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16. Mai 2012, 12:08 Uhr

Skandal um US-Fernsehprediger

Sex, Drogen, Halleluja

Von , New York

Sie steuern das größte christliche TV-Imperium Amerikas: Die Fernsehprediger Paul und Janice Crouch sind berühmt für ihre tränenreichen Spendenappelle. Doch jetzt stecken sie in einem unheiligen Skandal - sie sollen Unsummen für private Luxus-Eskapaden veruntreut haben.

Die Tränen fließen. Sie rinnen ihr über die Wangen, graben tiefe Furchen ins klumpige Make-up. Ihre Augen sind Kleckse aus Eyeliner und fließender Wimperntusche. Ab und zu tupft sie sich das Gesicht mit einem Taschentuch ab - rein demonstrativ: Die Tränen sollen fließen.

"Ich wollte Selbstmord begehen", liest Janice Crouch aus dem Brief einer Zuschauerin, den sie in den bebenden Händen hält. "Doch seit ich Jesus akzeptiert habe, glaube auch ich an Wunder." Weshalb sie zum Dank zehn Dollar beifüge.

Crouch sitzt in einer TV-Studiokulisse, halb Kirchenschiff, halb Märchenpalast: Spiegel, Kronleuchter, Konzertflügel, Plüschsofa. Sie trägt einen schwarzen Kaftan mit goldenen Bordüren. Ihre Perücke wirkt wie eine übergroße Wintermütze - ein auftoupierter, unbeweglicher Zuckerwattewust in Himmelblau.

"Danke, Gladys, dass du mir geschrieben hast", schluchzt Crouch. "Dein Brief war ein Wunderbrief." Dann fixiert sie ihr Publikum durch die Kamera, und ihr Blick wird stählern. "Schickt uns alle eure kleinen Wunderbriefe!", appelliert sie. "Wegen des Teufels. Der Teufel hat seine Netzwerke. Jesus hat nur ein einziges."

Dieses Netzwerk ist das Trinity Broadcasting Network (TBN). Es gehört dem TV-Prediger Paul Crouch senior und seiner Gattin Janice, genannt Jan, die als christliche Chef-Animateurin amtiert. Das Evangelisten-Duo steuert ein Familienimperium mit Dutzenden Lokalsendern, die insgesamt fast 50 Millionen US-Haushalte erreichen. Hinzu kommen rund 18.000 Partnersender weltweit, ein religiös erbauender Entertainment-Komplex in Tennessee und ein Bibelpark in Florida, dem Holy Land Experience nahe Walt Disney World.

Wie das Drehbuch einer Seifenoper

Dass Jan Crouch an Tammy Faye Messner erinnert, jene TV-Predigerin und Mascara-Queen, die mit ihrem damaligen Mann Jim Bakker in den achtziger Jahren Furore machte, ist kein Zufall. Die zwei Ehepaare gründeten TBN 1973 gemeinsam, bevor die Bakkers mit ihrem eigenen Bibelreich Millionen scheffelten.

Und wie die Bakkers, die 1987 in einem Sex- und Steuerskandal untergingen, drohen jetzt auch die Crouchs in einem unheiligen Sumpf zu versinken. Die Ironie: Viele der Vorwürfe sind nahezu identisch mit der Bakker-Saga - Sex (hetero- und homosexuell), Drogen, Steuerhinterziehung und Unterschlagung von Abermillionen Dollar, Prasserei mit Bentleys, Privatjets, Luxusvillen sowie einem 100.000-Dollar-Wohnmobil - für die Schoßhündchen.

Das Schlimmste: Die Anschuldigungen kommen aus den eigenen Reihen, von der Crouch-Enkelin Brittany Koper und von Joseph McVeigh, dem Onkel ihres Mannes. Beide hatten mal Führungspositionen bei TBN, wurden gefeuert und klagen nun separat gegen das Evangelistenkonglomerat.

Die Crouchs streiten alles ab. Ihr Anwalt Colby May nannte die Vorwürfe "Tabloid-Klagen", an denen nichts dran sei: "Von vorne bis hinten erfunden", sagte er der "New York Times".

So oder so: Die Klagen lesen sich wie das Drehbuch einer Seifenoper, die die schrille Scheinwelt von US-Fernsehpredigern nur noch weiter persifliert. Koper und McVeigh werfen den Crouchs vor, mehr als 50 Millionen Dollar des "gemeinnützigen" TBN für persönliche Extravaganzen abgezweigt zu haben. Die Gerichtsdokumente strotzen vor süffisanten Details, samt Verrat, sexueller Belästigung, Beschimpfungen und Drohungen - eine sündige Mischung aus Finanzkrimi und Familienzwist.

"Das bisschen Haushaltsgeld"

Der Betkonzern TBN ("größtes christliches Network der Welt") scheint auf den ersten Blick ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Anker des TV-Programms sind telegene Kitschmessen, rund um die Uhr flankiert von Spendenappellen, Bibelseminaren, "Praise-A-Thons", spiritueller "Beratung", religiösen Kinofilmen - und immer wieder von Mel Gibsons kontroversem Jesus-Epos "Die Passion Christi".

Über all dem thronen die Crouchs: Paul, 78, ein Greis mit Faible für Eierschalen-Smokings, und Jan, 74, ein grell geschminkter Drachen mit weinerlicher Stimme und voluminösem Kunsthaar. Das Evangelium, das sie predigen, nennt sich "Prosperity Gospel", Evangelium der Prosperität - eine vor allem in den USA populäre, doch umstrittene Pseudotheologie.

Ihr Mantra: Je mehr du gibst, umso mehr kriegst du. Daher scheut Jan Crouch auch nicht davor zurück, den Zuschauern ihr "bisschen Haushaltsgeld" abzufordern: "Versichert eurer Familie den Segen Gottes, indem ihr es Gott gebt." Das ist Lockung und Drohung zugleich: Gebt ihr nicht, dann wird Gott euch verlassen.

Dieser Drohung gehorchen offenbar Millionen. Doch sie geben ihr Haushaltsgeld nicht Gott, sondern TBN - über eine im Programm eingeblendete Adresse und Telefonnummer.

Das sammelt sich. 2010 meldete TBN nach Angaben der Aktivistengruppe Ministry Watch ein Reinvermögen von 827,6 Millionen Dollar, bei 175,6 Millionen Dollar Umsatz. Allein 93 Millionen Dollar waren Spenden. Der Rest stammte aus Filmproduktionen, Lizenzierungen und obskuren Investmentgeschäften, plus zahllosen undurchsichtigen Schattenunternehmen im Ausland. Ministry Watch gibt TBN in Sachen "Transparenz" deshalb die schlechteste Note F.

Steuerfreie religiöse Ausgaben oder exklusive Privatausgaben?

Der Gerichtsstreit reißt die Fassade nun ein. Brittany Koper, Tochter von Paul Crouch junior, arbeitete bei TBN als Finanzchefin. Sie und McVeigh behaupten, sie seien gefeuert worden, weil sie sich über interne Unregelmäßigkeiten beschwert hätten. Kopers Vater kehrte seinen Eltern ebenfalls den Rücken, die täglichen Geschäfte des Imperiums führt nun sein Bruder Matthew.

Als arbeitsrechtlicher Disput getarnt, stellen die Klagen das TBN-Familienheiligtum als Sündenbabel dar. Den Dokumenten zufolge sollen die Crouchs die TBN-Millionen zur Finanzierung ihres Lebensstils missbraucht haben. Unter den Luxusobjekten:

Diese Privatausgaben sollen in den Büchern als "religiöse", also steuerfreie Geschäftskosten getarnt worden sein, heißt es in den Klagen. Ein TBN-Anwalt, den Koper um Rat ersucht habe, soll sie außerdem sexuell belästigt und ihr "Drogen angeboten" haben. Als sie ihn abgewiesen habe, habe er im Namen der Crouchs Gegenklage erhoben. Auch sollen die Crouchs sie persönlich "bedroht und eingeschüchtert" haben.

In der McVeigh-Klage heißt es, die Crouchs sollen mit TBN-Geldern auch "mehrere Sex-Skandale vertuscht" haben. Darunter "einen blutigen sexuellen Angriff" im Holy Land Experience, eine Affäre von Jan Crouch mit einem Park-Angestellten und eine homosexuelle Affäre von Paul Crouch mit einem einstigen Mitarbeiter.

Letzterer Fall ist aktenkundig. 2004 hatte Crouch dem TBN-Angestellten Enoch Lonnie Ford per außergerichtlicher Einigung 425.000 Dollar Schweigegeld gezahlt. Der Ex-Sträfling hatte behauptet, er und Crouch hätten eine Sex-Affäre gehabt. TBN stritt das ab.

Die Spendenorgie geht weiter. Kürzlich rief TBN vor Hunderten jubelnden Jüngern zum "Spring Praise-A-Thon 2012", einer Gala mit Gospelsängern und brüllenden Predigern. Die TV-Zuschauer konnten per Telefon zahlen, die Saalgäste warfen Schecks in Goldschüsseln. Am Bühnenrand präsidierte Jan Crouch über die Show. Sie sagte kein Wort, weinte aber.

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