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Zwickauer Zelle: Blutsfreunde

Foto: dapd/ Ostthueringer Zeitung

Terrorgruppe aus Zwickau Mörderische Blutsbrüderschaft

Uwe Böhnhardt war der Militante, Uwe Mundlos der Intellektuelle, Beate Zschäpe die Mitläuferin: So sehen ehemalige Freunde aus der rechtsextremen Szene das Terror-Trio. Sie glauben nicht an die Theorie vom großen Netzwerk der Unterstützer - die drei hätten nur einem engen Zirkel vertraut.

Sie kamen immer im Dreierpack zu den "Mittwochstreffs", den wöchentlichen Kameradschaftsabenden des "Thüringer Heimatschutzes". Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt fuhren dann in Böhnhardts rotem Ford Escort vor - mit dem Kennzeichen "J - AH 41" für Jena und Adolf Hitler - und mischten sich unter die meist mehr als hundert Neonazis.

Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt waren Anhänger der kleinsten rechtsextremen Gruppe in Ostthüringen, der "Kameradschaft Jena". Ein kleiner Kreis, der keine Jugendlichen rekrutieren, sondern unter sich sein wollte. Insgesamt zählte er nur sechs Mitglieder: Außer dem Trio gehörten dazu André K., Ralf Wohlleben - der 1998 der NPD beitrat und zwischenzeitlich als stellvertretender Landesvorsitzender in Thüringen fungierte - und Holger G.

Die sechs Neonazis galten als eingeschworene Truppe, ja Blutsfreunde. Nach Erkenntnissen der Fahnder hatten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt nach ihrem Abtauchen 1998 noch mindestens ein halbes Jahr Kontakt in die Szene. Ihre Freunde aus der "Kameradschaft Jena" sollen dem Trio geholfen haben, unter anderem mit einem Auto und Pässen.

Kenner der rechten Szene können sich vorstellen, dass K. und Wohlleben mit den Flüchtigen anfangs Kontakt hielten. Doch wenn sie all die Jahre einen Kontaktmann in die Illegalität hatten, trauen die meisten diesen Part nur einem zu: Holger G., der mit seiner Familie inzwischen in Hannover lebt und mit mindestens einem der rechtsextremen Terroristen aufgewachsen ist.

"Eine in sich geschlossene Gemeinschaft"

Das Bundeskriminalamt geht derzeit dem Verdacht nach, dass Rechtsextremisten aus dem Umfeld des "Thüringer Heimatschutzes" sogar bis in die jüngste Vergangenheit in Verbindung mit den Untergetauchten gestanden haben. In der Thüringer Landesregierung wird mittlerweile von einem größeren "rechtsextremen Netzwerk" gesprochen, das die drei "bis zur letzten Minute unterstützt" habe.

Das sei absolut untypisch für die rechte Szene, die vergleichbar mit einem "löchrigen Schweizer Käse" sei, sagt Kai Hansen*, ein ehemaliger Anhänger des "Thüringer Heimatschutzes". Er kann sich nur schwer vorstellen, dass jahrelanger Kontakt mit den Abgetauchten geheim bleiben konnte. "Wenn das so ist, müssen entsprechende Stellen davon längst gewusst haben." Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt seien eine "in sich geschlossene Gemeinschaft" gewesen, die "außer den anderen drei Kameraden niemanden geduldet" hätte.

Ihren blutigen Exekutions-Feldzug durch Deutschland haben Mundlos und Böhnhardt in einem 15-Minuten-Film gestanden und ihrer Nachwelt als eine Art Bekennerschreiben hinterlassen: Der von ihnen gegründete "Nationalsozialistische Untergrund" sei ein "Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz 'Taten statt Worte'".

"Wenn die das so sagen, war das auch so", sagt Stefan Wittig*, der ebenfalls durch den "Thüringer Heimatschutz" mit ihnen befreundet war, doch seit 1998 keinen Kontakt mehr zu ihnen gehabt haben will. Auch er tippt auf einen kleinen elitären Kreis, der den Flüchtigen eine Brücke zur legalen Welt baute. Die rechte Szene habe kein Geld, um Terroristen zu unterstützen - zumindest nicht in Ostthüringen.

In dem Film kündigen Mundlos und Böhnhardt weitere Anschläge an - bis sich "grundlegende Änderungen in der Politik, Presse und Meinungsfreiheit" vollzögen. Sie bekennen sich außerdem zu dem Anschlag am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße, in der überwiegend Türken wohnen. Die Täter hatten eine selbstgebaute Nagelbombe auf einem Fahrrad deponiert und per Fernsteuerung gezündet. 22 Menschen wurden verletzt.

Besonders für die neun Morde an türkischen Einwanderern und einem Griechen rühmen sie sich in dem Film. Einige ihrer Opfer fotografierten sie nach der Tat. Vervielfältigte DVDs waren den Ermittlern zufolge in Umschläge verpackt und sollten an Medien und islamische Kulturzentren verschickt werden.

Vor ihrem Abtauchen bastelten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt Bombenattrappen, doch politisch aktiv seien sie bis 1998 nie gewesen, sagen ehemalige Kameradenfreunde wie Hansen und Wittig. Wenn sie auf Neonazi-Demos in Saalfeld oder beim Prozess gegen den Holocaustleugner Manfred Roeder in Erfurt aufliefen, dann sei es ihnen mehr um den Aufmarsch in der Gruppe gegangen als um die Botschaft.

Die Rollen im Trio waren klar verteilt

Die Rollenverteilung des Trios war klar definiert: Uwe Böhnhardt war der Militante, Uwe Mundlos der Intellektuelle, Beate Zschäpe die Mitläuferin. Als eine von wenigen Frauen in diesen Runden, so erinnern sich die damaligen Weggefährten, hielt sie sich im Hintergrund, zeigte sich weder politisch aktiv noch engagiert, sondern hörte zu und flirtete mit den Funktionären. Einige sagen ihr mehrere Affären in der rechten Szene nach.

Die Beziehung zu Mundlos und Böhnhardt beschreiben die meisten als klassische Ménage à trois, mit der sich die Männer arrangiert hätten. "Mal war sie mit dem zugange, mal mit dem anderen", sagt einer, "später hat sie sich wohl für Mundlos entschieden."

Mundlos, der Gebildete

Mundlos, Sohn eines Professors, hörte Musik von AC/DC und Udo Lindenberg, kümmerte sich um seinen behinderten Bruder, der im Rollstuhl sitzt, und schob ihn regelmäßig durch die Plattenbausiedlung, in der sie aufwuchsen. Eine Nachbarin erinnert sich an Mundlos' gute Manieren.

Zum Zeitpunkt seines Verschwindens holte er im Ilmenau-Kolleg das Abitur nach. Auf seinem Schreibtisch stand ein Porträt: Auf die Frage eines Mitschülers, wer der Mann darauf sei, sagte Mundlos: "Rudolf Heß. Selbstgezeichnet!"

In der Klasse gerierte er sich als Einzelgänger, sein einziger Freund auf dem Schulhof war einer aus dem Jahrgang über ihm. Eine Art Vorzeige-Nazi und Kampfsportler mit kurz geschorenen Haaren, von dem ein Klassenkamerad sagt, er habe Mundlos rekrutiert und stark beeinflusst. "Das war einer der Menschen, vor denen ich wirklich so etwas wie Angst hatte. Das gab es nicht oft, ich war selber mehr als ein Jahrzehnt lang Kampfsportler."

Die Lehrerin beschreibt den Professorensohn als "extrem höflich". Er sei ein guter Schüler gewesen, hatte naturwissenschaftliche Leistungskurse belegt, wollte studieren. Alkohol oder Drogen seien kein Thema gewesen.

Zweimal sei Mundlos auf dem Schulhof von einem Mann abgeholt worden, der eine SA-ähnliche Uniform getragen habe. Er selbst habe sich grundsätzlich schwarz gekleidet. Einem Mitschüler erzählte er kurz vor seinem Verschwinden, er habe Ärger und wolle nach Dänemark abhauen.

Er sei ein aufgeschlossener Typ gewesen, rhetorisch begabt und politisch interessiert, sagt Markus Heinz*, der gemeinsam mit ihm Straftaten begangen hat. "Der saß lieber in der zweiten Reihe und machte nur mit, wenn man ihn überredete."

Böhnhardt, der Militante

Böhnhardt dagegen sei introvertiert und ein militanter Waffennarr gewesen, unkontrolliert und zu allem bereit. Es habe ihn Beherrschung gekostet, bei den Kameradschaftsabenden - bei denen es regelmäßig zu Polizeikontrollen kam - die Waffe daheim zu lassen.

Für die ehemaligen Kameraden steht fest, wer bei der Mordserie in den vergangenen Jahren "den Finger am Abzug hatte". "Aus nächster Nähe einen Menschen zu erschießen, das kann nicht jeder", sagt Hansen. Böhnhardt hätte man den tödlichen Raubzug schon damals zugetraut, aber den anderen? "Vielleicht verroht man in der Illegalität so dermaßen, dass man wie in einem Horrorfilm on tour geht." Bei dem Überfall auf die Heilbronner Polizisten im April 2007 müssen zwei geschossen haben, denn laut Ermittlern wurden die im Streifenwagen sitzenden Beamten zeitgleich angegriffen und in den Kopf geschossen.

Die rechte Szene in Ostthüringen sei damals "sehr militant und gewalttätig" gewesen, sagt Katharina König, Sprecherin für Jugendpolitik und Antifa der Fraktion Die Linke im Thüringer Landtag. Sie kennt die Neonazi-Szene in der Region seit den Neunzigern. "Das Alltagsleben damals war bedroht, wenn man sich als 'Andersdenkender' zu erkennen gegeben hat", so König. Neonazis seien mit Waffen, Schreckschusspistolen und Baseballschlägern durch die Stadt marschiert. "Das Gewaltpotential war sehr hoch."

Zschäpe, die Mitläuferin

Zschäpe fällt in den Erzählungen der Platz im Hintergrund zu. "Die hat höchstens mal im Auto gewartet", vermutet einer. Anders als Mundlos und Böhnhardt bekannte sie sich optisch nicht zu ihrer Gesinnung. Während die Männer schwarze Bomberjacken, Springerstiefel trugen, dazu gern auch mal ein Hakenkreuz, verweigerte sich Zschäpe der damaligen Neonazi-Uniform.

Einmal soll sie einer jungen Frau im Streit den Arm gebrochen haben. "Ja, die Beate konnte eher Sport als Verhandeln, sie ist alles andere als eine Intellektuelle", sagt Wittig. Gegen die 36-Jährige wird wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, wegen Mordes, versuchten Mordes und schwerer Brandstiftung ermittelt. Sie wolle nur aussagen, wenn ihr als Kronzeugin Strafmilderung zugesichert werde, berichtet "Bild am Sonntag".

Dass das Trio mehr als 13 Jahre lang - auch wenn es Unterstützer hatte - im Wesentlichen auf sich allein gestellt war und unter "sicher absonderlichen Bedingungen" durchgehalten hat, ringt ihren Kameraden von einst einen gewissen Respekt ab. "Es spricht dafür, dass sie als Gruppe sehr integer waren", sagt Ex-"Heimatschützer" Hansen. "Fragt sich nur, warum dann eine überlebt hat."

*Name von der Redaktion geändert