Thüringen Verdursteter Leon tagelang tot in der Wohnung

Im thüringischen Sömmerda ist ein zehn Monate altes Baby verdurstet in der Wohnung seiner Mutter gefunden worden. Die zweijährige Schwester des Säuglings wurde ins Krankenhaus gebracht, ihr Zustand ist jedoch nicht lebensbedrohlich. Die Mutter der Kinder wurde festgenommen.


Sömmerda - Vor dem Haus Nummer 90 in der Lucas-Cranach-Strasse stehen Kerzen, Plüschtiere, Blumen und ein kleiner weißer Engel. Hier ist in der Nacht zum Freitag der neun Monate alte Leon gefunden worden - er war verdurstet und lag vermutlich schon seit einigen Tagen tot in seinem Kinderbett. Seine zweijährige Schwester Lena sei stark dehydriert in eine Klinik gebracht worden, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Erfurt, Anette Schmitt, SPIEGEL ONLINE.

Leon wurde gefunden, als das Jugendamt die beiden Kinder in ihre Obhut nehmen wollte. Da niemand aufmachte, öffnete die Polizei die Tür und machte den grausigen Fund. Laut Staatsanwältin gebe es keine Anhaltspunkte dafür, dass dem Jugendamt strafrechtlich relevante Versäumnisse vorgeworfen werden könnten. Das Amt habe laut einem Beschluss des Familiengerichts vom elften Dezember 2006 die Vormundschaft für die beiden Kinder übernehmen wollen.

Kinder waren tagelang allein zu Hause

Die 20 Jahre alte Mutter sei zu dem Zeitpunkt, als die Polizei in die Wohnung eindrang, nicht zu Hause gewesen. Sie wurde am Abend bei einer Freundin festgenommen und anschließend verhört. Nach Angaben der Oberstaatsanwältin Anette Schmitt fühlte sich die Mutter bei der Betreuung ihrer Kinder überfordert. Bei ihrer Vernehmung habe die Frau eingeräumt, sich zuletzt nur noch gelegentlich um sie gekümmert zu haben. So sei sie am Sonntag zum letzten Mal in der Wohnung gewesen und habe die Kinder versorgt.

Die Staatsanwaltschaft beantragte Haftbefehl. Der Mutter werde Totschlag und Aussetzung mit Todesfolge vorgeworfen, sagte Schmitt.

Das Baby ist laut Staatsanwaltschaft noch in der Nacht obduziert worden. Der Tod des Säuglings sei vermutlich Samstag, Sonntag oder Montag eingetreten. Er war laut Schmitt insgesamt für sein Alter normal entwickelt.

Nach Angaben der WGS Wohnungsgesellschaft Sömmerda lebte die Frau seit November 2004 mit ihrem Ehemann in einer Dreizimmerwohnung. Anfang August sei die Familie in eine Vierzimmerwohnung umgezogen.

Nur einen Monat später sei der Mann ausgezogen. Ein Sozialarbeiter der Gesellschaft habe die junge Frau unter anderem bei Behördengängen betreut. Seit zwei Wochen gebe es auch eine Vereinbarung zur Regelung der Mietschulden.

Wieder stirbt ein Kind durch Vernachlässigung

Nach dem Fall Kevin in Bremen, der verhungerten Jessica in Hamburg und dem Tod von Leon kritisierte der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), dass die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland nicht funktioniere. Nach BDK-Angaben sterben in Deutschland statistisch gesehen mindestens drei Kinder pro Woche an den Folgen von Gewalt oder Vernachlässigung. 2005 seien es insgesamt 178 gewesen. Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) sprach von einem tragischen Vorgang und unterstützte eine Bundesratsinitiative zu verpflichtenden Früherkennungsuntersuchungen für Kinder bis fünfeinhalb Jahren.

Der qualvolle Tod des kleinen Jungen hat auch in der Kleinstadt Sömmerda für Entsetzen gesorgt. Anwohner legten vor dem Eingang zu dem Plattenbaublock, in dem der kleine Junge verdurstet war, Blumen und Plüschtiere nieder und zündeten Kerzen an.

Eine 25-jährige Nachbarin, selbst Mutter eines fünfjährigen Jungen, hat den kleinen weißen Engel an den Eingang gestellt. Die Frau kannte die 20-Jährige, die ihren Sohn einfach ohne Versorgung zurückließ. Ein paar Mal habe sie sie auf der Straße getroffen. Die Kinder seien jedoch nur selten dabei gewesen. Das letzte Mal habe sie die beiden vor vier Wochen gesehen. "Der kleine Leon-Sebastian hat nicht gelacht. Seine Augen sahen ganz traurig aus", erzählt die Nachbarin. Nach dieser Begegnung habe sie keines der Kinder mehr gesehen.

han/dpa/ddp/AP



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