Aussagen der Betroffenen im Münchner Terrorprozess »Wenn wir beten, schließen wir die Tür nun ab«

Die Heilpraktikerin Susanne G. ist vor dem Oberlandesgericht angeklagt, sie soll Terroranschläge geplant haben. Zeugen berichteten von ihrer Bestürzung, nachdem sie Drohschreiben mit Munition erhalten hatten.
Von Wiebke Ramm, München
Angeklagte Susanne G. in München:

Angeklagte Susanne G. in München:

Foto: Sven Hoppe / picture alliance/dpa

Ibrahim Halil K. holte am 5. März 2020 einen blauen Umschlag aus dem Briefkasten. Der 45-Jährige ist Imam der türkisch-islamischen Gemeinde in Röthenbach im Landkreis Nürnberger Land. Im Umschlag steckte eine Grußkarte. Auf der Karte war ein rosa Schwein mit goldenem Partyhut abgebildet, Blumen und Herzen drumherum. In der Karte steckte eine Drohung. »Ihr werdet niemals sicher sein!« Dazu eine Patrone.

Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft hat Susanne G. die Karte mit der Munition verschickt. Ermittler haben auf ihrem Handy gleich mehrere Fotos der Moschee gefunden. Der Senat des Oberlandesgerichts München lässt die Bilder am Freitag im Gerichtssaal zeigen. Das weiße Gebetshaus ist aus unterschiedlichen Entfernungen und von verschiedenen Seiten zu sehen.

Die 55-jährige Heilpraktikerin Susanne G. soll nicht nur die muslimische Gemeinde bedroht haben, sondern auch einen Verein für Flüchtlingshilfe und zwei Kommunalpolitiker. Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft hatte Susanne G. nicht vor, es bei Worten zu belassen. Laut Anklage sei sie bereit gewesen, »Tötungsdelikte nicht nur anzudrohen, sondern auch durchzuführen.«

An diesem dritten Verhandlungstag im Hochsicherheitssaal in München-Stadelheim sprechen diejenigen, die durch die Drohungen eingeschüchtert werden sollten. Sie geben sich kämpferisch. Sie wollen nicht, dass die mutmaßliche Absenderin denkt, dass sie ihr Ziel erreicht habe. Und doch berichten sie davon, wie sich ihr Leben durch die Drohungen verändert hat.

Das ist ein Spinner, der sich wichtig machen will. Das, so sagt Ibrahim Halil K., sei sein erster Gedanke gewesen, als er den Brief geöffnet hatte. Wirklich ernst genommen habe er das Drohschreiben erst, als Susanne G. verhaftet wurde und er von ihren Kontakten erfuhr. »Als die Dame festgenommen wurde und ich in den Medien von ihren Verbindungen gelesen habe, habe ich mir große Sorgen gemacht«, sagt der Imam. Ein Dolmetscher übersetzt seine Worte aus dem Türkischen ins Deutsche.

Ibrahim Halil K. führt nicht aus, welche Verbindungen er meint. Vielleicht das Engagement von Susanne G. für die Neonazi-Partei »Der III. Weg«. Oder ihre Kontakte zu Andre E. und Ralf Wohlleben. Andre E. wurde 2018 wegen Unterstützung der rechtsterroristischen Vereinigung »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) verurteilt, Wohlleben wegen Beihilfe zu neun Morden. Er half den NSU-Terroristen dabei, die Pistole zu beschaffen, mit der Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos neun Menschen türkischer und griechischer Herkunft ermordeten.

Die zierliche Frau mit den schulterlangen grauen Haaren auf der Anklagebank scheint in der Neonazi-Szene gut vernetzt zu sein. Ihre Ablehnung gegen den Staat hat Susanne G. sich sogar in die Haut stechen lassen. »Staatsfeind« ist auf ihrem Oberkörper tätowiert, dazu zwei Maschinenpistolen. »Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, mit meiner Familie in die Türkei zurückzugehen«, sagt Ibrahim Halil K. über den Moment, als er von den Kontakten von Susanne G. zur rechten Szene erfuhr. »Dann habe ich weitergedacht.«

Ihm sei klar geworden, dass dies genau die Reaktion ist, die sich Neonazis wünschten. »Das ist ja gerade das Ziel dieser Personen. Das wollen sie erreichen.« Den Gefallen aber werde er ihnen nicht tun. »Ich habe mir selber versprochen, dass ich deren Wunsch nicht erfüllen werde.« Und doch hat sich das Gemeindeleben verändert. Aus einer Moschee, in der die Tür für jeden offen stand, sei eine Moschee mit verschlossener Tür geworden.

»Wenn wir alle zusammen beten, schließen wir die Tür nun ab«, sagt Recep C., der Vorsitzende des Moschee-Vereins. Wer hinein möchte, müsse nun klingeln. Auch Recep C. spricht an diesem Tag als Zeuge vor Gericht, ohne Dolmetscher.

Die Sicherheitsvorkehrungen in der Moschee seien nach der Drohung enorm verschärft worden, sagt er. Was genau die Gemeinde unternommen haben, will der Vorsitzende aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich sagen.

»Es war ein Schock«, sagt Recep C. »Das mit der Patrone hat uns richtig hart getroffen.« »Sie haben das ernst genommen?«, fragt der Vorsitzende Richter. »Freilich. Das hat schon einiges verändert.« Er selbst sei misstrauischer geworden, vorsichtiger. Wenn er unterwegs sei, schaue er sich häufiger um. Fremden begegne er nicht mehr so offen wie vorher. Auch die Gemeindemitglieder hätten Angst. Viele seien der Moschee ferngeblieben, weil sie sich dort nicht mehr sicher fühlten. Nur langsam kehrten die Menschen zurück.

Der Richter fragt, ob es weitere Drohungen gegeben habe. Recep C. berichtet von einer Mail, die nach der Karte kam, im selben Monat. »Die nächste Patrone kommt nicht mit der Post, sondern aus der Pistole«, gibt er die Worte wieder. Ob er eine Vermutung habe, wer ihm die Mail geschickt habe, fragt der Beisitzende Richter. Recep C. antwortet, er sei davon ausgegangen, dass Karte und Mail vom selben Absender stammen. Die Staatsanwaltschaft aber glaube das offenbar nicht, sagt er. Irgendwann habe er erfahren, dass die Ermittlungen wegen der Mail eingestellt worden seien.

Der Beisitzende Richter liest die Mail-Adresse des Absenders vor. Sie enthält den Namen Tobias R. Der Name sagt ihm nichts, sagt Recep C. Dass es der Name des Attentäters von Hanau ist, der im Februar 2020 zehn Menschen und sich selbst erschoss, erfährt er erst, als Verteidigerin Nicole Schneiders es ihm sagt.

Auch die nächste Zeugin, Claudia B., fand plötzlich eine Karte mit einer Patrone im Briefkasten. In der Karte stand das Datum 4. April 2020, dazu die Ankündigung: »Wir sehen uns.« Die 57-jährige B. ist die Vorsitzende eines Vereins, der sich im mittelfränkischen Eckental in der Flüchtlingshilfe engagiert. Eckental liegt nur rund 15 Kilometer von Röthenbach entfernt. Die Flüchtlingsinitiative hatte für dem 4. April 2020 ein Fest geplant, »ein riesengroßes Fest«, wie die Zeugin sagt. Die Botschaft war für sie daher eindeutig. »Wir haben das ganz klar als Bedrohung aufgefasst.«

Über die Karte hat sie damals nur ihre Stellvertreterin informiert. Den Geflüchteten sagte sie nichts, auch nicht den Vereinsmitgliedern. »Es reicht, wenn ich einen Schrecken kriege«, sagt sie. »Ich wollte nicht Angst und Schrecken verbreiten, wie die Dame es wollte.« Sie schaut zur Angeklagten. Der Richter weist Claudia B. darauf hin, dass sich erst noch erweisen muss, ob die Angeklagte wirklich auch die Täterin ist. Stimmt, sagt die Zeugin und korrigiert sich: »Wie mutmaßlich die Dame es wollte.«

Das große Fest haben sie damals übrigens abgesagt. Nicht wegen der Drohung, sondern wegen Corona. Claudia B. sagt, sie sei über diesen Absagegrund froh gewesen. »Dadurch ist es uns gelungen, Angst und Schrecken möglichst kleinzuhalten.«