"Taximörder vom Bodensee" Knastausbruch mit Nagel

Der gefürchtete "Taximörder vom Bodensee" war 36 Stunden lang auf freiem Fuß. Wie konnte es Andrej W. gelingen, aus einer hoch gesicherten Psychiatrie zu fliehen? Der 29-Jährige sagt, er habe seine Fußfesseln mit einem einfachen Nagel gelöst - und sei in die Freiheit spaziert.

DPA

Von


Hamburg - Keine drei Monate hat es Andrej W. in seiner Zelle des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden (PZN) in Wiesloch bei Heidelberg ausgehalten. Die Vorstellung, aufgrund seiner psychischen Struktur mindestens 30, eher 35 Jahre hier eingesperrt zu sein, konnte er offenbar nicht ertragen.

Der 29-Jährige, genannt der "Taximörder vom Bodensee", wurde am 10. Februar dieses Jahres wegen Mordes, versuchten Mordes, Vergewaltigung und schwerer Körperverletzung zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik verurteilt. An seiner Schuld bestand kein Zweifel.

Am 8. Juni vergangenen Jahres hatte Andrej W. eine Taxifahrerin aus Singen schwer verletzt. Die 44-Jährige sitzt heute im Rollstuhl. Am Tag darauf tötete er in Hagnau eine Taxifahrerin und verging sich an der 32-Jährigen. Der Vorsitzende Richter Jürgen Bischoff sagte bei der Urteilsverkündung, kein anderes Verbrechen habe die Menschen am Bodensee so in Angst und Schrecken versetzt wie die beiden Überfälle.

Dem gebürtigen Russen mit deutschem Pass gelang am Wochenende für knapp 36 Stunden die Flucht aus der geschlossenen Psychiatrie - während des Hofgangs am Samstagvormittag. Trotz Fußfesseln und strenger Videoüberwachung.

Wie konnte das passieren?

Andrej W. packte am Montagmittag in der Vernehmung aus: Er habe nach Hause gewollt, nach Russland - über Nürnberg, Berlin und Polen. Mit dem Fahrrad. Einen drei Zentimeter langen Nagel habe er angeblich in seiner Zelle gefunden und in die Kordel seiner Jogginghose gestopft. Beim Drehen seiner Runden gegen 10.30 Uhr habe er sich dann auf die vom Hof aus zugänglichen Toiletten zurückgezogen und mit dem Nagel die Fußfesseln geöffnet.

Das PZN ist eine Klinik, kein Hochsicherheitstrakt - und gleichzeitig eilt der größten Fachklinik in Baden-Württemberg der Ruf voraus, so sicher wie ein Gefängnis zu sein, wenn man wie Andrej W. in der forensischen Station untergebracht ist.

Dieser Bereich ist Heidelberger Ermittlern zufolge doppelt abgesichert: Erst durch eine knapp vier Meter hohe Mauer und anschließend durch einen etwa fünf Meter hohen Stacheldrahtzaun. "Beide Hindernisse hat Herr W. überwinden können", so ein Sprecher der Polizei Heidelberg. Die erste Mauer habe er mit Hilfe einer ausgehängten Toilettentür bestiegen.

"Auch ohne Baustelle das Gelände locker verlassen"

Das insgesamt etwa 20 Hektar große Gelände ist zusätzlich von einer knapp sechs Meter hohen Mauer umgeben. Doch da zurzeit eine neue forensische Abteilung für den Maßregelvollzug gebaut wird, ist im März dieses Jahres ein Teil der Mauer abgerissen und durch einen "vergleichbar hohen Zaun" ersetzt worden.

Dieser Schutz war zum Zeitpunkt der Flucht über eine Breite von etwa vier Metern offen, wie ein Ermittler bestätigte. Durch diesen Durchgang sei der verurteilte Mörder in die Freiheit gelangt. Das habe Andrej W. in der Vernehmung eingeräumt. "Doch er hätte auch ohne Baustelle das Gelände locker verlassen können. Denn diese Außenmauer ist lediglich eine Abgrenzung, und dient nicht dazu, eine Flucht zu verhindern", so der Polizeisprecher.

Geklärt werden muss nun also, wie der 29-Jährige die beiden Schutzwälle um den speziell gesicherten Trakt ungesehen hochklettern konnte und warum kein Alarm ausgelöst wurde. Nirgendwo gebe es so viele Schleusensysteme, Bewegungsmelder, Spezialzäune und Videoüberwachung geben wie im PZN, sagte ein Ermittler. Die Patienten würden eingeschlossen, das Essen durch eine Klappe gereicht; viele Türen seien vergittert und mehrfach gesichert. Die Klinik selbst war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

"Wiesloch ist der sicherste Ort Baden-Württembergs", sagt Klaus Frank, Rechtsanwalt aus Konstanz und Andrej W.s einzige Kontaktperson. "Ich vermute menschliches Versagen hinter der geglückten Flucht - das darf nicht passieren. Bei Andrej W. liegt die Gefahr darin, dass er Menschen, die er nicht kennt, angreift und einfach umbringt."

Anfangs hatte sich der Spätaussiedler noch gefreut, dass er zur Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt wurde - und nicht ins Gefängnis musste. "Er denkt, er hat alle reingelegt", sagt Frank.

"Nicht schlau genug für eine geplante Flucht"

In Wahrheit hat Andrej W. das PNZ völlig falsch eingeschätzt. Dort arbeiten 1500 Angestellte, die Vorschriften gelten als streng. In den Zellen der forensischen Abteilung gibt es keinen Fernseher, pro Tag maximal eine Stunde Hofgang. "Es ist nicht besser als Knast", sagt Frank. 250 Patienten werden in der Abteilung Forensik behandelt - wie Andrej W. Ein Zellennachbar von ihm ist der Attentäter von Wolfgang Schäuble.

Weil der jungenhaft wirkende Andrej W. als extrem gewaltbereit eingeschätzt wird, galten für ihn höchste Sicherheitsmaßnahmen. Sein Anwalt glaubt, der 29-Jährige habe "die Möglichkeit am Schopf gepackt, das war keine geplante Flucht".

Der verurteilte Mörder habe kein Geld, keine Orientierung und keine Kontakte. "Seine Familie hat sich von ihm abgewandt. Er hat weder Freunde noch Verwandte - nur Leute, die Angst vor ihm haben", so Frank. Zudem sei er schlichtweg "nicht schlau" genug für eine gut organisierte Flucht.

Aber Andrej W. birgt großes Gefahrenpotenzial in sich. Sein Strafverteidiger ist davon überzeugt, dass er sich erneut Opfer gesucht hätte, wenn er sich stabilisieren und seine Zeit in Freiheit hätte ausdehnen können. "Er ist unberechenbar. Es hätte gut sein können, dass er bei einer Entdeckung impulsiv reagiert", so Frank.

Andrej W. gilt als äußerst gewaltbereit, das LKA stufte ihn als "hochgefährlich" ein und warnte eindringlich vor jeglichem Kontakt mit dem Spätaussiedler. "Wir mussten davon ausgehen, dass sich der 'Taximörder' ein neues Opfer sucht", so ein Ermittler.

Auch die Polizei ist davon überzeugt, dass Andrej W. bei der Flucht keine bewussten Helfer hatte. Vermutlich irrte er auch deshalb orientierungslos in der ihm fremden Umgebung umher. Ein Großaufgebot von Landes- und Bundespolizei sowie speziellen Spürhunden und einem Hubschrauber mit Wärmebild-Kamera suchten nach dem Flüchtigen. Bahnhöfe, S-Bahn-Haltestellen, Autobahn-Raststätten und Parkplätze wurden kontrolliert. Die Fahnder legten besonderes Augenmerk auf geklaute Fahrräder, da Andrej W. ein Faible dafür hat und bereits bei seinen ersten Taten immer wieder mit gestohlenen Rädern unterwegs war.

Während seiner Flucht brach der 29-Jährige laut Polizei vier Gartenlauben in Wiesloch-Baiertal auf und tauschte seine Anstaltskleidung - weißes Shirt, graue Trainingshose - gegen andere Sachen. Weil er sich am Stacheldraht eine Hand und beide Unterarme verletzt hatte, brach er mit einer Spitzhacke die Heckscheibe eines Autos auf, um an den Verbandskasten zu kommen.

insgesamt 49 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mm01 09.05.2011
1. ...
"Die Vorstellung, aufgrund seiner psychischen Struktur mindestens 30, eher 35 Jahre hier eingesperrt zu sein, konnte er offenbar nicht ertragen." Mir kommen die Tränen bei so viel Sensibilität eines Mörders und Vergewaltigers. Was wohl seine Opfer davon halten. Ach ja, ich vergaß, eines kann man leider nicht mehr befragen.... Was mich allerdings beunruhigt ist, weshalb solche Täter nicht in Hochsicherheitseinrichtungen untergebracht werden.
heinz4444 09.05.2011
2. xy
Die Verantwortlichen gehörten eigentlich auch hinter Gitter. Es war ein Glück,dass es nicht ein weiteres Opfer auf seinem "Spaziergang" gab. Mehr will ich dazu nicht schreiben,sonst kommt gleich ein kollektives Aufheulen der Gutmenschen Fraktion.
Hans58 09.05.2011
3.
Zitat von sysopDer gefürchtete "Taximörder vom Bodensee"*war 36 Stunden lang auf freiem Fuß. Wie konnte es*Andrej W.*gelingen, aus einer hoch gesicherten Psychiatrie zu fliehen? Der 29-Jährige sagt, er habe seine Fußfesseln mit einem einfachen Nagel gelöst - und*sei in die Freiheit spaziert. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,761499,00.html
Dank eines Nagel... Weg mit dem Genetiv? Nein, rettet dem Dativ! P.S. Und nun diskutieren wir darüber, ob es ein Obi-Nagel, ein Praktiker-Nagel oder sonst ein Nagel war....
GyrosPita 09.05.2011
4.
Was bin ich froh das auch für Mörder und Vergewaltiger auf der Flucht die Regel gilt das in Artikeln über sie der Nachname zwecks Schutz der Persönlichkeit abgekürzt wird, und das nicht erst nach ihrer erneuten Festnahme sondern auch schon in den ersten Meldungen über einen Ausbruch. Warum werden überhaupt noch Fahndungsfotos veröffentlich die nicht mit einem schwarzen Balken unkenntlich gemacht sind?
GyrosPita 09.05.2011
5.
Zitat von mm01"Die Vorstellung, aufgrund seiner psychischen Struktur mindestens 30, eher 35 Jahre hier eingesperrt zu sein, konnte er offenbar nicht ertragen." Mir kommen die Tränen bei so viel Sensibilität eines Mörders und Vergewaltigers. Was wohl seine Opfer davon halten. Ach ja, ich vergaß, eines kann man leider nicht mehr befragen.... Was mich allerdings beunruhigt ist, weshalb solche Täter nicht in Hochsicherheitseinrichtungen untergebracht werden.
Wir haben hier (westliches NRW) auch so eine Einrichtung wo die "Creme de la Creme" eingebunkert ist (Rhein-Ruhr-Ripper, der Satanist von Witten, etc. pp.). Ich behaupte mal das diese Dinger von der baulichen und technischen Sicherheit besser gerüstet sind als die meisten Gefängnisse: Eine meterhohe, mit Keramik überzogene Mauer (da rutscht man so schön dran ab) mit Graben, Zäune, Kameras, Bewegungsmelder, Wärmesensoren und aller Zipp und Zapp. Der ganze Kram da nützt leider nichts wenn das Peronal nur Blei im Hintern hat. Vor Jahren ist mal ein Sexualtäter entkommen, was nur durch zu Fall bekannt wurde. Auf die Nachfrage der Lokalzeitung warum die Öffentlichkeit nicht informiert wurde hieß es nur: "Dazu haben wir keinen Grund gesehen". Vielen Dank auch. Ein anderer Verbrecher konnte vor Jahren flüchten als man ihn für eine Zahnarztbehandlung außerhalb des Geländes (damals gab es auf dem Klinikgelände keinen Zahnarzt) brachte und tötete auf der Flucht zwei Menschen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.