Geiseldrama in Sydney Eine Stadt trauert

Hunderte Menschen sind gekommen, um vor dem Café Lindt in Sydney um den Filialleiter und eine Anwältin zu trauern. Einige fordern härtere Gesetze. Ministerpräsident Abbott nennt den Geiselnehmer einen "verwirrten Einzeltäter".

Von , Sydney


Die traurige Nachricht erreicht die meisten Australier direkt nach dem Aufstehen. Bei der Geiselnahme im Café Lindt im Geschäftsviertel der Stadt sind drei Menschen gestorben: Der Geiselnehmer selbst, der Filialleiter und eine Anwältin, die mit zwei Kolleginnen in dem Café frühstücken war.

Hunderte Menschen steigen jeden Tag an der U-Bahnstation Martin Place aus. Fast jeder in der Stadt scheint jemanden zu kennen, der am Montag kurz vor 10 Uhr, dem Beginn der Geiselnahme, am Café Lindt vorbeigegangen ist.

In Bussen und U-Bahnen ist es am Morgen nach dem Geiseldrama erstaunlich still. Noch mehr Pendler als sonst verstecken sich hinter Smartphones und Büchern. Niemand lacht, niemand dreht die Musik laut auf. Der Nationalspruch "no worries", keine Sorge, gilt nicht mehr.

Es hätte jeden treffen können

Die U-Bahnstation Martin Place ist noch immer gesperrt. Wie ein gespenstisches Mahnmal rauscht die leere Station am Zugfenster vorbei. Hunderte Pendler müssen vom nächsten Halt zu Fuß zurücklaufen. Einer ist mein Nachbar Paul. "Die Stadt hat ihre Unschuld verloren", sagt er.

Im "Sydney Morning Herald" finden sich dieselben Worte: "Ich habe das Gefühl, wir haben einen Teil unserer Unschuld verloren", wird dort eine Frau zitiert, die Tori J., den verstorbenen Filialleiter des Cafés, kannte. "Es ist einfach furchtbar. Ich habe das Gefühl, wir haben etwas verloren, etwas, das uns beschützt hat. Das macht es so erschütternd."

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Australien: Sydney trauert um Opfer von Geiselnahme
Viele Firmen haben ihre Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Ausweise müssen plötzlich vorgezeigt werden. Aufzüge funktionieren nicht mehr ohne Zugangskarte.

Stimmen werden laut, die es plötzlich schon immer gewusst haben wollen, die sich schon seit Monaten vor Terroranschlägen fürchten, die lieber mit dem Taxi als mit der U-Bahn in die Stadt fahren. Und sie haben einen Mitschuldigen für das Drama gefunden. Nicht die Polizei, die hat ihren Job gut gemacht, so die einhellige Meinung. Es ist eine Gesetzesreform, die sie bewegt: Der Geiselnehmer Man Haron Honis, ein bekannter Islamist, saß wegen sexueller Belästigung in Haft. Im Mai kam er gegen eine Kaution frei, sechs Tage, nachdem die Vorschrift dafür gelockert worden war.

Fox News fordert lockere Waffengesetze

Knapp 20.000 Australier haben eine Petition unterschrieben, die fordert, eine Freilassung auf Kaution für Gefangene zu erschweren. Die Regierung des Bundesstaates New South Wales hat schon angekündigt, Ermittlungen einzuleiten, wie Honis durch das Raster habe schlüpfen können: Ursprünglich sollte er am 12. Dezember vor Gericht erscheinen, der Termin wurde jedoch auf den 27. Februar 2015 verlegt.

Nick Adams, ein Australier, der gelegentlich beim konservativen US-Kabelkanal Fox News auftritt, geht noch einen Schritt weiter: Das Waffengesetz müsse reformiert werden, fordert er. Charles Hurt, ein amerikanischer Kollege des Senders, greift die Forderung begeistert auf: Die Geiselnahme beweise, wie wichtig es sei, sich selbst verteidigen zu dürfen. "Es ist doch interessant, dass Australien Waffenbesitz verboten hat, alle Waffen für Privatpersonen, und dann kommt dieser verrückte Mörder und besorgt sich eine Pistole", so Hurt.

Doch noch ist das ein Nebenschauplatz. An diesem Tag mag ihm kaum jemand widersprechen. Es geht jetzt um etwas anderes: Darum, sich nicht unterkriegen zu lassen. Hunderte sind gekommen, um vor dem Café Blumen niederzulegen, auch Ministerpräsident Tony Abbott. Honis sei ein Einzeltäter gewesen, sagt er, ein verwirrter Mensch, der sich selbst für einen Kämpfer des Islamischen Staats hielt, mit den Dschihadisten aber wohl nicht in Kontakt stand. Das soll den Australiern Mut machen. Die Tat eines Einzelnen, nicht die eines Terrornetzwerks. "Schaut Euch die Hoffnung an, schaut, was wir erreichen können, wenn wir zusammenhalten", so Abbott.

In dem sozialen Netzwerk Meetup kursiert ein Brief. Auf der Plattform verabreden sich jeden Tag Dutzende Sydneysider - zum Bier trinken, tanzen, wandern, Spaß haben. Der Brief ist von dem US-Gründer des Netzwerks geschrieben: Er habe Meetup nach den Terroranschlägen vom 11. September gegründet, schreibt er dort. "Ich gehörte zu den Menschen, die dachten, in Zeiten von Fernsehen und Internet bräuchte ich keine Nachbarn", so Scott Heiferman. Die Türme seien gefallen, die New Yorker aufgestanden. Das soll nun auch für Sydney gelten. Viele Cafés in der Innenstadt haben heute gratis Kaffee ausgegeben.

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