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18. April 2007, 13:01 Uhr

Theaterstücke des Amokläufers

"Muss Dick töten, muss Dick töten"

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Die beiden Theaterstücke, die Cho Seung-Hui geschrieben hat, offenbaren verstörende Gewaltphantasien. Die jugendlichen Hauptfiguren beleidigen, beschimpfen und bedrohen Eltern und Lehrer. Und ein 13-Jähriger versucht, seinen Stiefvater zu ersticken.

Der Massenmörder von Blacksburg, Cho Seung-Hui, hat im Rahmen seines Englischstudiums mehrere kurze Theaterstücke geschrieben. Ein früherer Kommilitone hat nun zwei der Werke im Internet veröffentlicht. Beide soll Cho ausgearbeitet haben. Die elf und zehn Seiten umfassenden Bühnenspiele "Mr. Brownstone" und "Richard McBeef" sind voll von Beleidigungen, heftigen Ausfällen und pubertären Gewaltphantasien gegen Lehrer und Eltern.

Ausriss aus Chos Stück "Richard McBeef": "Must kill Dick. Dick must die."

Ausriss aus Chos Stück "Richard McBeef": "Must kill Dick. Dick must die."

"Ich bin vielleicht nicht dein biologischer Vater", sagt Richard McBeef, 40, in dem gleichnamigen Stück zu seinem aufsässigen Stiefsohn John, 13, und berührt ihn sanft mit der Hand, "aber ich bin dein neuer Vater. Wir leben unter demselben Dach. Wir müssen einfach miteinander auskommen. Komm schon, Sohn, gib mir eine Chance."

Doch John schlägt die Hand seines Stiefvaters weg und fährt ihn an: "Was bist du, ein katholischer Priester? Ich will nicht von einem alternden, haarlosen, übergewichtigen, pädophilen Stiefvater namens Dick belästigt werden! Nimm deine Hände weg, Perversling! Verdammter katholischer Priester! Lass es einfach sein, Michael Jackson. Lass mich raten, du hast ein Haustier namens Dick auf der Neverland Ranch und du willst, dass ich es mit dir besuche, richtig?"

Der Streit zwischen Richard und John eskaliert. Der immer aggressiver auftretende Junge wirft ihm vor, seinen leiblichen Vater umgebracht und die Mutter "gestohlen" zu haben. "Willst du, dass ich dir die Fernbedienung in den Arsch schiebe, Kumpel?", schreit er Richard an. "Aber das bist du nicht wert. Die Fernbedienung hat fünf Dollar gekostet."

Richard holt zu einer Ohrfeige aus, als die Mutter des Jungen die Treppe hinunterkommt. "Oh, mein Gott. Was geht hier vor?", ruft Sue, 40. "Was tust du meinem Sohn an? Du hast gesagt, ihr würdet ein nettes Gespräch miteinander führen, um klarzukommen. Und dann erwische ich dich dabei. Was für ein Stiefvater bist du? Du gibst vor, nett zu sein - mit einem falschen Lächeln in deinem aufgeschwemmten Gesicht." John legt nach: "Er hat versucht, mich intim zu berühren."

Die Mutter geht auf ihren Lebensgefährten los. Der versucht die aufgebrachte Frau zu beruhigen. John verschwindet in seinem Zimmer, spricht vor sich hin: "Ich hasse ihn. Muss Dick töten, Muss Dick töten. Dick muss sterben. Töte Dick … Richard McBeef." John rennt hinunter ins Wohnzimmer. "Der fette Mann hat Papa ermordet. Er hat es mir gesagt, als du geschlafen hast, Mama. Und er hat mich belästigt."

Die Mutter greift nach einer Kettensäge und schwingt sie in Richards Richtung. Der rennt aus dem Haus und zieht sich in sein Auto zurück. Dreißig Minuten später kommt John hinzu und setzt sich auf den Beifahrersitz. "Willst du wissen, warum ich dich nicht leiden kann?", fragt er seinen Stiefvater. "Weil du nicht für meine Mutter sorgen kannst. Du kriegst gerade mal den Mindestlohn. (…) Du warst Hausmeister. Du warst einmal Lkw-Fahrer. Du hast zwei Monate lang Vorschulkinder unterrichtet. Und nun nennst du dich Küchenchef, der Rest der Welt würde Würstchenwender ('hamburger flipper') dazu sagen."

John setzt nach: "Der Gipfel deiner Karriere war, als du Football-Profi warst. Wie lange ging das? Drei Wochen? Ha! (…) Sieh dich an, fett und faul. (…) Du wolltest, dass ich dich Papa nenne? Okay. Hey, Papa, du bist so ein Arschloch. Ein Oberarschloch, Papa! Und dass du meine Mutter knallst, sieht so aus, als dauerte das auch nicht länger als deine großartige Karriere, du vorzeitig ejakulierendes Stück Kackpimmel." John stopft seinem Stiefvater einen Müsliriegel in den Mund und versucht ihn bis in den Rachen zu schieben. Richard würgt, kann sich aber befreien. "Fick dich, Papa", schreit der Sohn. Aus "Schmerz und Wut" erschlägt der Erwachsene daraufhin den 13-Jährigen.

"Ich wünschte, er hätte einen Herzinfarkt"

Im zweiten Stück ersetzt der Lehrer "Mr. Brownstone" den Stiefvater als Hassobjekt. Die Teenager John, Jane und Joe, alle sind 17 Jahre alt, haben sich mit gefälschten Ausweisen in ein Casino geschlichen und spielen an den Automaten. Dabei ziehen sie über den verhassten Mathelehrer her. Schon nach wenigen Zeilen sagt John: "Ich würde ihn gerne töten." Jane ergänzt: "Ich wünschte, der alte Furz hätte einen Herzinfarkt und würde tot umfallen, wie es sich für alte Leute gehört."

Die Hasstiraden reißen nicht ab. Es ist die Rede davon, der Lehrer sei ein "Parasit", ein "Blutegel", den man "herausreißen und zerquetschen" müsse. Im Folgenden wird es sogar noch ekelerregender. Es ist schwer vorzustellen, dass ein Student dies schrieb und in seinem Seminar lesen ließ. John ergeht sich in kranken Phantasien, in denen Mr. Brownstone mit Verstopfungen kämpft und sich schließlich "den Schließmuskel aufreißt". Und wieder heißt es dort: "Ich will ihn töten."

Das Objekt des Hasses, Mr. Brownstone, tritt wenig später auf. Die Schüler beleidigen ihn als "Muthafucker", als plötzlich John den Jackpot an seinem Automaten knackt. Fünf Millionen Dollar. "Wir sind reich. Wir sind reich", jubelt er, da wendet sich Mr. Brownstone an den Casino-Chef: "Es gehört mir. Diese 17 Jahre alten Kinder haben mich weggestoßen, als sie gesehen haben, dass ich gewonnen habe. Diese minderjährigen Verbrecher sollten noch nicht einmal hier sein."

Der Casino-Vertreter glaubt dem Lehrer und wirft die Jugendlichen hinaus. Im Gehen fluchen die drei: "Du wirst damit nicht durchkommen, Brownstone! Du alter 'Muthafucker'!, 'Muthafucker', 'Muthafucker'!"

Die Studentin Stephanie Derry sagte der Campus-Zeitung der Universität Virginia Tech, einige Kommilitonen hätten sich über die Stücke lustiggemacht. Doch Cho Seung-Hui habe stets still im Seminar gesessen und nicht auf die Kommentare gehört. Dieses Fehlen von Reaktionen habe ihn zum Außenseiter gemacht. Er habe die anderen immer nur angesehen und nichts gesagt.

Vorgestern schoss er dann.

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