Terrorverdacht Falscher Alarm in Hamburg

Der Terrorverdacht gegen drei am Freitag in Hamburg verhaftete Tschetschenen hat sich offenbar nicht bestätigt. Während der Innensenator die Fahndung rechtfertigt, wird auch Kritik laut: Peter Scholl-Latour hält die Polizei-Aktion in der Hansestadt für "grotesk".


Großfahndung am Donnerstag: 255 Personen überprüft
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Großfahndung am Donnerstag: 255 Personen überprüft

Hamburg - Die am Freitag in Hamburg unter Terrorverdacht festgenommenen drei Tschetschenen sind wieder auf freiem Fuß. Der Staatsschutz schloss nach intensiven Befragungen und Ermittlungen aus, dass von den Männern im Alter von 21, 21 und 25 Jahren die Gefahr eines terroristischen Anschlags ausgeht, teilte das Landeskriminalamt Hamburg am Samstag mit.

Das kommt einer Entwarnung gleich, denn bei den drei Männern handelte es sich eindeutig um die nach einem Zeugenhinweis gesuchten Personen, die auf einer Videoüberwachung zu sehen gewesen waren.

Der Zeuge will die drei Männer am Donnerstag an einer Bushaltestelle bei einem in arabischer Sprache geführten Gespräch belauscht haben, in dessen Verlauf der Satz "Wir werden morgen als Helden vor Allah stehen!" vorgekommen sei. Einer der drei Männer habe einen Rucksack getragen.

Dieser Hinweis gab den Anlass für eine groß angelegte Terrorfahndung. Den Fahndern lagen Bilder der drei Verdächtigen vor, die über eine Überwachungskamera im Bus geschossen wurden.

Nach Ansicht des Hamburger Innensenators Udo Nagel (parteilos) wurde der Terroralarm mit dem Einsatz von über tausend Polizisten aber womöglich nur durch "Blödsinn" ausgelöst. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass es sich bei der von einem Passanten gehörten verdächtigen Äußerung "um einen schlechten Scherz" gehandelt habe, sagte Nagel im NDR.

Nach 18 Stunden Fahndung und der Überprüfung von 255 Personen gelang am Freitag die Verhaftung der drei Verdächtigen, die eben das nun nicht mehr sind: Die drei Männer wurden bereits am Samstagmorgen aus der Haft entlassen.

Innensenator Nagel hatte die groß angelegte Fahndung noch am Freitag gerechtfertigt. Angesichts der Anschläge von Madrid und London sei es verständlich, dass die Sicherheitsbehörden "sehr sensibel" seien. Zugleich hatte er erneut betont, dass nach seiner Einschätzung, keine erhöhte Terrorgefahr für die Hansestadt besteht. Auch der Terrorismusexperte Rolf Tophoven hatte die Großfahndung als sinnvolle Präventionsmaßnahme bezeichnet.

Als "grotesk" bezeichnet dagegen der Nahost-Experte Peter Scholl-Latour die Großfahndung der Hamburger Polizei. "Das schlimmste im Kampf gegen den Terror" sei es, sagte Scholl-Latour der "Bild"-Zeitung, "wenn Behörden hysterisch reagieren." Die Formulierungen der drei Tschetschenen, die ein Zeuge aufgeschnappt hatte, seien nicht eindeutig gewesen. Sie hätten über alles Mögliche reden können, zum Beispiel über Krankheit.



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