Tim K.s Fluchtfahrer Die Beretta im Nacken

Zwei Stunden sind schnell vorbei - aber eine Ewigkeit, wenn man sie als Geisel eines Amokläufers verbringt. Der 41-jährige Igor W. musste mit Tim K. im Auto durchs Land fliehen - bis er die letzte Chance nutzte, lebend aus dem Wagen zu entkommen.

Er hat immer wieder abgedrückt. Den Arm gehoben, anvisiert, geschossen. 112-mal feuerte Tim K. bei seiner apokalyptischen Odyssee durch die schwäbische Provinz.

Er schoss auf Schüler, Lehrer, einen Handwerker, einen Verkäufer, dessen Kunden, auf Polizeibeamte. Dann richtete er die Waffe gegen sich selbst. 109 Schuss Munition hatte er noch in den Taschen seiner armeegrauen Jacke, als man ihn tot fand. "Er hatte noch mehr vor", sagt einer der Ermittler, und Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech spricht von einem "sehr dynamischen Tatgeschehen".

Dynamisches Tatgeschehen? Für Igor W. war es schlicht die Hölle. Der 41-Jährige verbrachte 120 Minuten in der Gewalt des stämmigen Teenagers mit den mausblonden Haaren und der Nickelbrille, der sich am Mittwoch für ein paar Stunden in einen unberechenbaren Amoktäter verwandelte.

Um 10 Uhr am vergangenen Mittwoch sitzt W. in seinem grüngrauen VW Sharan auf einem Parkplatz in Winnenden, nicht ahnend, dass nur wenige Meter entfernt Tim K. in der Albertville-Realschule bereits ein Massaker angerichtet hatte.

"Auf, fahr los!"

Plötzlich reißt jemand die rechte hintere Wagentür auf, Tim K. schiebt sich auf die Rückbank, drückt Igor W. eine Beretta Kaliber 9 Millimeter in den Nacken und sagt zu ihm: "Auf, fahr los!"

Zwei Stunden lang wird Igor W. immer wieder den Druck dieser Waffe spüren. Tim K. gibt das Kommando, Igor W. muss den Wagen lenken, wohin K. es will. Auf der B14 fahren die beiden Insassen des Sharan zunächst in südliche Richtung nach Waiblingen, dann nach Stuttgart, von dort über die A81 nach Böblingen, nach Tübingen, Nürtingen, dann nördlich auf der B313 nach Wendlingen am Neckar.

Sehr bestimmt habe Tim K. angegeben, wohin die Reise gehen solle, schildert Igor W. später der Polizei.

Wollte K. nach Stuttgart zum Flughafen? Überdeckte der 17-Jährige mit seinen machohaft ausgestoßenen Kommandos, dem Fuchteln mit der Beretta nur die eigene Planlosigkeit? 13 Menschen hatte er zu diesem Zeitpunkt auf dem Gewissen, die Polizei hatte bereits eine Ringfahndung eingeleitet. K. muss geahnt haben, dass er nicht weit kommen würde.

Igor W., so schildern es Ermittler und wirken erschüttert von dem, was ihnen der Gekidnappte erzählte, steht Todesangst aus. Was, wenn der Sharan an eine Polizeisperre gerät? Hat er dann noch eine Überlebenschance, mit dem unberechenbaren Teenager auf seiner Rückbank?

"Soll ich 'nen Spaß machen, ein paar Autofahrer abknallen?"

Auf der A 81 stockt der Verkehr, es geht nicht voran. "Soll ich mal 'nen Spaß machen, ein paar Autofahrer abknallen?", fragt Tim K. seine Geisel.

Als sich der Sharan auf der B313 der Autobahnauffahrt auf die A8 nähert, sieht Igor W. eine Polizeistreife. "Er hat erkannt, dass es seine letzte Chance ist, lebend aus der Sache rauszukommen", sagt ein Polizeisprecher später.

In der langgezogenen Auffahrtskurve handelt Igor W. blitzschnell - und mit dem Mut der Verzweiflung. Er beschleunigt, lenkt den Wagen auf den Seitenstreifen und springt, während der Wagen aufs morastige Grün rollt, aus dem Auto.

Dann läuft W. weg - in Richtung der Polizisten. Das erste, was er zu den Beamten sagt, ist: "Ich bin in Winnenden gekidnappt worden". Es ist kurz nach 12 Uhr.

Dass Tim K., der auch den Wagen verlässt, den flüchtenden Igor W. nicht erschießt, ist vielleicht Glück, vielleicht Zufall - der Grund ist bislang nicht bekannt. "Aber mir sin Gott froh drum", sagt eine Polizeisprecherin SPIEGEL ONLINE.

Er zielt, drückt ab. 13 Mal

Tim K. setzt seine Flucht jetzt zu Fuß fort, ins Industriegebiet Wendlingen. Die letzten Minuten seines Lebens haben begonnen. 44 Schüsse wird er noch abgeben.

Um 12.15 Uhr betritt Tim K. - "gezielt" heißt es im Polizeiprotokoll - das Autohaus Hahn. Der 17-Jährige verlangt einen Wagen. "Als seinem Wunsch nicht unmittelbar nachgekommen wird", so formuliert es ein Polizeisprecher, hebt K. wieder den Arm. Zielt. Drückt ab. 13-mal. Ein Autoverkäufer und sein Kunde, die sich an einem Schreibtisch gegenübersitzen, sacken tot zusammen.

Das Magazin der Beretta ist leer, K. hantiert mit der Waffe. Zwei Männer, die sich im Autohaus versteckt halten, nutzen ihre Chance und flüchten.

Tim K. verlässt das Geschäft durch den Vordereingang. Auf einen Polizisten, der sich dem Gebäude nähert, gibt er sofort Schüsse ab. Der Beamte schießt zurück, 8-mal. Mindestens ein Schuss verwundet Tim K. am Bein.

"Der erschießt sich selber, wirst' sehen"

K. humpelt in das Autohaus zurück, schießt dann durch die Fensterscheibe auf einen Streifenwagen.

Er verlässt die Autohandlung durch den Hintereingang, eröffnet jetzt das Feuer auf einen weiteren Streifenwagen. Die Polizistin und ihr Kollege, die im Wagen sitzen, werden schwer verwundet.

Dann feuert Tim K. auf die Mitarbeiter einer benachbarten Firma, die gerade ihre Eingangstür verschließen wollen.

Der letzte Schusswechsel auf dem Parkplatz nahe des Autohauses ist auf einem Video festgehalten.

Tim K. lehnt am Heck eines Autos. Er dreht sich in Richtung der Kühlerhaube, hebt den Arm und feuert. Zwei Schüsse sind zu hören. Eine Pause. Das Bild verwackelt. Dann fallen erneut sieben Schüsse im Stakkato.

Tim K. steht immer noch hinter den in einer Reihe geparkten Autos. Nervös geht er hin und her, wirft immer wieder einen Blick in die Richtung, aus der er gefilmt wird. Aus dem Off sind Männerstimmen zu hören, die das Gefilmte dokumentieren. Tim K. hantiert mit der Waffe, überprüft offenbar das Magazin. "Der erschießt sich selber, wirst' sehen", sagt einer der beobachtenden Männer. "Da ist mein Auto, da steht er", ruft eine Stimme der Polizei zu, die im Bild nicht zu sehen ist. "Geh auf die Seite, wenn der knallt."

Kurz ist zu erkennen, dass K. das linke Bein nachzieht. Dann ist offenbar eine Sequenz aus dem Video geschnitten - K. ist jetzt weiter von den Autos entfernt, kniet sich auf den Boden, fällt dann zur Seite. Schließlich liegt K. ausgestreckt auf dem Asphalt. Wieder ein Schnitt. Dann sind Polizeibeamte zu sehen, die an K.s Körper vorbeigehen.

Tim K., der Attentäter von Winnenden und Wendlingen, ist tot. Es ist 13 Uhr.

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