Tod eines Obdachlosen Mordermittler folgen Handy-Spur

Auf einem Parkplatz im niederrheinischen Kamp-Lintfort wurde ein Obdachloser getötet - vorher soll er die Täter mit dem Handy gefilmt haben. Die Ermittler haben einen furchtbaren Verdacht: Wurde der Mann mit einem Auto zu Tode gejagt?

Das Passfoto des sehbehinderten Klaus B.: Wurde er zu Tode gejagt?
Polizei

Das Passfoto des sehbehinderten Klaus B.: Wurde er zu Tode gejagt?

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Hamburg - In der Nacht zum Pfingstsonntag, um 2.30 Uhr, fanden Passanten Klaus B. Der Obdachlose lag auf dem Asphalt auf einem Parkplatz des Strandbades Pappelsee im niederrheinischen Kamp-Lintfort. Er war blutüberströmt, vor allem an den Beinen und am Kopf schwerverletzt.

Die Reanimierungsversuche eines Notarztes waren vergebens. Der 51-Jährige ist laut Obduktion an seinem Blut erstickt.

Klaus B. hatte sich seinem Schicksal bereits zuvor ergeben. Der Tod seiner Frau hatte ihn, der ohnehin unter dem Verlust seiner Arbeitsfähigkeit litt, vollends aus der Bahn geworfen. Als dann noch seine Wohnung in Duisburg ausgebrannt war und er auf einmal kein Dach mehr über dem Kopf hatte, hatte sich Klaus B. widerstandslos dem Los seines Lebens gefügt - und wohnte seither auf der Straße.

Ein Bekannter sorgte sich um den sehbehinderten Frührentner und überließ ihm im vergangenen Dezember immerhin seinen grauen Opel Corsa. Seither lebte Klaus B. in dem Kleinwagen, hortete darin seine wenigen Habseligkeiten und Erinnerungen und schlief darin in der Nacht. Aufgrund seiner Behinderung konnte Klaus B. den Wagen kaum steuern, so stand das kleine Auto meist auf einem Parkplatz des Strandbades.

Weder alkoholkrank noch drogenabhängig

Klaus B. war den Bewohnern der Umgebung bekannt. In der gutbürgerlichen Wohngegend störte sich jedoch niemand an dem Obdachlosen. Klaus B. war nach Polizeiangaben weder alkoholkrank noch drogenabhängig, er randalierte nicht, sondern verhielt sich unauffällig, höflich, zurückhaltend.

Nur einmal kam er mit der Polizei in Kontakt: Im Dezember 2009 erstattete er Anzeige gegen einige Jugendliche, die ihn bedroht und angegriffen haben sollen. Doch das Verfahren wurde eingestellt, weil die Angreifer nicht ermittelt werden konnten. B. wohnte weiterhin in seinem fahrbaren Untersatz, ohne aufzufallen.

Nun starb der Obdachlose dort, wo er zuletzt gelebt hat: auf dem Parkplatz des ehemaligen Baggerseegeländes, ermordet von Unbekannten.

Wurde Klaus B. mit einem Auto über den Parkplatz gehetzt und so getötet?

Spuren auf dem Asphalt nahe der Leiche belegen, dass ein Auto dort von einem Fahrer mehrfach stark beschleunigt und abgebremst wurde. Auf dem Parkplatz wurden neben zahlreichen Reifenabdrücken auch viele Glassplitter sichergestellt.

Der Opel Corsa wurde 600 Meter weit entfernt, auf der anderen Seite des Sees, in einer Sackgasse entdeckt. Die Nummernschilder mit dem Kennzeichen WES-JQ 340 waren abmontiert, die Frontseite demoliert. Der Wagen weist zudem weitere Schäden auf, die er den Ermittlungen zufolge zu Lebzeiten des Obdachlosen nicht gehabt haben soll. Aufgrund dieser Spurenlage und der Verletzungen des Toten an Beinen und Kopf schließt die Polizei nicht aus, dass Klaus B. mit dem Opel Corsa regelrecht gejagt wurde.

Der oder die Täter könnten demnach ihr wehrloses Opfer mit dem Wagen über den Parkplatz gehetzt und es zudem mit Tritten und Schlägen malträtiert haben. Dass Klaus B. selbst den Corsa lenkte, schließen die Ermittler aus.

Eine 19-köpfige Mordkommission ist derzeit mit der Aufklärung des Falls beschäftigt. Ein erster Ermittlungserfolg ist eine Audioaufnahme: Aus dem zerstörten Handy des Opfers, das neben ihm auf dem Boden lag, konnten Daten ausgewertet werden. Auf dem rekonstruierten Mitschnitt ist die Stimme eines Tatverdächtigen zu hören.

Die Ermittler setzen auf die Rekonstruktion eines Videos

Der Mann sagt: "Dat is komplett schwarz. Guck mal, et is komplett schwarz. Guck mal durch, siehste dat hier? Guck mich mal an!" Die Aufnahme stammt von 1.10 Uhr. Danach klingt es so, als sei das Handy daraufhin zerstört worden.

"Offenbar hat das Opfer aus dem Auto heraus seinen Peiniger mit dem Handy aufgenommen", sagte Ramon van der Maat, Sprecher der Polizei Duisburg, und zeigte sich zuversichtlich, dass zu der Tonspur auch die Bilder rekonstruiert werden können. "Wir gehen davon aus, dass wir bald das dazugehörige Video haben."

Schon jetzt seien zahlreiche Hinweise eingegangen, denen nachgegangen werde. Die Polizei hofft nun auf Informationen, die zur Identifizierung des Sprechers führen können. Für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, hat die Staatsanwaltschaft eine Belohnung von 2000 Euro ausgesetzt.

Eine Hundertschaft der Polizei durchkämmte bereits das komplette Gelände um den See und den Parkplatz, auf dem Klaus B. getötet wurde. Gefunden werden konnte bisher allerdings nichts, was zur Klärung des Verbrechens beitragen könnte, wie Polizeisprecher van der Maat sagte.

Zusammenhänge zwischen der Anzeige, die Klaus B. vor fünf Monaten gegen unbekannte Jugendliche stellte, und seinem tragischen Tod wollten weder Polizei noch Staatsanwaltschaft kommentieren. Klaus B. sei im Dezember 2009 bedroht, aber nicht körperlich angegriffen worden, sagte Staatsanwalt Stefan Müller.

"Es gibt mehrere denkbare Varianten, wie dieser obdachlose Mann ums Leben kam", sagte ein Polizeisprecher. "Dass er zu Tode gejagt wurde, gehört zu den grauenvollsten."



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