Tod eines ausgesetzten Schülers "Für uns war das ein ganz normaler Einsatz"

Zwei Polizisten setzen einen betrunkenen Schüler nachts an einer Landstraße aus - der Junge wird überfahren. Jetzt stehen die beiden Beamten zum zweiten Mal vor Gericht. Der BGH hatte ihre Bewährungsstrafe als zu milde bewertet.

Kiel - Nicht nur ihre Zukunft steht jetzt auf dem Spiel, ihr Selbstverständnis als Polizisten wäre verloren, wenn dieser Prozess nicht gut für sie ausgeht. Hauptmeister Hans Joachim G., 59, und Oberkommissar Alexander M., 46: Gemeinsam haben sie mehr als 60 Jahre Polizeidienst auf dem Buckel. Sie gelten unter ihren Kollegen als erfahren. Wann wird Erfahrung zur gedankenlosen Routine?

Die beiden Polizisten stehen im Verdacht, den Schüler Robert Syrokowski am 1. Dezember 2002 auf einer abgelegenen Landstraße nahe Lübeck ausgesetzt zu haben - der Schüler war spärlich bekleidet, hatte 1,99 Promille Alkohol im Blut. Vier Grad kalt war es in jener Nacht. Kurze Zeit später wird der Gymnasiast von einem Auto überfahren und stirbt.

Das Landgericht Lübeck verurteilte die beiden Polizeibeamten nicht wegen Aussetzung, sondern wegen fahrlässiger Tötung zu je neun Monaten Bewährungsstrafe. Ein mildes Urteil. Die beiden Beamten konnten weiterhin im Dienst bleiben.

Roberts Eltern hätten mit dem Urteil leben können. Auf das Strafmaß sei es ihnen nie angekommen, aber auf die Wahrheit, sagt Klaus Nentwig, der Rechtsanwalt der Familie, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Wichtig sei den Eltern, dass ihr Sohn nicht als "der Besoffene" gilt, der "selbst Schuld" an seinem Tod hatte.

Doch die Verurteilten und die Staatsanwaltschaft forderten Freispruch und die Aufhebung des Urteils. Sie legten beim Bundesgerichtshof Revision ein. Nur deshalb entschieden sich Roberts Eltern, ebenfalls Revision einzulegen. Für Hans Joachim G. und Alexander M. völlig überraschend folgte der 3. Strafsenat des BGH dem Antrag Roberts von Eltern und hob die Verurteilung als zu milde auf. Robert Syrokowski habe sich sehr wohl in einer "hilflosen Lage" befunden.

Nun droht den Polizisten im neuen Prozess eine Verurteilung wegen Aussetzung mit Todesfolge - Mindeststrafe drei Jahre Haft. Freiheitsstrafen ab einem Jahr ziehen automatisch die Suspendierung vom Dienst mit sich. Die Existenz der beiden Beamten steht auf dem Spiel.

Sie entließen den Schüler in gottverlassener Gegend

Es sei "absurd und ungeheuerlich", dass man ihnen vorwerfe, sie hätten Robert Syrokowski ausgesetzt, sagte Hauptmeister Hans Joachim G. am Mittwoch zum Prozessauftakt vor der Schwurgerichtskammer des Kieler Landgerichts. Der Schüler habe weder gelallt, noch habe er einen schwankenden Gang gehabt. Er habe auf eigenen Wunsch, zwar "leicht angetrunken", aber "in guter körperlicher Verfassung" den Streifenwagen verlassen - und das an einem "sehr übersichtlichen Bereich".

Der "übersichtliche Bereich" - dort, wo die beiden Polizisten Robert morgens um 4.15 Uhr angeblich aussteigen ließen, und dort, wo er um 5.31 Uhr von einem Auto erfasst und getötet wurde - ist eine gottverlassene Gegend.

Er könne den Schmerz der Eltern nachempfinden, sagte Oberkommissar Alexander M. - grauer Nadelstreifenanzug, violette Krawatte - heute vor Gericht. Der 46-Jährige hat selbst sechs Kinder im Alter von 5 bis 24 Jahren. "Auch ich hätte als Vater alles versucht, um den Tod meines Kindes aufzuklären", sagte er. "Aber ich halte das Urteil des Landgerichts Lübeck für eine Fehlentscheidung." Mit seiner Frau, mit der er seit mehr als 24 Jahren verheiratet sei, durchlebe er, von Existenzängsten gequält, gerade "die schwierigste Zeit in unserem Leben".

Auch sein Kollege G. betonte die Belastung, unter der er seit der Unglücksnacht zu leiden hätte. "Diese Nacht hat auch mein Leben und das meiner Familie verändert", sagte der kräftige Mann mit stockender Stimme, die Tränen schluckte er weg.

Der 59-Jährige ist seit 39 Jahren im Polizeidienst. Schon oft hat er Todesnachrichten überbracht, hat viel Leid gesehen. Immer wieder frage er sich seit Roberts Tod: "Hast du was falsch gemacht? Würdest du etwas anders machen?" Die Antwort: "Ich würde es wieder so machen." Es sei denn, er wüsste, dass der Junge so viel Alkohol im Blut hätte. Aber das habe er eben nicht gewusst. Robert Syrokowski sei weder verwirrt noch aggressiv gewesen. Ganz im Gegenteil: Der Schüler sei höflich und freundlich aufgetreten. "Für uns war das ein ganz normaler Einsatz", sagte auch Alexander M.

Robert Syrokowski wählte im Streifenwagen die 110

Entscheidend in diesem Verfahren ist daher, wie andere Zeugen Roberts Zustand einstufen. Wirkte er betrunken? Orientierungslos?

Denn was in den 76 Minuten zwischen der Fahrt im Streifenwagen und dem tödlichen Unfall passierte, kann nicht geklärt werden. Sämtliche Angaben stammen von den beiden beschuldigten Beamten.

Sie behaupten, sie hätten Robert Syrokowski zu seinen Eltern nach Lübeck fahren wollen, aber der Schüler habe darauf bestanden, vorzeitig auszusteigen. Da er weder einen betrunkenen noch desorientierten Eindruck gemacht habe - zudem 18 Jahre alt und im Besitz eines Handys gewesen sei - hätten sie ihn einige Kilometer vor der Stadt an einer durch Straßenlaternen beleuchteten Stelle hinter dem Elbe-Lübeck-Kanal abgesetzt. Sie gingen davon aus, er werde sich ein Taxi rufen.

Seine Eltern sowie deren Rechtsanwälte Klaus Nentwig und Johann Schwenn glauben, dass Robert auf einem unbeleuchteten Waldparkplatz unweit der Stelle, wo er überfahren wurde, aus dem Streifenwagen ausstieg - betrunken, hilflos, frierend, ohne Geld und Orientierung. Nur deshalb habe er sich mitten auf den Asphalt gehockt, um jedes vorbeikommende Auto auf sich aufmerksam zu machen - und sei deshalb frontal von einem Wagen erfasst worden.

Fest steht: Beide Polizisten meldeten ihrer Leitstelle nichts von ihrem Vorhaben. Ebenso sicher ist, dass Robert von seinem Handy aus den Notruf 110 wählte - obwohl er noch auf dem Rücksitz des Streifenwagens saß. Gab es eine Auseinandersetzung im Auto? Hatte er Angst?

Zudem wählte er die Nummer seiner Freundin, die ihr Handy abgeschaltet hatte, und zweimal versuchte er, seine Eltern zu erreichen, vertippte sich aber.

Die angeklagten Polizisten versuchten heute vor Gericht, sich von Aussagen, die sie im ersten Verfahren machten, zu distanzieren. Ihre Verteidiger - das Ehepaar Annette Marberth-Kubicki und der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki aus Kiel - standen bemüht beratend zur Seite.

Zwischen ihnen und den beiden Nebenklagevertretern Klaus Nentwig aus Bad Schwartau und dem Hamburger Staranwalt Johann Schwenn kam es zu heftigen Wortwechseln.

"Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Angeklagten wegen Aussetzung verurteilt werden", zeigte sich Schwenn im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zuversichtlich. Er war es auch, der eine Verlegung des Verfahrens ans Landgericht Kiel beantragt hatte, weil "der Eindruck entstanden war, dass sich die Lübecker Staatsanwaltschaft als zusätzliche Verteidigung der Angeklagten verstanden hat".

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