Terrorprozess Qaida-Mann wollte Jet ins Weiße Haus steuern

Überraschende Wende in Amerikas spektakulärstem Terroristenprozess: Der Franzose Moussaoui erklärte vor Gericht, er sollte am 11. September ein Flugzeug ins Weiße Haus steuern. Den Auftrag dazu will er von Terrorboss Bin Laden bekommen haben. Wie glaubwürdig seine Aussagen sind, ist offen.

Alexandria - Damit hatte keiner der Beobachter gerechnet: Zacarias Moussaoui erklärte vor dem Bundesbezirksgericht in Alexandria im US-Staat Virginia, er sei selbst als Attentäter für die Anschläge vom 11. September eingeplant gewesen. Er habe von al-Qaida-Chef Osama Bin Laden den Auftrag erhalten, an jenem Tag ein Flugzeug ins Weiße Haus in Washington zu steuern. Das Flugzeug hätte er gemeinsam mit dem so genannten Schuhbomber Richard Reid entführen sollen. Moussaoui war im August 2001, also kurz vor den Terroranschlägen in New York und Washington, festgenommen worden, weil er in einer Pilotenschule im US-Bundesstaat Minnesota als verdächtig aufgefallen war. Reid kam im Dezember desselben Jahres in Haft, nachdem er versucht hatte in einem Flugzeug von Paris nach Miami eine in einem Schuh versteckte bombe zu zünden. Der Versuch schlug fehl.

Das Geständnis von Moussaoui kam völlig überraschend. Zwar hatte der marokkanischstämmige Franzose schon früher angedeutet, für einen Angriff auf das Weiße Haus vorgesehen gewesen zu sein. Seinen früheren Aussagen zufolge sollte er diesen Anschlag aber nicht am 11. September 2001, sondern zu einem späteren Zeitpunkt ausführen.

Der Zeitpunkt des geplanten Anschlags ist insofern von Bedeutung, als Moussaoui nun praktisch eingeräumt hat, in die Planungen für die Terror-Attacke eingeweiht gewesen zu sein. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, dieses Wissen nach seiner Festnahme im August 2001 für sich behalten zu haben. Hätte er die Ermittler über die Pläne informiert, so hätten die Anschläge verhindert werden können, so die Argumentation der Anklagebehörde. Demnach wäre Moussaoui für den Tod von 3000 Menschen im World Trade Center, im Pentagon und an Bord der vier entführten Flugzeuge zumindest mitverantwortlich.

Im Kreuzverhör durch Staatsanwalt Robert Spencer bestätigte der Franzose nun, nach seiner Festnahme im August 2001 in den Verhören gelogen zu haben, damit die 9/11-Hijacker nicht rechtzeitig aufgespürt würden. "Der Grund, warum Sie Lügen erzählt haben, war, dass Sie einen Fortgang der Operation ermöglichen wollten?", fragte Spencer. Moussaoui entgegnete darauf: "Das ist korrekt." Einem CNN-Bericht zufolge gab der Angeklagte außerdem an, mehrere Täter vom 11. September gekannt zu haben, darunter den Kopf der Bande, Mohammed Atta, der lange in Hamburg gelebt hatte.

Die Verteidiger hatten sich vergeblich bemüht, ihren Mandanten von einer Aussage abzuhalten. Die Verteidigung setzt darauf, dass gegen Moussaoui nicht die Todesstrafe, sondern nur lebenslange Haft verhängt wird. Ihr Hauptargument lautet, dass die US-Sicherheitsbehörden auch ohne das ausgebliebene rechtzeitige Geständnis Moussaouis die Möglichkeit gehabt hätten, die Anschläge zu verhindern, da bereits ausreichende Hinweise auf das Komplott vorgelegen hätten. Wegen der Geständnisse Moussaouis vor Prozessbeginn geht es in dem Verfahren nicht mehr um die grundsätzliche Klärung der Schuldfrage. Die zwölf Geschworenen haben nur noch über das Strafmaß zu entscheiden.

Moussaouis wahre Rolle blieb in dem Verfahren bisher undurchsichtig. Auch sein erstes Geständnis hatte die US-Ermittler verblüfft, von seinem angeblichen Terrorkomplott hatten sie nie zuvor gehört: Danach wollte er den in einem US-Gefängnis einsitzenden blinden ägyptischen Prediger Scheich Omar Abd al-Rahman freipressen oder andernfalls eine Boeing 747 ins Weiße Haus stürzen lassen. Abd al-Rahman sitzt für seine Beteiligung am ersten Anschlag auf das World Trade Center 1993 eine lebenslange Haftstrafe ab.

Für Aufklärung sorgten auch nicht die beiden in US-Geheimgefängnissen einsitzenden Planer des 11. September, Ramzi Binalshibh und Chalid Scheich Mohammed. Sie beschuldigten Moussaoui bei ihren Vernehmungen unterschiedlicher Delikte: Er sei der Ersatzmann für die Todespiloten gewesen, sagte Binalshibh. Mohammed dagegen behauptete, Moussaoui sollte an einer zweiten Attacke an der Westküste teilnehmen. Die sei aber aus Mangel an Piloten und wegen anderer Schwierigkeiten geplatzt. Einig waren sich die beiden in einer Ansicht: Der zu Großmäuligkeit neigende Moussaoui habe eine echte Gefahr für die Attentatsplanungen dargestellt.

phw/AFP/AP/dpa

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