Tod durch gepanschten Alkohol "Dann ist allen schlecht geworden"

Todesursache Methanol: Der deutsche Schüler, der bei einer Klassenreise in die Türkei nach einem Trinkgelage starb, hatte gepanschten Alkohol im Blut. Zwei seiner Mitschüler liegen noch im Koma - die Eltern bangen um das Leben ihrer Söhne.

Antalya - Christian und Ute L. sind tief erschüttert. Die Eltern des 19-jährigen Berufsschülers Jan aus Pelzerhaken bei Lübeck haben nun die Gewissheit, dass ihr Sohn kein Komasäufer war, kein fahrlässiger Zecher. Sie wissen jetzt, dass ihr Sohn mit gepanschtem Alkohol vergiftet wurde. Mit Methanol.

Jan L. gehört zu der Gruppe aus elf Berufsschülern und ihrem 55-jährigen Lehrer, die am 22. März auf Klassenreise ins Urlauberparadies Antalya aufbrachen. Es war Jans erster Türkeiurlaub, türkische Klassenkameraden hatten das Reiseziel vorgeschlagen. Antalya: wunderschöne Strände, laue Frühlingsnächte - und jede Menge billige Getränke, jede Menge Spaß.

420 Euro hatten die Schüler und ihr Lehrer pro Person gezahlt, Flug inklusive. In dem Ort Kemer buchte sich die Gruppe ins Anatolia Beach Hotel ein. Am Abend des 25. März feierten die Schüler gemeinsam - mit Raki, Wodka und Whiskey.

Am nächsten Morgen stieß der 21-Jährige Raffael N. nicht zu der Gruppe - man fand ihn schließlich tot im Hotelzimmer. Sechs weitere Schüler wurden in eine Klinik in Antalya eingewiesen, zwei von ihnen, darunter auch Jan L., liegen immer noch im Koma.

Wie die Obduktion des verstorbenen Raffael N. jetzt ergab, hatten die Schüler offenbar gepanschten Alkohol getrunken. Im Körper des 21-Jährigen wurden 2,0 Promille Methanol nachgewiesen. Schon ab 0,2 Promille kann Methanol tödlich wirken.

"Es klang nicht dramatisch"

Behandelnde Ärzte und auch der Direktor des Hotels hatten bislang ausgeschlossen, dass die Jugendlichen gepanschten Alkohol konsumiert haben könnten. Die L.s erhielten die Information aus Deutschland, von einem Beamten des Landeskriminalamts (LKA) Hamburg.

Nun sitzt das Ehepaar in der weißgestrichenen Cafeteria des Krankenhauses - sie rauchen, sind tatenlos, ruhelos. Viel Hoffnung, das wissen sie, gibt es für ihren Jan nicht. Nur ein Wunder könne ihn noch retten, hat einer der deutschsprachigen Ärzte gesagt. Es fließt kaum noch Blut durch sein Gehirn, er wird künstlich beatmet. Die L.s wissen nicht, wie sie das Geld für den Rücktransport ihres schwerkranken Sohnes nach Deutschland aufbringen sollen, die Schule hat mittlerweile ein Spendenkonto eingerichtet.  

Jans Mitschüler Jean-Pierre V. liegt ebenfalls im Koma. Die vier anderen Klassenkameraden haben sich mittlerweile erholt, sollen schon bald nach Deutschland zurückkehren.

"Wir wurden am vergangenen Freitag angerufen", erzählt Jans Vater Christian L. "Aber es klang nicht dramatisch. Der Lehrer meinte, Jan und die anderen hätten einen über den Durst getrunken."

Einen Tag später hörte sich die Geschichte schon ganz anders an: Jan könne nicht mehr atmen, er sei auf dem Weg ins Anadolu-Krankenhaus bewusstlos geworden. Sofort buchten die L.s einen Flug, krank vor Sorge, voller Ungewissheit. Was genau war da in Kemer passiert, was hatten die jungen Leute angestellt? Hatten sie ein "Komasaufen" veranstaltet? Drogen konsumiert? Nie hatten die L.s bislang solche Probleme mit ihrem Sohn gehabt. "Der Jan ist ja viel zu vernünftig", sagt der Vater. "Er trinkt grundsätzlich kein Alkohol am Steuer, er ist sportlich, er liebt Fußball. Er ist einfach nicht der Typ, der sich zu Tode säuft."

"Natürlich wurde getrunken"

Die Schüler und ihre Angehörigen beteuern, der Alkoholkonsum bei der vermeintlichem "Saufparty" im Hotel in Kemer habe sich tatsächlich in Grenzen gehalten - anders als bislang berichtet worden sei. "Natürlich wurde getrunken", sagt die 17-jährige Anna*, die ebenfalls im Krankenhaus lag. "Aber erst ab Mittwoch, und nicht schon seit der Ankunft am Sonntag." Zwei Flaschen Wodka und zwei Flaschen Pepsi-Cola für 25 Euro hatte die Gruppe am Mittwochabend nach 22 Uhr in der Hotelbar gekauft, so die Version der Schüler. Bis dahin sei der Ausschank noch umsonst gewesen, "all inclusive".

Weil die türkischen Mitschüler zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr mithielten, teilten sich Raffael N. und die sechs anderen den Alkohol. Jeder zwei Gläser Wodka-Cola, "fifty-fifty".

Raffael gegenüber, so erzählen es die anderen, hatte der Lehrer zuvor ein Alkoholverbot ausgesprochen. Raffael schlug über die Stränge. Er, Jan und Jean-Pierre hätten sich noch ein drittes Glas Wodka-Cola genehmigt. Dann sei allen "schlecht geworden", die Jugendlichen wankten auf ihre Zimmer. Wenig später war Raffael tot.

Annas Vater hat mittlerweile bei der Lübecker Polizei Strafanzeige gestellt. Gegen unbekannt.

Die türkische Polizei ermittelt weiter.

* Name geändert

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