Tod eines Säuglings Babyleiche soll nach 21 Jahren beerdigt werden
London - In dem Monat, in dem Christopher starb, begann die große Welt zu wanken. "Mr. Gorbachev, open this gate! Mr. Gorbachev, tear down this wall", forderte US-Präsident Ronald Reagan am Brandenburger Tor ("Öffnen Sie dieses Tor! Reißen Sie diese Mauer ab!") Im Bonner Hofgarten demonstrierten 100.000 Menschen für Frieden und Abrüstung. Und der Papst, es war noch Johannes Paul II., besuchte seine Heimat Polen, damals eine kommunistische Volksrepublik.
Im Londoner Norden, im Stadtteil Edmonton, stürzte derweil eine kleine Welt zusammen.
Vier Monate alt war Christopher, Sohn der Eheleute Steven und Mary B., als er im North Middlesex Hospital gegen Keuchhusten, Kinderlähmung und Tetanus geimpft wurde. "Ein klasse Kind" sei sein kleiner Sohn gewesen, sagte sein Vater dem britischen "Guardian": aufgeweckt, lebendig, fröhlich. Bis zu diesem verhängnisvollen Tag im Juni 1987.
Noch im Krankenhaus, nach der Behandlung, übergab sich Christopher, so Steven B. Dennoch durften die Eltern ihn mit nach Hause nehmen. "Er war ganz lethargisch, deswegen haben wir ihn gegen sieben oder acht ins Bett gebracht. Um halb neun schaute ich dann nach ihm", sagte B.
"Irgendetwas stimmte nicht"
Die Hände seines Sohnes seien verkrampft gewesen, Christopher, eingepackt in einen Strampelanzug, habe mit dem Gesicht in seinem Kissen gelegen. "Ich hob ihn hoch. Irgendetwas stimmte nicht. Er war nicht weich wie ein Baby, sondern ganz steif. Ihm lief Blut aus der Nase", erinnerte sich B.
Christopher lebte nicht mehr.
Der Gerichtsmediziner, der den Säugling wenig später untersuchte, diagnostizierte laut "Times" und "Guardian" einen "Plötzlichen Kindstod". Doch B. glaubte dem nicht.
Steven und Mary, deren Ehe inzwischen zerbrochen ist, waren damals und sind heute noch überzeugt davon, dass ihr Sohn an einer Blutinfektion starb, verursacht durch einen vergifteten Impfstoff.
Und weil der Vater sich seither weigert, einen Totenschein zu unterzeichen, auf dem als Todesursache "Plötzlicher Kindstod" verzeichnet ist, liegt Christophers kleiner Körper seit nunmehr 21 Jahren in einem Tiefkühlfach einer Londoner Leichenhalle. "Baby B.: verstorben", steht darauf.
Das Ultimatum der Behörde
Doch dieser Zustand könnte bald von Amts wegen beendet werden.
Die zuständige Behörde habe die Familie B. ultimativ aufgefordert, die Bestattung bis zum 18. August zu organisieren, schreibt die "Times". Andernfalls werde Christopher zwangsweise beigesetzt. Eine Gesetzesänderung ermögliche diesen Schritt nun.
Dem Bericht zufolge will sich B. damit allerdings nicht abfinden. Der 61-Jährige plane, die Entscheidung vor dem obersten Gerichtshof anzufechten. "Der Terminus 'Plötzlicher Kindstod' bedeutet lediglich, dass die Ärzte angeblich keine Erklärung für den Tod haben", sagte B. der Zeitung. Das sei aber falsch. Das Ableben seines Sohnes habe einen feststellbaren Grund.
Christophers Blut sei in der Gerichtsmedizin untersucht worden. Dabei hätten die Ärzte herausgefunden, dass der Säugling an einer Infektion litt. Die Behörden hätten ihm jedoch gesagt, die Verunreinigung des Blutes sei durch einen Fehler im Labor entstanden, so der Vater, der noch drei weitere Kinder hat. Seinen Angaben zufolge sind in der Zwischenzeit jedoch Vergleichsblutproben und Organe des toten Babys unter ungeklärten Umständen verschwunden.
"Es ist abscheulich"
"Wenn die Leute hören, dass Christopher noch immer nicht beerdigt wurde, glauben sie, ich bin ein Verrückter, der einfach nicht loslassen kann", sagte B. Ihm gehe es jedoch darum, endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen.
"Ich weiß, es klingt abscheulich, ihn nicht beizusetzen. Es ist abscheulich, aber wessen Fehler ist das? Warum lassen sie ihn lieber für 20 weitere Jahre da liegen, als Ermittlungen einzuleiten", sagte B. dem "Guardian".
Für die Aufbewahrung der auf minus acht Grad Celsius gekühlten Babyleiche zahlt B. wöchentlich 15 Pfund (19 Euro).
Noch unglaublicher als der Schicksal des Christopher B. mag erscheinen, dass dieses in Großbritannien offenbar kein Einzelfall ist. Dem Bericht der "Times" zufolge wird in der englischen Stadt Leeds ebenfalls seit Jahrzehnten eine Leiche aufbewahrt.
Der heute 81-jährige Vater der 1979 verstorbenen Krankenschwester weigert sich, einen Totenschein für seine Tochter zu unterschreiben.
Helen Smith, damals 23, war vor fast 30 Jahren in Saudi-Arabien von einem Balkon gestürzt. Sie solle erst beigesetzt werden, so sagte ihr Vater Ron Smith, wenn die Behörden "zugeben, dass sie ermordet wurde".