Terror-Alarm Briten in Aufruhr - Brown gründet Sicherheitsrat

Verdächtige Autos, Bomben-Alarme, das ganze Land in Angst vor einer mysteriösen Ärzte-Attentats-Connection - jetzt geht Premier Brown in die Offensive. Ein neuer Anti-Terror-Rat soll die Briten beruhigen.


London - "Wir werden zu allen Zeiten wachsam sein und nie zurückweichen": Gordon Brown zeigte heute Stärke in seiner ersten Rede als Regierungschef im Unterhaus. Er werde einen Nationalen Sicherheitsrat einberufen, der einen regelmäßigen Bericht zur nationalen Sicherheitsstrategie erstellen und mögliche Bedrohungen aufzeigen soll. Den Vorsitz will Brown selbst übernehmen - und damit seine eigene Person stärken, das zentrale Thema Sicherheit stärker an sich binden.

Polizist in London: "Wir werden wachsam sein"
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Polizist in London: "Wir werden wachsam sein"

Mehrere Minister sollen in dem Rat sitzen, bei Bedarf auch Generalstabschef Jock Stirrup und die Leiter der Geheimdienste - damit werden mehrere Ausschüsse überfllüssig, die sich bisher mit Terror und anderen Sicherheitsfragen befassten.

Ein solches Signal des Handelns hatte das Land erwartet - schließlich überschlagen sich in Großbritannien seit Tagen die Nachrichten vom Anti-Terror-Kampf. Kurz bevor Premier Brown in London zu seiner Rede anhob, versetzte eine Nachricht aus Nordengland die Insel erneut in Aufregung. Ermittler hatten in einem Industriegebiet in Blackburn zwei Männer aufgegriffen, die nach den britischen Terrorgesetzen festgenommen wurden. Die Nachricht bestimmte über Stunden die Fernsehsendungen.

Die beiden seien nach zwei Lieferungen von Gasbehältern auf einem Industriegelände am Rande der Autobahn M65 festgenommen worden, berichteten Nachrichtenagenturen. die Polizei sperrte nach Angaben von Anwohnern große Teile des Industriegeländes ab - wegen des Verdachts, ein weiterer Anschlag stehe bevor, wenige Tage nach den versuchten Attentaten in London und Glasgow.

Der Verdacht erhärtete sich allerdings nicht. Die Polizei hatte die Männer offenbar festgesetzt, weil im Moment alle Ankäufe von Gasflaschen sehr genau beobachtet werden. Von Scotland Yard war zu erfahren, dass die Festnahmen keinen direkten Zusammenhang mit den versuchten Anschlägen haben.

Hauptverdächtige inzwischen gefasst?

Der Vorfall zeigt: Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Die Polizei in Glasgow ließ heute erneut Kofferräume von verdächtigen Autos mit ferngesteuerten Robotern aufsprengen. Ob sich in den Fahrzeugen Sprengstoff oder anderes Beweismaterial fand, wurde nicht bekannt.

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Bisher sind wegen der Anschläge acht Verdächtige festgenommen worden: sieben in Großbritannien, einer in Australien. Letzterer ist der indische Arzt Mohammed H., der an einer Klinik in Ostengland arbeitete. Der 27-Jährige sei am Flughafen Brisbane mit einem Ticket nach Indien gestoppt worden, berichtete die Polizei. Ins Visier der Fahnder war der Mann laut Fernsehberichten vor allem gerückt, weil er mit Verdächtigen in Großbritannien telefoniert hatte. Ob er an den versuchten Anschlägen beteiligt ist, blieb unklar. Im Halton-Krankenhaus in Liverpool, wo er bis vor zehn Monaten beschäftigt war, hatten die Fahnder am Sonntag einen 26-jährigen Arzt im Praktikum ebenfalls aus Indien festgenommen. In Australien wurde noch ein Arzt mit Kontakten nach Liverpool befragt, blieb allerdings auf freiem Fuß.

Dem Fernsehsender Sky News zufolge sind aus Sicht der Fahnder mittlerweile zumindest die Hauptverdächtigen für die gescheiterten Attentate gefasst. Der Sender berichtete, die Terror-Stufe könne in den kommenden Tagen vielleicht wieder abgesenkt werden. Die Regierung hatte die Alarmstufe nach den versuchten Anschlägen heraufgesetzt, weil sie weitere Attacken befürchtete. Auch dieser Bericht wurde offiziell nicht kommentiert.

Bis zu zwölf Mediziner sollen eingeschleust worden sein

Nach bisherigen Erkenntnissen sind sieben der acht Verdächtigen Ärzte oder Medizinstudenten, eine Frau arbeitete als Labor-Assistentin - in Großbritannien geht deshalb inzwischen die Angst vor den "Terror-Doktoren" um. Die Zurückhaltung der Behörden tut ein Übriges, um Spekulationen über ein Netzwerk von ausländischen Medizinern im Dienste des Terrors aufkommen zu lassen.

Die britische Tageszeitung "Evening Standard" und andere Medien berichteten unter Berufung auf nicht genannte Sicherheitsbehörden, das Terrornetz al-Qaida habe bis zu zwölf Mann nach Großbritannien geschleust. Sie sollten für das staatliche Gesundheitssystem NHS arbeiten, hätten sich damit tarnen und sich unauffällig treffen können.

Mehr als 6000 der rund 240.000 Ärzte in Großbritannien haben ihre Ausbildung im Nahen Osten bekommen, berichtete die "Daily Mail". Viele seien "nur oberflächlich" überprüft worden. In der Tat sind in der Vergangenheit eher Studenten aus Krisenländern wie Pakistan oder dem Libanon auf mögliche Terrorkontakte überprüft worden. Mediziner im Dienste des Dschihads sind für die Fahnder nun ein ganz neuer Typ Terrorist. Bisher ist jedoch kein Verdächtiger mit konkreten Vorwürfen belastet worden.

Klinik nahe Glasgow ist Ermittlungs-Schwerpunkt

Ins Fadenkreuz der Ermittler ist vor allem das Royal-Alexandra-Krankenhaus nahe Glasgow gerückt: Dort liegt der Fahrer des Bomben-Autos von Glasgow mit schwersten Verletzungen. Er wurde von britischen Medien am Dienstagabend als K. identifiziert. Sein Beifahrer Bilal A., 27, stammt aus dem Irak und soll an jenem Krankenhaus als Arzt gearbeitet haben. Die Fahnder vermuten, beide könnten die mit Bomben bepackten Autos nach London gefahren haben. Zwei weitere Verdächtige, vermutlich aus Saudi-Arabien, sollen ebenfalls an der Klinik in Paisley gearbeitet haben.

Ein weiterer Arzt, Mohammed As., 26, aus Jordanien, soll nach Medienberichten der Drahtzieher hinter den Attacken sein. Sein Vater streitet jedoch jede Verbindung seines Sohns zu Terroristen ab. Insgesamt sechs Verdächtige wurden heute von der Anti-Terror-Polizei in London verhört.

Muslime und Ärzte reagieren mit Abscheu

Wie aufgewühlt Großbritannien angesichts der immer neuen Terror-Enthüllungen auch Tage nach den versuchten Anschlägen noch ist, zeigte sich heute am Flughafen Heathrow. Dort brach zeitweise Chaos aus, als Terminal 4 wegen eines liegengelassenen Gepäckstücks geräumt wurde. Alle Abflüge wurden gestrichen, bei British Airways fielen 108 Flüge aus.

Inzwischen sind rund 6000 bewaffnete Polizisten auf britischen Straßen und öffentlichen Plätzen im Sondereinsatz. Die kommenden Wochen werden besonders problematisch, weil zahlreiche Großveranstaltungen stattfinden - und der zweite Jahrestag der tödlichen Anschläge vom 7. Juli 2005 ansteht. Damals rissen in London vier Selbstmordattentäter 52 Menschen in den Tod.

Der Generalsekretär des Dachverbandes muslimischer Organisationen in Großbritannien, Muhammad Abdul Bari, verurteilte heute die versuchten Anschläge: "Es ist absolut klar, dass die, die unschuldige Menschen töten oder verstümmeln wollen, Feinde von uns allen sind." Auch die britische Ärztevereinigung äußerte sich schockiert.

jdl/dpa/AFP/AP

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