Terroralarm in London Britische Nachtclubs waren gewarnt

Das Schreckensszenario, das gestern in London verhindert werden konnte, war den britischen Sicherheitskräften bekannt: Sie hätten Nachtclubs davor gewarnt, dass Terroristen Autobomben zum Einsatz bringen könnten, berichtet die "Times".

Berlin - 53 Seiten habe das Dokument umfasst, das Sicherheitsbehörden britischen Geschäftsleuten zukommen ließen. Unter anderem wird darin vor der Gefahr von "in Fahrzeugen untergebrachten improvisierten Sprengsätzen" gewarnt, berichtet die "Times" heute.

Auch die Polizei war sich der Gefahr bewusst: Die "größte Gefahr", der Großbritannien gegenüberstehe, seien in Autos oder Lastwagen versteckte Bomben, hatte Sir Ian Blair, Chef der Metropolitan Police, kürzlich gewarnt.

Gestern wäre dieses Szenario um ein Haar Wirklichkeit geworden: Am Nachmittag wurde ein solcher Sprengsatz in einem blassgrünen Mercedes inmitten von Londons Ausgehviertel entdeckt. Der Wagen war in unmittelbarer Nähe des Nachtclubs "Tiger Tiger" geparkt worden. Die Bombe wurde entdeckt, nachdem Sanitäter, die im Club jemanden versorgt hatten, den Geruch von austretendem Gas bemerkt hatten. Das Sicherheitsdossier war dem Club erst vor wenigen Tagen zugestellt worden.

Experten tippen auf islamistische Täter

Sofort durchkämmten die Behörden die britische Metropole daraufhin nach weiteren Autobomben - und wurden fündig: Nicht weit entfernt vom ersten Fundort tauchte ein zweiter mit einer Bombe bepackter Mercedes auf. Er war von seinem ursprünglichen Standort abgeschleppt worden, weil er im Parkverbot gestanden hatte. Beide Bomben konnten entschärft worden, waren aber anscheinend funktionstüchtig und hätten, so Scotland Yard, viele Tote herbeiführen können.

Heute konzentrierten sich die Behörden auf die Suche nach Hinweisen auf die Täter. An zahlreichen Orten in der Stadt gab es Kontrollen. "Es wird noch mehr Polizeikontrollen geben", kündigte der Chef der Anti-Terror-Polizei, Peter Clarke, an.

Medienberichten zufolge fahndet die Polizei nach einem Mann, der von einem der Fahrzeuge weggerannt sein soll. Der US-Sender ABC berichtet zudem, die in London allgegenwärtigen Überwachungskameras hätten bereits ein "kristallklares" Bild eines der Bomben-Deponierer geliefert. Die Polizei bestätigte das nicht. Dagegen scheint gesichert, dass die Bomben mit Hilfe von Mobiltelefonen gezündet werden sollten. Dieses Verfahren ist aus anderen Fällen hinlänglich bekannt.

Noch gibt es keine Indizien dafür, dass militante Islamisten hinter dem Anschlagsversuch stecken, aber Terrorexperten halten es für wahrscheinlich - unter anderem, weil aus früheren und ebenfalls vereitelten Plots bekannt ist, dass der Einsatz von Autobomben und das Attackieren von Nachtclubs von Sympathisanten des Terrornetzwerks al-Qaida erwogen wurden.

Londons Bürgermeister Ken Livingstone warnte vor einer "Verteufelung" der in Großbritannien lebenden Muslime. Nur eine "winzige Minderheit" von ihnen neige dem Terrorismus zu, während die große Mehrheit überdurchschnittlich gesetzestreu sei. Die Straßen Londons seien nach der Entdeckung der Autobomben wieder "völlig sicher", sagte er. Großveranstaltungen wie eine Parade von Schwulen und Lesben sowie ein Konzert zum Gedenken an die Prinzessin Diana mit Zehntausenden Teilnehmern würden wie geplant stattfinden.

Das Washingtoner Terrorforschungsinstitut SITE wies darauf hin, dass Großbritannien in den vergangenen Tagen Gegenstand von Hetzpropaganda auf dschihadistischen Internetseiten war und zitierte ein Posting, indem von Vorfreude über Angriffe in London die Rede war. Solche Postings gibt es allerdings häufig. Eine Spur zu den Attentätern dürfte es kaum darstellen, sondern eher Ausdruck der Tatsache sein, dass Dschihadisten Großbritannien in der Regel genauso so sehr hassen wie die USA.

yas/Reuters/dpa

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