Terror-Ermittlungen Fahnder warnen vor Apokalypse

Nach Ansicht des britischen Innenministeriums war das in der vergangenen Woche vereitelte Terrorkomplott nur eines von Dutzenden. Noch immer gebe es in Großbritannien mehr als tausend Terroristen und Helfer, die auf ihren Einsatz warteten. Die Bedrohung sei nach wie vor "sehr ernst".

Von Dominik Baur


London/Islamabad - Der "Independent on Sunday" geizt nicht mit großen Worten: Attacken "apokalyptischen" Ausmaßes sollen die verhinderten Flugzeugattentäter von London geplant haben. "Größer als 7/7", mutmaßt die britische Zeitung. Oder gar: "Schlimmer als 9/11?"

Bewaffneter Polizist vor einem Terminal des Flughafens Heathrow: "Bedrohung nicht vorbei"
REUTERS

Bewaffneter Polizist vor einem Terminal des Flughafens Heathrow: "Bedrohung nicht vorbei"

23 mutmaßliche Terroristen befinden sich nach den Razzien in der Nacht auf Donnerstag noch in Polizeigewahrsam. Es war, so heißt es, die größte Polizeioperation zur Verhinderung einer Terrorattacke. Doch es geht offenbar noch schlimmer als apokalyptisch. Denn der Terrorplot, der nach dem Stand der Ermittlungen vorsah, bis zu zehn Flugzeuge auf dem Weg in die USA mittels Bomben aus Flüssigsprengstoff explodieren zu lassen, ist nichts im Vergleich zu dem, was noch kommen könnte. Das jedenfalls berichtet der "Independent on Sunday" unter Berufung auf nicht näher bezeichnete Quellen im britischen Innenministerium.

Viele Dutzende weiterer Plots werden demnach noch untersucht. Dabei gehe es um Hunderte Verdächtige. Nicht weniger als 1200 Menschen auf der Insel, so die Schätzungen, seien in terroristische Aktivitäten verwickelt. Über das ganze Land verteilt, vor allem aber in Ostlondon, gebe es solche "Dschihad-Zellen". Die Bedrohung für das Land sei "sehr ernst". Die Sicherheitswarnstufe, die am Donnerstag auf "kritisch", der höchsten von fünf Kategorien, heraufgestuft wurde, werde wohl noch länger aufrechterhalten.

Die Attacken, die noch im Planungsstadium sind, gehen nach Einschätzung der Terrorexperten im Ministerium weit über die Anschläge vom 7. Juli 2005 oder die vereitelten Flugzeugattacken hinaus. Bei den Ermittlungen zu dem jetzigen Plot sei man bereits auf enorme Mengen von Sprengstoff und einige Waffen gestoßen, die einen Massenmord ermöglicht hätten.

Größte Bedrohung seit dem Zweiten Weltkrieg

So wird auch Innenminister John Reid nicht müde, vor der außerordentlichen Gefahr zu warnen: "Wie ich schon die ganze Zeit gesagt habe, sollte sich niemand der Illusion hingeben, die Bedrohung sei nach den jüngsten Festnahmen vorbei. Das ist sie nicht." Allein seit den Anschlägen vom 7. Juli hätte die Polizei vier terroristische Verschwörungen vereitelt, die alle zum Tod zahlreicher Menschen geführt hätten, sagte Reid heute der "BBC". Er gab die Zahl der allein im Moment laufenden Terrorermittlungen mit zwei Dutzend an. Zwei Mitglieder der in der Nacht auf Donnerstag ausgehobenen Terrorzelle sollen der Polizei entkommen und jetzt auf der Flucht sein.

Schon am Mittwochabend - kurz vor den bevorstehenden Razzien - hatte Reid bei einem Gespräch mit Mitgliedern eines Thinktanks gesagt: "Großbritannien steht wahrscheinlich vor der am längsten anhaltenden Phase ernsthafter Bedrohung seit dem Zweiten Weltkrieg."

Immerhin besteht einem Bericht der "Sunday Times" zufolge die Hoffnung, der Polizei könnte bei ihrer Razzia ein richtig großer Fisch ins Netz gegangen sein: Unter den 23 Festgenommenen befindet sich nämlich einem anderen Zeitungsbericht zufolge auch der britische Chef der Terrororganisation al-Qaida. Laut "Sunday Times" soll der Mann, dessen Namen die Polizei aus rechtlichen Gründen jedoch nicht herausgeben will, nicht nur Drahtzieher der Flugzeugattacken, sondern auch in etliche andere Terrorpläne verwickelt gewesen sein. Nach Ansicht des Inlandsgeheimdienst MI5 ist er ein führender Kopf eines "Terrornetzwerks", an dem auch Verdächtige aus Kaschmir, Nordafrika und dem Irak beteiligt seien.



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