Twitter kursieren Selfies von Schaulustigen, die sich vor dem Tatort fotografieren.

Um 18 Uhr meldet der "Sydney Morning Herald", dass Radiomoderator Ray Hadley von einer Geisel aus dem Café im Auftrag des Geiselnehmers angerufen wurde. Der Bewaffnete habe verlangt, live im Radio sprechen zu dürfen. Hadley lehnt ab. Auch andere Medien berichten über Anrufe der Gefangenen. Die Polizei bittet, die Forderungen des Geiselnehmers nicht zu veröffentlichen - doch das übernimmt dieser schon selbst.

Auf der Facebookseite vom Marcia M., die in der Nähe des Cafés in der Westpac Bank arbeitet, wird folgender Text gepostet:

"Liebe Freunde und Familie, ich bin im Lindt Café in Martin Place und werde von einem Mitglied des IS gefangen gehalten. Der Mann, der uns gefangen hält, hat kleine, einfache Forderungen gestellt, aber keine wurde bisher erfüllt. Er droht jetzt damit, uns zu töten. Wir brauchen jetzt Hilfe. Der Mann will die Welt wissen lassen, dass Australien vom Islamischen Staat angegriffen wird."

In den sozialen Netzwerken verbreitet sich die Nachricht. Niemand weiß, ob sie echt ist oder sich hier jemand einen Scherz erlaubt.

Wenig später erscheint ein Video.

Es zeigt Marcia M. vor der Flagge, die im Fenster des Cafés zu sehen war. Sie spricht mit fester Stimme: "Das ist eine Nachricht an Tony Abbott. Wir werden als Geiseln hier festgehalten und der Bruder hat drei Forderungen." Er wolle eine IS-Flagge, ein Telefonat mit dem australischen Ministerpräsidenten Abbott und die Medien darüber informieren, dass zwei andere Bomben in Sydneys Innenstadt versteckt seien.

Das berühmte Opernhaus ist schon am Vormittag geräumt worden, man hatte ein verdächtiges Paket entdeckt. Der Einsatz erweist sich als Fehlalarm.

Am frühen Abend dann die Nachricht, Lindt-Mitarbeiter würden Essen ins Café liefern. Ein gutes Zeichen, meinen viele: Der Geiselnehmer sei wohl nicht ganz herzlos. Mittlerweile ist auch seine Identität bekannt: Man Haron Monis, ein bekannter Islamist.

Um 20 Uhr geht die Sonne in Sydney unter. In der Innenstadt ist kaum jemand unterwegs. Die Straßen sind gespenstisch leer, auch das weihnachtlich beleuchtete Rathaus mag an diesem Tag niemand fotografieren. Um 21 Uhr macht jemand im Café das Licht aus.

Um 2.03 Uhr geht die Tür erneut auf: Sieben Geiseln rennen hinaus. Einige Minuten ist es still, erzählt Channel-7-Reporter Chris Reason. Dann rennt der Geiselnehmer umher und schreit die Geiseln an.

Ein Schuss fällt.

Die Polizisten stürmen das Café. Geräusche einer Explosion, Schüsse, Schreie. Um 2.40 Uhr erklärt die Polizei die Geiselnahme für beendet. Der Geiselnehmer ist tot.

Marcia M. wird von zwei Polizisten hinausgetragen. Sie hat eine Schussverletzung am Bein.

Marcia M. wird von zwei Polizisten aus dem Café getragen
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Marcia M. wird von zwei Polizisten aus dem Café getragen

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