Thomas Drach Der verhinderte Millionär

Es hätte sein letzter Winter hinter Gittern werden können, doch nun steht Thomas Drach, Entführer des Hamburger Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma, erneut vor Gericht. Er soll seinen Bruder aus dem Gefängnis heraus erpresst haben - aus Angst, dass sich dieser die noch unentdeckte Beute schnappt.

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Hamburg - Thomas Drach, Entführer des Hamburger Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma und Berufsganove mit angeblich hohem Intelligenzquotienten, war nie etwas zu groß, aber vieles zu klein. Sein Verteidiger Helfried Roubicek kündigt für den Prozess, der am Donnerstag gegen den Langzeithäftling beginnt, "Aufschlussreiches" an. "Näheres" gibt es jedoch nur vor Ort. Dick auftragen will gelernt sein.

Die Sicherheitsvorkehrungen im Landgericht Hamburg sind immens. Die Ermittler schließen nicht aus, dass Drach noch immer tatkräftige Unterstützer hat.

Thomas Drach, 51 Jahre alt, ist angeklagt wegen versuchter Anstiftung zur räuberischen Erpressung. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, aus dem Gefängnis Druck auf seinen Bruder Lutz ausgeübt zu haben, weil dieser Teile des Lösegelds "zweckentfremdet oder verschwendet" haben soll.

Lutz Drach soll Teile des Lösegelds aus dem Fall Reemtsma gewaschen haben, im Mai 2009 wurde er entlassen. Thomas Drach soll für diesen Zeitpunkt auf seinen Bruder Erpresser angesetzt haben, die diesen einschüchtern, ins Ausland bringen und ihm binnen sechs Monaten 30 Millionen Euro abknöpfen sollten - bis Thomas Drach selbst ein freier Mann ist. "Er hatte Angst, dass sich der Bruder die Tatbeute angeeignet hat", sagt Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers.

Die Staatsanwaltschaft Hamburg leitet dies aus zwei verklausulierten Briefen ab, die Drach im Februar 2009 an einen 54-jährigen Freund geschrieben hat. Die Briefe wurden im Gefängnis abgefangen. Die Staatsanwaltschaft hält die angeblich für Mai 2009 geplante Tat trotz der Geheimsprache für "ausreichend konkretisiert". Demnach sollte Lutz Drach sofort nach der Haftentlassung abgepasst werden, "so interpretieren wir die Schreiben", sagt Möllers.

Drach droht Sicherungsverwahrung

Was auch immer "Aufschlussreiches" sich am Donnerstag abspielen wird: Drach wird nichts zugeben, das steht schon jetzt fest. Er bestreitet seinem Anwalt zufolge die Vorwürfe hartnäckig. Für Drach steht viel auf dem Spiel: Eigentlich sollte er am 21. Juli 2012 entlassen werden - nach 14 Jahren und sechs Monaten Haft. Weil er all die Jahre eisern schwieg, wurde im Juli 2009 ein Antrag auf vorzeitige Haftentlassung abgelehnt, einen anderen aus dem Jahr 2007 hatte Drach wieder zurückgenommen.

Und nun das: "Für den Fall, dass er zu mindestens zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt werden sollte, kommt die Anordnung der Sicherungsverwahrung in Betracht", erklärt Oberstaatsanwalt Möllers. Drach würde dann für immer weggesperrt werden. Wird er zu einer Freiheitsstrafe unter zwei Jahren verurteilt, wird diese lediglich an die noch ausstehende Strafe angehängt. Mehrfach wurde er in andere Justizvollzugsanstalten verlegt, weil man fürchtete, er plane seine Flucht.

Drach, hohe Stirn, kurz geschorenes Resthaar, Brille, gilt als eiskalt. Bereits im Alter von 13 Jahren begann seine kriminelle Karriere: Er knackte Autos, überfiel mit 18 einen Supermarkt, später eine Bank. Die Entführung des Hamburger Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma sollte der Coup seines Lebens werden.

Am 25. März 1996 überwältigte er Reemtsma, vermögender Mäzen und Universitätsprofessor, vor dessen Anwesen in Hamburg-Blankenese, das Erpresserschreiben legte er vor die Haustür, beschwerte es mit einer Handgranate. 33 Tage lang hielt er ihn gefangen in einem Keller eines Hauses in Garlstedt bei Bremen, angekettet. Als sich der Multimillionär wehren wollte, schlug der eher klein geratene Drach den Kopf des stattlichen Mannes mit voller Kraft gegen die Wand. Zwei Mal potenzierte er die Todesängste seines Opfers und dessen Familie, als er die Lösegeld-Übergaben platzen ließ - und schließlich 33 Millionen forderte statt 20.

Cabrio, Wodka-Cola, Rolling Stones

15 Millionen Mark und 12,5 Millionen Franken kassierten er und seine Komplizen, erst danach ließen sie den Entführten frei. Fahnder und eine von Reemtsma beauftragte Detektei machten sich auf die Suche nach dem Geld. Doch bis heute ist der Großteil der Beute verschwunden. Nur fünf Prozent, knappe 1,5 Millionen Mark, wurden sichergestellt. Die Ermittler gehen davon aus, dass Drach die D-Mark-Scheine der Beute längst gewaschen hat, vermutlich in US-Dollar.

Ein Teil der Beute dürfte für die sehr aufwendige, kostspielige Flucht und mehrere Geldwäscher draufgegangen sein, aber auch für den exklusiven Lebensstil, den sich Drach gönnte, nachdem er im Luxus-Küstenort Punta del Este im Geldwäscher-Paradies Uruguay untergetaucht war. Dort brauste er mit einem Mercedes-Cabrio 500 SL durch die Straßen, wohnte in einer Villa in bester Lage, frönte dem Nichtstun und genoss das Leben bei Wodka-Cola und Rolling-Stones-Songs aus der Jukebox.

Auf dem Weg zu einem Konzert seiner Lieblingsband in Argentinien wurde er gefasst, die Fahnder verhafteten ihn in einem Hotelzimmer in Buenos Aires. Zweieinhalb Jahre später wurde er ausgeliefert. Seine Komplizen, lange nicht so clever wie Drach selbst, waren bereits in den Jahren zuvor in die Falle getappt: Wolfgang K., Peter R. und Pjotr L. Drachs jüngerer Bruder Lutz wurden im November 2002 in Madrid verhaftet, weil sie Teile der Beute gewaschen hatten.

Für den "Kopf der Bande" muss die Vorstellung unerträglich gewesen sein, als sein Bruder vor ihm entlassen wurde: Sollte er, der Initiator des Coups, zusehen, wie seine Millionen den Besitzer wechseln? Jan Philipp Reemtsma hatte im Prozess 2001 gegen seinen Entführer vorgerechnet, dass Drach nach 15 Jahren Haft mit einem "Gewinn von zwei Millionen Mark pro Haftjahr" aus dem Knast spazieren würde, wenn man das Geld nicht findet.

"Dass Herr Reemtsma heute so unversehrt hier sitzt, ist einzig und allein den besonnenen Tätern zu verdanken", verhöhnte Drach sein Opfer damals. Man hätte dem Entführten auch einen Finger abhacken können, aber man habe sich "für die mildere Variante entschieden".

Auch die Staatsanwaltschaft Hamburg rechnet damit, dass sich Thomas Drach in altbewährter Manier in Schweigen hüllen wird am Donnerstag und nichts zum Verbleib der Lösegeld-Millionen sagen wird. Schon im ersten Prozess gegen den Entführer hatte der damalige Staatsanwalt Peter Stechmann mehrfach betont, dass Drach schweigt, um nach der Haftverbüßung "ein Leben im Luxus" führen zu können. Dafür müsste er allerdings frei sein.

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