Tod eines Streitschlichters "Ich stech dich ab, geh weg!"

Emeka Okoronkwo wollte zwei Frauen schützen, als sie an einer Haltestelle in Frankfurt belästigt wurden. Seine Zivilcourage bezahlte der 21-jährige Nigerianer mit dem Leben. Jetzt steht der mutmaßliche Täter vor Gericht - und spricht von Notwehr.

Hamburg - Emeka Okoronkwos Mutter hat keine Kraft, sich am Mittwoch in den Saal 1 des Landgerichts Frankfurt zu schleppen. Der Tod ihres Sohnes hat der Nigerianerin schwer zugesetzt. Von Psychologen begleitet kämpft sich die 39-Jährige seither durch ihren Alltag. Sie haben ihr davon abgeraten, Michael W. gegenüberzutreten. Der 34-Jährige soll Emeka am frühen Morgen des 2. Mai 2010 getötet haben.

Emeka Okoronkwo hatte die Nacht durchgemacht. Zuletzt hatte der 21-Jähriger im "Chango" im Bahnhofsviertel von Frankfurt getanzt. Gegen 6.40 Uhr verließ er die Salsa-Discothek in der Münchener Straße. An der Straßenbahnhaltestelle gegenüber warteten zwei Frauen. Er stellte sich zu ihnen. Man kannte sich nicht. Zwei Äthiopier, Michael W. und sein Freund Robel G., näherten sich den dreien.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft belästigten und beleidigten W. und G. die beiden Frauen. Emeka Okoronkwo mischte sich ein, stellte sich schützend vor Annette V. und Yorda T. Es kam zu einer kurzen Schlägerei. Laut Polizei zog Michael W. nach wenigen Minuten ein Taschenmesser mit einer acht Zentimeter langen Klinge und stieß es dem Nigerianer mit voller Wucht ins Herz.

Michael W. behauptet, in Notwehr gehandelt zu haben. Eine der Frauen habe ihn als "Junkie" bezeichnet, sagte der 34-Jährige in der Vernehmung. Als sein Kumpel sie deshalb bespuckt habe, sei Emeka Okoronkwo dazwischen gegangen. Der Nigerianer habe das Messer gezogen, er habe es ihm aus der Hand geschlagen. Als Emeka Okoronkwo ihn geboxt habe, habe er mit dem Messer nach diesem geschlagen und geglaubt, das Bein getroffen zu haben. Er habe noch ein zweites Mal zugestochen, jedoch vergessen, wohin.

Augenzeugen belasten den mutmaßlichen Täter schwer

Yorda T., eine der beiden Frauen, widerlegt die Notwehr-Version: Eindringlich schilderte sie den Ermittlern, wie Michael W. und dessen Freund sie in obszöner Weise belästigten. Immer wieder habe sie gesagt, sie sollten sie in Ruhe lassen.

Emeka Okoronkwo habe sich eingemischt, weil die beiden Männer nicht von ihr abgelassen hätten. Plötzlich habe ihr Michael W.s Freund zwei Mal ins Gesicht gespuckt. Sie sei sofort zum Taxistand und habe einen der Fahrer gebeten, die Polizei zu alarmieren. Sie sei dann wieder zurück und gemeinsam mit ihrer Freundin Richtung Hauptbahnhof marschiert, Emeka Okoronkwo blieb zurück.

Sie habe ein ungutes Gefühl bekommen, sagt Yorda T., deshalb seien sie umgekehrt. Dort sah sie dann, dass sich die drei Männer bereits schlugen. Michael W. habe von hinten etwas Silbernes aus seiner Tasche gezogen, Emeka Okoronkwo in den Bauch gestochen und sei dann abgehauen. Sein Kumpel sei ihm gefolgt.

Auch der Taxifahrer, den Yorda T. ansprach, sagt, Michael W. habe Emeka Okoronkwo bedroht. "Ich stech dich ab, geh weg!", habe dieser drei Mal zu dem Nigerianer gesagt, ohne ein Messer in der Hand zu halten. Es sei zum Gerangel gekommen. Michael W.s Freund habe nach Emeka Okoronkwo gespuckt und ihn ins Gesicht getroffen. Zwei Mal habe Michael W. auf Emeka Okoronkwo eingestochen.

Der Nigerianer hatte einen Kurs als Streitschlichter belegt

Nach seinem Tod wurde Emeka Okoronkwo, der 1988 in Ahoado geboren wurde, als Held gefeiert: Angehörige, Freunde und Fremde hielten am Tatort Mahnwache. Tage später bildeten dort hundert Menschen eine Menschenkette. Sie schlossen sich erst zu einem Kreis, formten dann ein Herz. Es gab eine Gedenkfeier im Frankfurter Kolpinghaus, seinem Wohnheim während seiner Ausbildungszeit.

In seiner deutschen Heimatstadt Langen, südlich von Frankfurt, wurde er unter großer Anteilnahme beigesetzt. Lehrer, Ausbilder, Freunde und Kollegen beschrieben Emeka Okoronkwo als einen Menschen mit klaren Zielen. Er rauchte nicht, trank nicht, nahm keine Drogen. Vielen sei er ein Vorbild gewesen, sagen sie.

Im Alter von acht Jahren war er mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. 2009 begann er eine Lehre zum Restaurantfachmann, im Sommer 2010 wollte er in einem großen Hotel in Frankfurt seine Lehre mit einer Ausbildung zum Koch erweitern. Er träumte davon, in einem Luxushotel zu arbeiten. Im Langener Jugendzentrum betreute er Kinder beim Fußball, leitete den Chor und erprobte sich als Tanzlehrer. Im Jugendzentrum Dietzenbach hatte er einen Kurs als Streitschlichter absolviert, um bei Konflikten vermitteln zu können.

Aber Emeka Okoronkwo eckte dennoch an. In der Nacht, in der er starb, hatte der 21-Jährige das "Chango" nicht freiwillig verlassen. Den Ermittlungen zufolge war er von Türstehern aus der Discothek geworfen worden. Annette V. und Yorda T. hatten das mitbekommen. Als sich der Nigerianer zu ihnen an die Tramhaltestelle gesellte, hätten sie ihn darauf angesprochen.

Emeka Okoronkwo sagte ihnen, er habe einer Frau seine Kette geliehen. Die habe diese nicht zurückgeben wollen, darauf seien sie in Streit geraten.

"Wie konnte eine Auseinandersetzung so eskalieren?"

Wenige Minuten später traf er auf Michael W., der - wie Okoronkwo - in Deutschland eine zweite Heimat finden musste. Geboren in Addis Abeba war er mit 15 Jahren ins Rhein-Main-Gebiet gekommen - alleine. Sein erstes Zuhause wurde ein Jugendheim nahe Marburg. Er brach eine Lehre ab, die zweite als Schlosser beendete er zwar, bekam aber nicht den Gesellenbrief. Zu oft hatte Michael W. in der Werkstatt gefehlt. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, wurde Vater von zwei Kindern. Deren Mutter starb an Krebs, als die Kinder ein und zwei Jahre alt waren.

Immer wieder spielten Drogen im Leben des Michael W. eine Rolle: Zunächst konsumierte er Haschisch, rauchte Heroin, nahm Speed und Kokain. Im April 2009 machte er einen Entzug. Keine zwei Wochen später wurde er rückfällig. Er selbst sagt von sich, er habe manchmal mehr als zehn Joints am Tag geraucht und mehr als fünf Bier getrunken. Doch laut Gutachten war Michael W. zur Tatzeit nicht vermindert schuldfähig. Auch sei er nicht abhängig, sondern vielmehr fehle ihm die richtige Einstellung zum Leben in der Gemeinschaft.

Gutachter beschreiben Michael W. als "autoritären Charakter" und brutalen Vater, der gegenüber seinen Kindern mehrfach gewalttätig wurde und die Prügelstrafe grundsätzlich als eine angemessene Erziehungsmethode preist.

Emeka Okoronkwos Mutter hat große Hoffnung in den Prozess und tritt als Nebenklägerin auf. "Die Familie wünscht sich, eine Antwort auf die Frage zu erhalten, wie eine eigentlich harmlose Auseinandersetzung unter jungen Menschen so hat eskalieren können", sagt ihr Anwalt Oliver Wallasch, Strafverteidiger aus Frankfurt.

"Einen so brutalen, sinnlosen Tod hat niemand verdient", sagt ein ehemaliger Mitbewohner Okoronkwos. "Vielleicht können wir das besser verstehen, wenn der Täter Verantwortung dafür übernimmt und echte Reue zeigt."

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