Texas Richterin umarmt Verurteilte - und löst Debatte aus

Wie viel Mitgefühl dürfen Richter zeigen? Eine Richterin, die eine Ex-Polizistin wegen Mordes an einem schwarzen Nachbarn verurteilt hatte, gab der Frau nach dem Schuldspruch eine Bibel - und umarmte sie. Nun wird diskutiert.

Richterin Tammy Kemp umarmt die Ex-Polizistin nach ihrer Verurteilung
Tom Fox / Pool via Reuters

Richterin Tammy Kemp umarmt die Ex-Polizistin nach ihrer Verurteilung


Für zehn Jahre muss eine ehemalige Polizistin in Haft, die ihren unbewaffneten schwarzen Nachbarn 2018 in dessen Wohnung erschossen hatte. Vor Gericht in Texas hatte die Frau angegeben, sie habe die Wohnung beim Heimkommen nach einer langen Schicht irrtümlicherweise für ihre eigene und den Nachbarn für einen Eindringling gehalten.

Nach der Verkündung des Urteils an diesem Donnerstag kam es im Gerichtssaal zu mehreren ungewöhnlichen Versöhnungsszenen - von denen eine in den USA eine Debatte über das Verhalten im Richteramt ausgelöst hat.

Richterin Tammy Kemp sprach nach dem Schuldspruch zunächst mit den Eltern des Opfers und umarmte diese.

Danach ging sie zu der Verurteilten und schenkte ihr der "New York Times" zufolge ihre persönliche Bibel. Die Zeitung berichtet, Richterin Kemp soll die Verurteilte auf eine Stelle aus dem Johannes-Evangelium, in der es um Erlösung geht, hingewiesen haben. Die Verurteilte habe die Arme ausgestreckt und die Richterin habe sie umarmt.

Richterin Kemp wurde für die Szene von mehreren Seiten kritisiert
Tom Fox/The Dallas Morning News via AP

Richterin Kemp wurde für die Szene von mehreren Seiten kritisiert

Einige hätten diesen Moment zwischen der schwarzen Richterin und der weißen Verurteilten als eine außergewöhnliche Geste der Menschlichkeit gesehen - andere kritisierten das Verhalten der Richterin als unangemessen, parteiisch und möglicherweise verfassungswidrig.

Unschuldig verurteilter Schwarzer: "Wir bekommen keine Umarmungen"

Kritik kam demnach aus mehreren Richtungen: Viele stellten infrage, ob ein schwarzer Verurteilter dasselbe Mitgefühl erhalten hätte. Statistiken zufolge werden schwarze Amerikaner eher festgenommen und häufiger und zu längeren Haftstrafen verurteilt als weiße Amerikaner.

Christopher Scott, ein schwarzer Amerikaner, der 13 Jahre unschuldig im Gefängnis gesessen hatte, schrieb auf Twitter, er habe solch ein Verhalten noch nie selbst erlebt. "Wir bekommen keinen Handschlag, wir bekommen keine Umarmungen, wir bekommen keine Bibeln", zitiert die "New York Times" Scott.

Andere beanstandeten hingegen, dass die Richterin als Staatsdienerin eine Bibel verschenkt habe.

Auch Bruder des Opfers hatte Verurteilte umarmt

Im Prozess hatte Richterin Kemp keine Befugnisse in der Beweisaufnahme und der Urteilsfindung - dafür waren zwölf Geschworene zuständig. Sie saß dem Prozess jedoch vor.

An dessen Ende hatte zunächst der jüngere Bruder des Erschossenen Richterin Kemp gefragt, ob er zu der Verurteilten gehen und sie umarmen dürfe. Kemp bejahte das der "New York Times" zufolge nach einer kurzen Pause, woraufhin der Angehörige des Opfers zu der Ex-Polizistin ging, sie umarmte und sagte, er könne ihr vergeben. Den "Dallas Morning News" zufolge sagte er weiter: "Ich spreche für mich selbst, nicht für meine Familie, aber ich liebe dich wie alle anderen."

Ein Bruder des Opfers umarmt die wegen Mordes verurteilte Ex-Polizistin: Sie war in die Wohnung ihres Nachbarn eingedrungen und hatte den unbewaffneten 26-Jährigen erschossen
Tom Fox/The Dallas Morning News/ DPA

Ein Bruder des Opfers umarmt die wegen Mordes verurteilte Ex-Polizistin: Sie war in die Wohnung ihres Nachbarn eingedrungen und hatte den unbewaffneten 26-Jährigen erschossen

Die "New York Times" schreibt, Richterin Kemp habe sich während der Szene mit einem Taschentuch Tränen aus den Augen getupft.

kko

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