TV-Show-Sieger vor Gericht Das flüchtige Glück des "Biggest Loser"

Stefan Pries gewann die TV-Show "The Biggest Loser", doch den Gewinn von 50.000 Euro verschwieg er dem Jobcenter. Warum er nach dem TV-Triumph abstürzte, erzählte er nun vor Gericht.

Stefan Pries vor Gericht
Lars Berg/ DER SPIEGEL

Stefan Pries vor Gericht

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Es gab Zeiten in seinem Leben, da achtete Stefan Pries penibel auf die Zahlen hinterm Komma. Im Finale der TV-Show "The Biggest Loser" beispielsweise. Mit 143,1 Kilo bei einer Körpergröße von 1,80 Meter war er angetreten, dann kasteite und quälte er sich in einem Abspeck-Camp in Andalusien, verlor 45,7 Prozent seines Körpergewichts, am Ende brachte er nur noch 77,7 Kilo auf die Waage. Eine Schnapszahl! Sat.1 inszenierte ein Spektakel: Nie zuvor hatte ein Kandidat bei diesem Wettbewerb derart viel abgenommen. Die Siegprämie: 50.000 Euro. Stefan Pries war nun "The Biggest Loser" und zugleich ein Gewinner.

Viele Menschen träumen davon, an einer Casting-Show teilzunehmen. Einmal dem Alltag entrinnen, etwas Neues wagen, an die eigenen Grenzen stoßen und dabei im Rampenlicht stehen. Für viele ist es eine Chance, auszubrechen aus einem Leben, mit dem sie unzufrieden sind. Für manche ist es die einzige Chance.

Stefan Pries hatte es nicht geschafft, alleine abzunehmen. Er hoffte, in einer TV-Show einen anderen Ehrgeiz zu entwickeln, einen Ansporn zu finden, mehr Disziplin aufzubringen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der ein langersehntes Ziel erkämpfte und mit dem Sieg und diesem neuen Leben nicht zurechtkam.

Nach dem Erfolg erzählte er in Interviews, wie ihn seine Tochter mit Leonardo DiCaprio vergleiche, wie sich seine von ihm getrennte Frau wieder angenähert habe. Das Paar wagte einen Neuanfang. Stefan Pries war im Glück. Man meint, es ihm auf den Bildern von damals regelrecht anzusehen.

Der Mann, der nun auf der Anklagebank in Saal E.010 des Amtsgerichts Hamburg-Barmbek Platz nimmt, sieht dem Mann aus dem Finale der Fernsehshow nicht mehr ähnlich. Er hat wieder zugenommen, trägt einen Kapuzenpullover unter einer schwarzen Lederjacke, hat Schweißperlen auf der Stirn, wirkt sorgenvoll.

Stefan Pries, 48, ist angeklagt wegen gewerbsmäßigen Betrugs in vier Fällen, er soll die 50.000 Euro sowie eine Aufwandsentschädigung für die Teilnahme an der TV-Show gegenüber dem Jobcenter verschwiegen und zweimal unberechtigterweise Leistungen beantragt haben. Dem Hartz-IV-Empfänger wurden deshalb insgesamt 20.453,32 Euro zu Unrecht ausgezahlt.

"Ich war wie im Delirium"

Stefan Pries räumt die Vorwürfe größtenteils ein und gewährt Einblick in das Leben, um das ihn mancher Fernsehzuschauer beneidet haben dürfte: Das Leben in einem neuen Körper, für den er sich geschunden hatte, damit er sich darin wohlfühlte. Ein Erfolg, eine Eigenleistung, die ihn unerwartet in den Fokus rückte, für die er mit Geld überschüttet wurde, die ihn bekannt machte, bis ihn Fremde auf der Straße ansprachen. "Ich war wie im Delirium", sagt Stefan Pries.

Er erzählt auch von den Dingen, die man vor dem Fernseher nicht sehen konnte: Der Sport, den er in dem Camp betrieben habe, sei "übertrieben und menschenunwürdig" gewesen. Er habe sich dadurch schwer am Meniskus verletzt. Ein halbes Jahr lange habe er machen müssen, was der Fernsehsender vorgegeben habe.

Der fünfstellige Gewinn wurde auf das Konto seiner Eltern gebucht. Stefan Pries sagt, er habe Angst gehabt, er würde sonst Unfug damit machen. Doch im Mai 2015 hob er die komplette Summe in bar ab. Penibel auf die Zahlen achten? Jetzt nicht mehr, vier Monate später war alles verprasst.

"Man glaubt nicht, wie schnell das Geld weg ist", sagt Stefan Pries. Man müsse hier einen ausgeben, da einen ausgeben. "Man will jedem gerecht werden." Er habe viel Geld investieren müssen für die neue Garderobe, ihm habe ja nichts mehr gepasst. Und er habe angefangen zu spielen, einem Freund Geld geliehen. "Ich war auf einmal mittellos. Was natürlich scheiße war."

Der Verteidiger sagt, Stefan Pries habe von der Siegprämie Schulden zurückgezahlt, seiner zurückgekehrten Frau Geld geschenkt, für sich und Freunde Luxusreisen gebucht. "Mein Mandant verlor den Bezug zur Realität."

612 Euro im Monat

Ja, er habe die Aufwandsentschädigung von 1600 Euro und die Prämie von 50.000 Euro nicht beim Jobcenter angegeben, sagt Stefan Pries. Er habe gedacht, das müsse er nicht. Dass er nach seinem Sieg bei "The Biggest Loser" im September 2015 und im Februar 2016 Anträge für Leistungen gestellt habe, sei nicht wahrheitswidrig. Da sei er ja bereits wieder blank gewesen.

Der Richter wundert sich, warum sich Stefan Pries freiwillig den Strapazen der TV-Show aussetzte. Eine Antwort kann ihm der Angeklagte nicht geben. "Wovon leben Sie?", will der Richter wissen. "Jobcenter." Pause. "612." Pause. "Euro." Der Richter hakt nach: "Einschließlich Miete?" Stefan Pries: "Einschließlich."

Die Staatsanwältin sagt, Stefan Pries sei mit dem Geld, das er als TV-Kandidat bekommen habe, verschwenderisch umgegangen. Mit Hartz IV habe er seine Miete gezahlt und das Leben gelebt. "50.000 Euro - das ist ein großer Betrag, das war großes Glück. Man hätte damit etwas Neues anfangen können."

Worte, die in dem kleinen Saal des Amtsgerichts nachhallen. Worte, an die Stefan Pries oft gedacht haben dürfte in den vergangenen vier Jahren. Er weiß, dass er eine Chance verspielt hat. Manchmal verkauft er inzwischen auf Volks- und Stadtfesten Flammlachs, Hot Dogs und Crêpes. Was er da verdiene, werde ihm vom Jobcenter abgezogen, sagt er.

Am Ende folgt der Richter der Forderung der Staatsanwältin und verurteilt Stefan Pries wegen gewerbsmäßigen Betruges zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von elf Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt werden. Er habe keine Zweifel, sagt der Richter, dass der ehemalige Show-Kandidat die Bewährung überstehe. "Der Gewinn ist weg, den haben Sie auf den Kopf gehauen und sitzen nun auf den Schulden."

Es tue ihm leid, sagt Stefan Pries. Er habe nie vorgehabt, jemandem zu schaden.



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