Tatverdächtiger von Waldkraiburg Haschisch und Höllenfeuer

Muharrem D., der laut SPIEGEL-Informationen mutmaßlich hinter einer Anschlagserie in Bayern steckt, war wegen verbotener Autorennen polizeibekannt und postete seltsame Koransuren. Woher kam sein Hass auf Türken?
Zerstörtes Geschäft im bayerischen Waldkraiburg

Zerstörtes Geschäft im bayerischen Waldkraiburg

Foto: Lino Mirgeler/ dpa

Der ausgebrannte Gemüseladen am Sartrouville-Platz im bayerischen Waldkraiburg ist zu einer schauerlichen Attraktion geworden. Immer wieder bleiben Passanten und Radfahrer stehen, um durch Lücken in der Plane des Absperrzauns einen Blick auf die ausgebrannte Ladenzeile im Zentrum von Waldkraiburg zu erheischen. "Sanierung von Brand- und Wasserschäden" steht auf dem Zaun, auf dem Boden liegen Schutt und verbogene Regale. Der Schaden geht wohl in die Millionen.

Neben dem ausgebrannten Geschäft sind auch der benachbarte Laden für Wolle und Strümpfe und der angrenzende Drogeriemarkt geschlossen, "aufgrund der aktuellen Geschehnisse", so heißt es auf einem Zettel an der Drogerieladentür. "Es ist ja schon ein Wahnsinn, dass jemand einen solchen Hass hat", sagt eine Spaziergängerin. Zwei ältere türkische Männer auf einer Parkbank nebenan erzählen, wie beliebt die Betreiberfamilie des Ladens im Ort sei. "Wir kennen uns hier alle."

Die Brandruine markiert das Epizentrum einer Serie von Anschlägen auf türkische Geschäfte, die die oberbayerische Gemeinde und ihre knapp 25 000 Einwohner seit Ende April in Angst und Schrecken versetzt hatte. Bis Beamten der Bundespolizei am Freitagabend um 21.13 Uhr am nahegelegenen Bahnhof von Mühldorf am Inn ein ebenso spektakulärer wie zufälliger Fahndungserfolg gelang. 

Nach einer Fahrkartenkontrolle verhielt sich ein ertappter Schwarzfahrer, der in der Regionalbahn 27992 aus Garching gesessen hatte, äußerst verdächtig. Sein Gepäck sei so schwer, soll er gegenüber den Beamten geklagt haben. Als die nachschauten, entdeckten sie laut Polizeibericht nicht nur 5,7 Gramm Marihuana, sondern auch acht "unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen". Die offenbar selbst gebauten Rohrbomben wurden als hochgefährlich eingestuft, der Entschärfungsdienst rückte an, der junge Mann kam in Gewahrsam.

Motiv: "Hass auf Türken"

Er wurde laut SPIEGEL-Informationen als Muharrem D., 25 Jahre alt, geboren im bayerischen Altötting identifiziert. Er ist kurdischer Herkunft und besitzt sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsangehörigkeit. Bereits mehrfach wurde D. bei der Polizei aktenkundig, zuletzt im Oktober 2019 wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz und eines mutmaßlich verbotenen Autorennens.

Nach seiner Festnahme, so heißt es im Polizeibericht, habe D. den Beamten überraschend mitgeteilt, dass er für die Anschläge auf die türkischen Geschäfte verantwortlich sei. Als Motiv gab der Deutsch-Türke "Hass auf Türken" an. In einer anschließenden Vernehmung bestritt er nach Angaben der Ermittler, dass seine Taten in Zusammenhang mit dem Kurdenkonflikt stünden. Stattdessen behauptete er, Anhänger der islamistischen Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu sein, und verriet den Beamten weitere Verstecke von Rohrbomben, Sprengstoff und einer Waffe.

Tatverdächtiger Muharrem D.

Tatverdächtiger Muharrem D.

Foto: Instagram

Tatsächlich fanden sich bei den folgenden Durchsuchungen zahlreiche selbst gebaute Sprengsätze, explosive Chemikalien sowie eine scharfe Automatikpistole der Marke Beretta, Kaliber 7,65 Millimeter. 

D., der eine Berufsschule in Altötting absolviert hat, machte eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und war seit einigen Monaten arbeitslos. Er wohnte in einem in die Jahre gekommenen, beigen Wohnblock nahe der Innenstadt von Waldkraiburg. Den Ermittlungen zufolge war D.s Eltern in den letzten Jahren eine zunehmende Radikalisierung ihres Sohnes in Richtung eines fundamentalistischen Islam aufgefallen. Darüber sei es zum Streit und zeitweisen Kontaktabbruch gekommen. Seine angebliche Sympathie für den IS bemerkten die Eltern demnach aber nicht. Es habe in letzter Zeit auch wieder Kontakt zu ihm gegeben.

Die Ermittler gehen bislang davon aus, dass D. keine Komplizen hatte. "Es gibt zurzeit keine Anzeichen für Mittäter. Nach seinen Angaben hat er allein und ohne Anleitung gehandelt", sagt der Leitende Oberstaatsanwalt der Generalstaatsanwaltschaft München, Georg Freutsmiedl. Zwar identifiziere sich der Tatverdächtige mit der Gesinnung des IS. Kontakte zu Mitgliedern der Terrororganisation konnten aber nicht festgestellt werden. Die Auswertung von Beweismitteln stehe allerdings erst am Anfang. Auch würden mögliche Verbindungen in die deutsche Islamistenszene geprüft.

Mit dem Fall betraute Beamte rätseln über die Gründe für den offenbar tief sitzenden Türkenhass von Muharrem D. Der Polizeipräsident des Präsidiums Oberbayern Süd, Robert Kopp, beschrieb ihn als einen Mann mit narzisstischen Zügen, der die Aufmerksamkeit ein Stück weit genieße. "Er wirkt nicht schuldunfähig. Man hat in den Vernehmungen gemerkt, dass er sehr wohl weiß, was er getan hat. Er hat auch Drucksituationen in den bisherigen Vernehmungen ausgehalten", sagte ein Ermittler dem SPIEGEL.

Vorwurf: Mordversuch in 27 Fällen

Zu einem narzisstischen Persönlichkeitsbild passt auch, dass D. nach seiner mutmaßlichen Tat offenbar wahllos per Instagram Freundschaftsanfragen verschickt hat. So erzählen es Männer, die in der Nähe des ausgebrannten Geschäfts wohnen. Auf dem Handy zeigt einer der Männer Bilder und Videos seines Social-Media-Profils herum. Darauf: heroisch anmutende Selbstporträts, Clips, in denen ein Badezimmer unter Wasser gesetzt wird, Videos, wie jemand Gegenstände am Boden einer Küche verbrennt. Und eine düstere Koransure, in der Irregeleiteten mit dem Höllenfeuer gedroht wird.

Opfer der Anschläge waren türkischstämmige Geschäftsinhaber. So wie Hasan Çavuş, der in einem Wohngebiet hinter dem Waldkraiburger Bahnhof im vergangenen Jahr den Gül Kebap Imbiss übernommen hat. Çavuş zeigt die vier großen Löcher in den Fensterscheiben des Ladengeschäfts, sie sind mittlerweile notdürftig wieder geschlossen. Die Polizei hatte ihn am frühen Morgen angerufen, dann stand sie vor seiner Wohnungstür, erzählt Çavuş. Als sie zum Imbiss kamen, lag drinnen ein Backstein, einer draußen vor der Tür. Nach der Polizeibefragung kamen weitere Ermittler, das türkische Konsulat rief an, dann der türkische Außenminister. 

Die Ermittler sind sich sicher, dass mit D.s Verhaftung womöglich noch schlimmere Attentate verhindert werden konnten als der Backsteinangriff auf den Imbiss und der Brandanschlag auf das Gemüsegeschäft am Sartrouville-Platz. Bei dem Feuer wurden sechs Menschen verletzt. Die Bewohner des Hauses konnten sich nur über die Tiefgarage ins Freie retten. Die Münchner Generalstaatsanwaltschaft wirft dem in Untersuchungshaft sitzenden Muharrem D. deshalb versuchten Mord in 27 Fällen aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen vor. Sein Verteidiger war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

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