»Die Stimmung wird aggressiver« Tausende Vordrängler ertricksen sich Impfung – Rufe nach Strafen werden lauter

Die Impfkampagne in Deutschland schreitet voran – und viele, die noch nicht an der Reihe waren, wollen nun auch endlich dran sein. Tausende versuchen es mit Tricks oder sogar falschen Angaben.
Corona-Impfzentrum in Hamburg: Erschreckend viele Egiosten

Corona-Impfzentrum in Hamburg: Erschreckend viele Egiosten

Foto: Andre Lenthe Fotografie / imago images/Andre Lenthe

Angesichts zunehmender Versuche von Impfwilligen, sich teils mit falschen Angaben eine vorzeitige Impfung zu verschaffen, wird der Ruf nach Strafen lauter. »Zwar werden Tausende erwischt, aber es fehlt an Sanktionen«, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Sich beim Impfen vorzudrängen, ist demzufolge weiterhin nicht einmal eine Ordnungswidrigkeit.

Viele Impfzentren klagen einem Medienbericht zufolge über Aggressivität von Impfwilligen und zunehmende Versuche, sich eine vorzeitige Impfung zu erschleichen. Das SWR-Fernsehmagazin »Report Mainz« berichtete von mehreren Tausend Fällen .

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Allein das Hamburger Impfzentrum meldete demnach zuletzt 2000 Vordrängler – in einer Woche. Um vorzeitig an einen Impftermin zu kommen, würden etwa falsche Alters- oder Berufsangaben gemacht, hieß es. In München würden bis zu 350 Vordrängler in der Woche erwischt, in Saarbrücken bis zu 140. Die Redaktion hatte bei den Impfzentren der Landeshauptstädte nachgefragt, allerdings erfassen nicht alle die Zahlen zu Impfvordränglern.

Der Sprecher der Hamburger Sozialbehörde, Martin Helfrich, sagte dem Magazin: »Die Stimmung wird aggressiver. Den Menschen ist teilweise sehr klar, dass sie nicht berechtigt sind und trotzdem versuchen sie, sich impfen zu lassen.«

Die Recherchen zeigen dem Bericht zufolge, dass die Impfbetrüger sich oft als höher priorisierte Kontaktpersonen von Pflegebedürftigen oder Schwangeren ausgeben. Denn eine pflegebedürftige Person etwa kann zwei Kontaktpersonen benennen, die vorrangig geimpft werden. In einem der SWR-Redaktion bekannten Fall sollen es aber statt zwei gleich acht junge und gesunde Leute geschafft haben, sich als Kontaktpersonen impfen zu lassen.

Die Gesundheitsministerkonferenz hob am Montag die Impfpriorisierung beim Präparat des Konzerns Johnson & Johnson auf – ähnlich wie zuvor bereits bei dem des Herstellers AstraZeneca. Beide Impfstoffe können in sehr seltenen Fällen schwere Nebenwirkungen haben. Deshalb ist vor einer Entscheidung für eines der beiden Vakzinen bei Menschen bis 60 Jahren ärztliche Aufklärung und eine individuelle Risikoanalyse vorgeschrieben.

»Psychische und physische Drohgebärden«

Regelhaft eingesetzt werden sollen beide Impfstoffe erst bei Personen ab 60. Allerdings wird der Großteil von Johnson & Johnson in Deutschland voraussichtlich erst dann geliefert werden, wenn die Älteren ganz überwiegend schon geimpft sind. Anders als beim Wirkstoff von AstraZeneca – und auch den unbeschränkt eingesetzten Präparaten von Biontech/Pfizer und Moderna – reicht bei Johnson & Johnson bereits eine Impfung.

Brysch sagte mit Blick auf den Druck vieler Impfwilliger: »Jetzt werden Vakzinen freigegeben. Damit entsteht in den Impfzentren und bei den Hausärzten massiver Druck. Am Patientenschutztelefon erfahren wir von psychischen und physischen Drohgebärden.« Die Stiftung Patientenschutz hatte bereits im Februar Strafen für Impfvordrängler gefordert.

Insgesamt haben die Impfstellen in Deutschland mittlerweile mehr als 35 Millionen Impfdosen gegen Corona verabreicht – etwas weniger als 27,3 Millionen bei Erstimpfungen und weitere gut 7,8 Millionen bei Zweitimpfungen (Stand Montag). 32,8 Prozent der Menschen haben mindestens eine Impfung erhalten. Den vollen Impfschutz erhielten demnach bislang 9,4 Prozent der Bevölkerung.

mxw/dpa
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