Tierschutz vs. Kunst Kaninchenmeucheln im Monsterkeller

Hals umgedreht, Kopf abgeschnitten, ausgeweidet: Das blutige Ende zweier Kaninchen auf der Bühne einer Berliner Hinterhofgalerie bescherte Künstler Falk Richwien und seinen Helfern etliche Anzeigen. Vor dem Amtsgericht ging die Entscheidung Tierschutz gegen Kunstfreiheit 1:0 aus.

Von Uta Falck


Berlin-Mitte, Hackesche Höfe im Februar 2006, gegen 22 Uhr. Eine Hinterhofgalerie namens "Monsterkeller" lädt zur Performance. "Das Ableben des Hasen" ist eine Kunstaktion, die sich der bildende Künstler Falk Richwien, 44, ausgedacht hat. Einige Schaulustige interessieren sich für das Spektakel, das in den Stadtmagazinen kundgetan wurde. Unter ihnen befindet sich der Boulevard-Reporter Jens W.

Im Hinterzimmer der Galerie warten bereits zwei weiße Kaninchen in einem Stall auf ihre Hinrichtung. Der Fleischermeister Robert N., 55, nimmt das erste Kaninchen und schlägt ihm mit einem Knüppel ins Genick. Es soll dadurch betäubt werden. Die große, dämonisch in einen schwarzen Ledermantel gehüllte Peggy B., 29, präsentiert das zuckende Tier dem Publikum auf einem silbernen Tablett. Dann greift der Metzger das Kaninchen, hält dessen Pfoten fest, während die Frau ihm den Hals umdreht.

Auf einem Holzklotz schneidet Peggy B. dem Kaninchen den Kopf ab. Der Fleischermeister nimmt das Kaninchen aus, während Falk Richwien dessen Kopf an einen Nylonfaden bindet und dann in Formaldehyd einlegt. Dem zweiten Kaninchen ergeht es später nicht besser. Während der gesamten Performance wird kein Wort gesprochen. Erst im Anschluss kann Reporter Jens W. seine Sinnfragen an den Künstler stellen. Die Antworten klingen ähnlich mystisch wie ein Jahr später im Gerichtssaal.

"Spirituell überhöhte Reflexion"

Dort sprach Falk Richwien heute davon, dass man die "spirituell überhöhte Reflexion ins Gleichgewicht bringen müsse, dass man die geistige Ebene überhöht betrachten müsse und dass wir nicht so göttlich sind, wie wir zu glauben scheinen."

Damals vereinfachte die Zeitung des Künstlers Antwort und schrieb, Richwien wolle beweisen, dass wir alle vom Raubtier abstammen. Jens W. fragte den Künstler auch, ob er Angst vor den Konsequenzen seiner Show habe. Richwien antwortete damals: "Ich bin kein ängstlicher Mensch." Der Hasenskandal wurde von Berlins Boulevardpresse gründlich aufgearbeitet. Die Zeitungsberichte waren der Auftakt eines mehrmonatigen Justizverfahrens.

Eine Woche nach der Hasentötung stellte Claudia Hämmerling, Mitglied des Abgeordnetenhauses für Bündnis 90/Die Grünen, eine Strafanzeige gegen Falk Richwien, Robert N. und Peggy B. Sie war nicht die einzige: "Die Akte strotzt vor Anzeigen", sagte Richwien-Verteidiger Mirco Röder im heutigen Prozess.

Im Februar 2007 wurden die drei Performer per Strafbefehl zu Geldstrafen verurteilt: Sie hätten gegen das Tierschutzgesetz verstoßen und Wirbeltieren aus Rohheit erhebliche Leiden zugefügt sowie sie ohne vernünftigen Grund getötet, lautete die Begründung. Die Beschuldigten legten Einspruch ein - heute wurde dann vor dem Berliner Amtsgericht verhandelt.

"Im Nachhinein benutzt gefühlt"

Dabei wurde den Angeklagten der gleiche Vorwurf gemacht, den Staatsanwalt Tobias Lübbert schon im Strafbefehl formulierte. Zwei der drei Angeklagten erschienen heute persönlich: Der Künstler mit halblangen rötlichen Haaren, die er mit einer Spange zum Zopf gebunden hatte, und der Fleischermeister Robert N., auf dessen Basecap die Internetadresse "www.kaninchenkunst.de" prangte. Die Friseurin Peggy B. ließ sich von ihrer Anwältin vertreten.

Schnell zeichneten sich die Meinungen unter den drei Verteidigern ab. Rechtsanwältin Saskia Langner entschuldigte sich im Namen ihrer Mandantin für diese Aktion. Peggy B. sei von Richwien gefragt worden, ob sie sich daran beteiligen möchte. Sie habe gedacht, dass die Veranstaltung von der Kunstfreiheit gedeckt sei. "Wenn sie gewusst hätte, was das nach sich zieht, hätte sie bei der Veranstaltung nicht mitgemacht", so Langner. Es seien relativ wenige Zuschauer dort gewesen, und im Nachhinein bezweifle sie den Sinn des Ganzen. Nur Richwien habe Nutzen aus dem Medieninteresse gezogen. Inzwischen hat ihre Mandantin den Kontakt zu Richwien und N. abgebrochen. "Sie hat sich im Nachhinein benutzt gefühlt."



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