Telefonat mit einem Bankräuber "Willst du eine Geisel sprechen?"

So einen Banküberfall gab es noch nie: Die Geiseln bangten um ihr Leben, aus den Fenstern der Nachbarn schallte "Ba-Ba-Banküberfall". Noch skurriler: Am Telefon beschwerte sich der Geiselnehmer bei einem Journalisten über zugesperrte Toiletten und fehlende Zigaretten.

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Hamburg - Günther B. ist in Rage - er muss aufs Klo: "Jetzt passen Sie mal auf, Sie Märchenprinz. Ich habe weder Zigaretten bekommen noch sonst irgendwas. Und jetzt muss ich noch einmal anrufen, damit wir endlich aufs Klo gehen können. Das Klo ist nämlich abgeschlossen." So lauten die Worte, die B. mit einem Journalisten austauscht - während er eine Wiener Filiale der BAWAG-Bank überfällt.

Geiselnehmer Günther B.: "Woher haben Sie überhaupt die Nummer?"
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Geiselnehmer Günther B.: "Woher haben Sie überhaupt die Nummer?"

Doch das Szenario der Geiselnahme ist noch viel absurder. Die Nachbarn des in einer belebten Wiener Einkaufsstraße gelegenen Gebäudes sorgen für Soundtrack des Verbrechens: Bis die Polizei interveniert, stellen sie die Boxen ihrer Stereoanlage laut der Zeitung "Österreich" ins Fenster und spielen einen der größten Hits der aus Österreich stammenden "Ersten Allgemeinen Verunsicherung": "Ba- Ba- Banküberfall".

Auf gesteigertes Interesse trifft die Geiselnahme laut der Zeitung auch bei einer Delegation des russischen Innenministeriums. Die Beamtengruppe soll demnach auf Einladung des österreichischen Innenministeriums bei einem Geisel-"Trockentraining" in Oberösterreich teilnehmen. Da nun aber zufällig in der Nachbarschaft eine reale Geiselnahme stattfindet, bleiben die Russen gleich vor Ort und verzichten auf die Fahrt nach Oberösterreich.

"Sind Sie Geisel?"

Während sich all dies außerhalb des Gebäudes des BAWAG-Filiale abspielt, klingelt drinnen das Telefon: Am Apparat ist Arpad Hagyo, Journalist der Zeitung "Österreich": "Guten Tag, ich wollte mit dem Herrn sprechen, der dort mit ein paar Leuten drinnen sitzt. Mit wem hab' ich die Ehre?", hört man Hagyo fragen. "Ich bin Mitarbeiter der BAWAG", antwortet die Stimme am anderen Ende der Leitung. "Verstehe. Das heißt Sie sind Geisel?", hakt der Journalist nach. Nachdem der hörbar verunsicherte Mitarbeiter dies bejaht, fährt Hagyo fort: "Könnte ich bitte den Herrn, der Sie bedrängt, sprechen?" Es folgt das Gedudel der Tonbandschleife, dann ist Günther B. am Apparat.

Für B. ist in dieser Situation zunächst die wichtigste Frage, welcher Nationalität Hagyo ist - immerhin klinge sein Name nicht nach einem österreichischen Staatsbürger. Als der Journalist daraufhin in einen breiten österreichischen Akzent verfällt, scheint B. überzeugt. Nach anfänglichem Geplänkel kommt B. auf sein scheinbar wichtigstes Anliegen zu sprechen: die Problematik der abgesperrten Toilette. "Wieso ist die Toilette abgesperrt?", fragt Hagyo. "Na weil sie halt zu ist", sagt B. "Ist das normal dort?", fragt der Journalist weiter.

"Das ist nicht normal. Jetzt schieß ich da einmal hinein. Ich kenn dich nicht. Wie heißt du? Willst du eine Geisel sprechen?" Der Reporter fragt, wie es nun weitergehen werde. "Was heißt, wie es weiter gehen wird? Woher haben Sie überhaupt die Nummer?", fragt der Geiselnehmer hörbar angespannt. "Aus dem Telefonbuch", sagt Hagyo. "Das gibt's doch nicht", zeigt sich B. empört. "Sicher", antwortet der Journalist. Offenbar trifft die Antwort nicht den erwarteten Tonfall B.s: "Was heißt hier 'sicher'? Wie redest du denn mit mir? Das heißt 'ja'." "Ja", antwortet Hagyo. "Das hört sich schon besser an", erwidert der Geiselnehmer. Dann hört man nur noch das Tuten des Telefons.

Hagyo selbst darf sich nicht zu dem Telefongespräch äußern

Die Aufzeichnung des Gesprächs findet sich im Internet bei "Youtube". Wie das Tonband hier her gelangte, ist unklar. Arpad Hagyo selbst äußerte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, dass er auf Anweisung seiner Vorgesetzten keine Auskünfte mehr zu diesem Thema geben dürfe. Gert Edlinger, Geschäftsführer des redaktionellen Bereichs von "Österreich", stand SPIEGEL ONLINE heute nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung.

Hagyo ist für das Telefongespräch, das zunächst von "Österreich" selbst online gestellt worden war, aber inzwischen von der Seite entfernt worden ist, heftig kritisiert worden. Das österreichische Magazin "Datum" hat am Mittwoch ein Interview mit dem Journalisten geführt. Er habe sich "lediglich ein Bild" von der Situation in der Bank machen wollen und die Telefonnummer sei nicht von der Polizei gesperrt worden: "Ich habe lediglich eine Festnetznummer angerufen, die im Telefonbuch steht", zitiert ihn die Zeitung.

Er sei überrascht gewesen, mit dem Geiselnehmer selbst sprechen zu können. Zu seinem persönlichen Eindruck von der Situation sagt er: "Ich hatte das Gefühl, dass der Mann es sehr auf Provokation angelegt hat, es war ein ungutes Gefühl. Er hat versucht, mich in ein Geplänkel zu verwickeln und runterzumachen." Durch sein Handeln, meint Hagyo, habe er sich anders als die Journalisten beim Geiseldrama von Gladbeck aber nicht zu einem Komplizen des Geiselnehmers gemacht. "Ich kann Ihnen nur sagen, dass meine Vorgangsweise nicht von Sensationshunger getrieben war." Angesichts der Reaktionen, die sein Anruf ausgelöst hat, würde er aber nicht wieder so handeln, zitiert ihn "Datum".



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