Tickende Zeitbomben Der Typus Amokläufer

Gesucht wird der Typus Amokläufer - doch ein Profil dieser Art von Täter ist nicht auszumachen. Noch nicht. Ein Berliner Psychologe erforscht, welche "Spur" ein potentieller Schoolshooter vor seiner geplanten Tat legt. Denn Amokläufer, die an Schulen wüten, handeln nicht im Verborgenen.

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Hamburg - Potentielle Amokschützen setzen bewusst und unbewusst Zeichen. Diese aber zu erkennen, um darauf reagieren zu können, ist weitgehend unerforscht. Herbert Scheithauer, Professor für Angewandte Entwicklungspsychologie an der Freien Universität Berlin, arbeitet an einer Studie zum Phänomen Leaking (Eine Sickerstelle, durch die die Phantasien potentieller Täter nach außen dringen) und untersucht Schulgewalt im Hinblick auf ihre Häufigkeit, ihre Ursachen und Tatverläufe, um bessere Prognosen erstellen zu können - um Katastrophen wie in Blacksburg zu verhindern.

"Es gibt bestimmte Merkmale, die auf eine gewisse Gefährlichkeit schließen lassen, die gehäuft bei sogenannten Schoolshootern zu ermitteln sind", sagt Scheithauer SPIEGEL ONLINE. "Hierzu gehören ein ausgeprägtes Interesse an gewaltbezogenen Medien, Verlusterlebnisse in zeitlicher Nähe und großes Interesse für und das Sammeln oder Bauen von Waffen. Nicht selten waren die Täter auch Opfer physischer Gewalt und Demütigungen durch Gleichaltrige." Ein detaillierteres Profil zu erfassen, daran arbeitet der Psychologe seit Jahren.

In jedem Fall geht der Tat ein Verlusterlebnis voraus. Das kann der Verweis von der Schule bzw. der Universität sein - und damit das Ende eines Lebenstraums. Aber auch das empfundene Bloßstellen durch Lehrer oder das klassische Beziehungsdrama kann einen Menschen in den Wahn treiben, Amok zu laufen. Gerüchte, wonach Cho Seung-Hui zuerst seine Freundin erschossen habe und eine Beziehungstat das Motiv für das Massaker sei, kommentiert Scheithauer so: "Wir müssen in jedem Fall Abstand von unserer objektiven Sichtweise nehmen. Die Sicht des Täters ist eine ganz andere." Der Psychologe verweist auf einen Fall, bei dem ein Mann ein Blutbad anrichtete, nur weil ihm davor eine Waffensammlung weggenommen worden sei.

"Es gibt immer eine Vorgeschichte, die kann sich über Jahre entwickeln", so Scheithauer. "Es staut sich so lange etwas auf, bis es das berühmte Fass zum Überlaufen bringt." Die entsprechende Entwicklungsdynamik entstehe aus einer dokumentierten Geschichte mit unterschiedlichem Zeitraum.

Eine entscheidende Rolle spielen Rachegedanken. "Diese Rache muss sich nicht auf eine Person konzentrieren. Die Täter empfinden sich als Opfer." Sie suhlen sich in der Rolle - und entweder sie planen exakt, wen sie hinrichten oder sie gehen ihre Tat spontan aus einer Verzweiflungssituation an.

Im Fall des 23-jährigen Cho Seung-Hui könne es laut Scheithauer auch so sein, dass er nach den beiden ersten Morden dachte, es gäbe ohnehin keinen Weg zurück - und erst dann plante er die Morde an den anderen Studenten und Lehrkräften. Zumindest die fast zweistündige Pause zwischen den beiden ersten Morden in dem West-Ambler-Johnston-Wohnheim und dem 30-fachen Mord in der Norris Hall spreche gegen den "klassischen Amoklauf". Jene "Abkühlungsphase" wertet der Berliner Psychologe als äußerst ungewöhnlich.

In keinem anderen Land gibt es regelmäßig so viele Massaker an Schulen und Universitäten wie in den USA. Von 46 gezählten Verbrechen dieser Art seit 1996 ereigneten sich dort mehr als die Hälfte. Scheithauer hofft, dass seine Studie eines Tages dazu beitragen wird, solche Tragödien rechtzeitig abzufangen. Seine Erfahrung wird durch das Ergebnis einer Studie des amerikanischen Secret Service bestätigt. Danach seien etwa drei Viertel aller Schoolshooter im Vorfeld durch ihr Verhalten in Schule und Freizeit auffällig. Oft leben sie in einer medialen Welt, losgelöst vom sozialen Leben, ohne Vertrauen zu Erwachsenen.

Spätestens seit Robert Steinhäusers Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium ist Schoolshooting auch in Deutschland ein wichtiges Thema. "Retrospektive Analysen von Berichten über weltweite Fälle von Schoolshootings belegen, dass die Taten fast immer im Vorfeld direkt oder indirekt durch die Täter angekündigt worden sind", so Scheithauer. Ob der Amokschütze von Blacksburg seine Bluttat angekündigt hat, ist noch unklar.

Das Problem fasst Scheithauer so zusammen: "Auswertungen von Gewaltvorkommnissen an Schulen sowie Berichte von Lehrern zeigen, dass es gar nicht so selten zu Gewaltankündigungen auch mit Todesdrohungen kommt - und nicht jede dieser Drohungen hat einen ernsten Hintergrund." Die Berliner Studie arbeitet daran, dass diese Entscheidungen besser gefällt werden können. Sobald das Profil des 23-jährigen Schoolshooters von Virginia Tech erstellt werden kann, wird auch jenes in die Untersuchungen von Berlin einfließen. "Und hoffentlich Leben retten", sagt Scheithauer.



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