Terroralarm Zweite Autobombe in London entdeckt

Eine rollende Bombe im Londoner Theaterviertel, ein zweiter Sprengsatz in der Nähe des Hyde-Parks: Britanniens Terrorfahnder sind im Großeinsatz, die Bevölkerung ist nervös, der - oder die - Bombenleger untergetaucht.
Von Sebastian Borger

London - Am Samstag treffen sich Tausende von Homosexuellen zum Gay-Pride-Marsch. Am Sonntagvormittag treten mehr als 20.000 Hobby-Athleten zu einem 10-Kilometer-Rennen durch die Innenstadt an. Am Nachmittag steigt dann im Wembley-Stadion das Gedenkkonzert für Prinzessin Diana, mehr als 50.000 Musik-Fans werden erwartet. Auch unter normalen Umständen hätte die Londoner Polizei an diesem Wochenende alle Hände voll zu tun. Aber nichts ist mehr normal, seit am frühen Freitagmorgen mitten in der Innenstadt eine mörderische Bombenladung in einem lindgrünen Mercedes gefunden wurde.

Am Abend melden BBC und Sky News einen zweiten Bombenfund: In der Park Lane nahe des Hyde Parks sei ein ähnlicher Sprengsatz entdeckt worden, wie zuvor in der Straße Haymarket. Wenig später folgt die offizielle Bestätigung der Polizei: Ja, in dem Wagen - ein blauer Mercedes - seien Nägel und beträchtliche Mengen Benzin entdeckt worden. Und ja, es gebe zwischen beiden Funden "offensichtlich eine Verbindung".

Einsatzfahrzeuge in der Park Lane: Suche nach dem Unbekannten

Einsatzfahrzeuge in der Park Lane: Suche nach dem Unbekannten

Foto: AP

Der Wagen mit dem zweiten Sprengsatz war zunächst ganz in der Nähe des ersten Bombenfunds abgestellt. Weil der Mercedes aber nicht korrekt geparkt worden war, habe ein Abschleppwagen das Fahrzeug zur Park Lane gebracht. Dort sei dann der Benzingestank aufgefallen, die Polizei informiert worden.

Der erste Bombenfundort nahe der berühmten Plätze Piccadilly Circus und Leicester Square war am Vormittag weiträumig abgesperrt. Wo sonst trotz City-Maut Tag und Nacht der Autoverkehr tobt, standen Büro-Angestellte und Touristen an der Polizeiabsperrung. Der U-Bahnhof Piccadilly Circus war geschlossen. Haymarket wirkte vollkommen ausgestorben. Beamte des Bombenentschärfungs-Kommandos machten sich unter einer blauen Abdeckung an einem lindgrünen Mercedes zu schaffen. Später wurde das Auto ins Labor abtransportiert – es ist das wichtigste Beweisstück der Terrorfahnder.

Augenzeugen beobachteten, wie ein Fahrer mit seinem Mercedes gegen 1 Uhr vor dem Nachtclub Tiger Tiger am Haymarket mehrere Mülltonnen rammte. Dann ließ er den Wagen stehen, rannte davon. Der Fahrer ist verschwunden. Jetzt ist er der meistgesuchte Mann im Vereinigten Königreich.

Als die Experten der Bombenentschärfungs-Gruppe von Scotland Yard den Wagen untersuchten, fanden sie Gaszylinder, Nägel, Benzin. Polizeikreise sprechen von einem verhinderten "Gemetzel". Diese Bombe sei gebaut worden, um Menschen zu töten, sagt der ehemalige Scotland-Yard-Angestellte Roy Ramm zu Sky News. Man packe keine Nägel in einen Sprengsatz, wenn man die Absicht habe, nur Gebäude zu schädigen. Gerüchte besagen, in dem Wagen sei ein Handy gefunden worden - sollte damit die Explosion ausgelöst werden? Offiziell gibt es von der Polizei dazu keinen Kommentar.

Die Gegend um Piccadilly Circus und Leicester Square im Herzen der britischen Metropole, das sogenannte Theaterviertel, war zur fraglichen Zeit voller Menschen. Eine Explosion der Bombe "hätte viele Tote und Verletzte zur Folge gehabt", sagt Peter Clarke. Der höchste Anti-Terror-Beamte des Landes ermittelt zwar "in alle Richtungen", berichtete am Nachmittag aber von "erheblichen Parallelen" zu jüngst vereitelten Terror-Plänen islamistischer Extremisten auf der Insel. Bei Prozessen gegen den wichtigsten bisher gefassten Al-Qaida-Mann Dhiren Barot und seine Helfershelfer war in den vergangenen Monaten mehrfach von Anschlagsplänen auf Nachtclubs die Rede gewesen. Clarke sowie der Inlandsgeheimdienst MI5 haben die Briten immer wieder auf die "ernste und dauerhafte" Terror-Gefahr hingewiesen.

Aber in den vergangenen Wochen waren die Londoner abgelenkt: Der Regierungswechsel von Tony Blair zu Gordon Brown, die neueste Staffel von "Big Brother", die scheinbar unaufhaltsam steigenden Immobilienpreise – Themen gab es zur Genüge. Da schien in Vergessenheit zu geraten, was die kürzlich zurückgetretene MI5-Chefin, Eliza Manningham-Buller, im Winter mitgeteilt hatte: 200 Grüppchen oder Netzwerke mit 1600 namentlich bekannten Mitgliedern stünden unter der Überwachung ihrer 2800 Mitarbeiter – "aber natürlich gibt es darüber hinaus viele, die wir nicht kennen". Seit den mörderischen Anschläge auf die Londoner U-Bahn und einen Bus, bei denen vier junge britische Muslime am 7. Juli 2005 52 Londoner in den Tod gerissen und Hunderte schwer verletzt hatten, hätten die Sicherheitskräfte fünf weitere Attentate verhindert.

Diesmal hatten Geheimdienst und Polizei, so die offizielle Darstellung, "keinerlei Erkenntnisse", was Anthony Glees "ziemlich beunruhigend" findet. Der Politik-Professor von der West-Londoner Brunel-Universität beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Geheimdienst-Themen und Terrorismus. Er wundere sich darüber, sagte der Professor im Gespräch mit SPIEGEL Online, "dass MI5 die derzeitige Terror-Bedrohung nur als hoch, nicht aber als unmittelbare Gefährdung eingestuft hat" – schließlich war seit Wochen bekannt, dass Gordon Brown am Mittwoch Premierminister werden würde. Zudem jähren sich in wenigen Tagen die Massenmorde vom 7. Juli zum zweiten Mal. Zwar seien den Sicherheitskräften im vergangenen Jahr spektakuläre Festnahmen gelungen: "Man dachte, al-Qaida sei in der Defensive", sagt Glees. Haymarket hat die Behörden eines Besseren belehrt.

Der Anschlag sollte offenbar die Bildung der neuen Regierung von Premierminister Gordon Brown überschatten, der erst am Mittwoch sein Amt von Tony Blair übernommen hatte. Der Labour-Politiker sprach von einer "ernsten und andauernden Bedrohung" und mahnte die Öffentlichkeit zu erhöhter Aufmerksamkeit. Angespannt geht das Leben in der terrorgeplagten Metropole weiter. Die Organisatoren des Gay-Pride-Marsches machen sich Mut: "Wir glauben nicht, dass die Bombe etwas mit uns zu tun hatte."

Die fröhliche Parade soll nahe Piccadilly Circus vorbeiführen. Direkt vorbei am Bombenfundort.

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