Tod in Tessin "Wie es sich anfühlt, einen Menschen zu töten"

Eyleen war die Geisel von Felix D. und Torben B., als die beiden zwei Menschen kaltblütig töteten: Gefesselt und geknebelt schleppten die Jugendlichen das Mädchen an den Tatort, zeigten ihr die Opfer. Über die grausamen Details der Bluttat sprach die 15-Jährige live im Fernsehen.

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Hamburg – Eyleen wirkt ganz ruhig und gefasst, ihr Vater Rico Timm ist an ihrer Seite, als sie live im "stern TV"-Studio über den kaltblütigen Doppelmord von Tessin spricht. Sie war die Geisel von Torben B. und Felix D., nachdem die beiden das Ehepaar E. niedermetzelten. Die Schülerin saß auf der Rückbank des alten VW Polo, mit dem die 17-Jährigen flüchten wollten und den die Polizei eine Stunde lang umstellte, bis die beiden endlich aufgaben.

"Sie haben im Auto darüber geredet, dass es mal ganz interessant ist, zu wissen, wie es sich anfühlt, einen Menschen zu töten. Und dass es gar nicht so ein schwieriges, schlimmes Gefühl ist", berichtet Eyleen. "Dass es sich ganz leicht angefühlt hat. So als würde man nur in eine Schlägerei verwickelt sein, ganz normal. Kein besonderes Gefühl. Keine Emotionen."

Der Abend hätte begonnen, wie viele andere zuvor, sagt die Gymnasiastin. Im Haus von Felix’ Eltern essen sie gemeinsam zu Abend: Torben, Felix und seine jüngere Schwester Jana, eine Freundin und Klassenkameradin von Eyleen. Außerdem sehen sie sich "Final Fantasy VII" an, einen Computeranimationsfilm aus Japan, der ab 12 Jahren freigegeben ist. Felix D. und Torben B. schicken die 15-Jährige aus dem Zimmer. "Sie wollten kurz alleine sein, was besprechen." Danach geht Eyleen mit den beiden durchs Dorf, wie sie es schon öfter getan haben. Dass die beiden Messer bei sich tragen, davon weiß sie nichts.

In dem heruntergekommenen, verwahrlosten Clubhaus der Tessiner Dorfjugend, fesseln die beiden 17-Jährigen sie mit Paketband und Kabelbinder, bedrohen sie mit einem Messer und verbinden ihr die Augen. "Ich dachte, die wollen sich einen Spaß daraus machen." Die 15-Jährige hält die Aktion für ein Spiel und bleibt gelassen. Die beiden Jungen beschweren sich, dass Eyleen so ruhig bleibt, dass sie keine Angst zeigt, und verlassen den Schuppen. Sie hört ihre Schritte, keine Schreie, weiß nicht, was die beiden vorhaben – und wartet.

Was sie nicht ahnt: Die beiden Gymnasiasten klingeln bei der Familie E., gehen ohne Vorankündigung mit Messern auf Peter E. los, bis der 46-Jährige tot im Hausflur zusammenbricht. Dann stürmen sie in den ersten Stock und stechen auf seine Frau Antje E. ein. Der gemeinsame Sohn Florian kann sich verbarrikadieren – und die Polizei alarmieren.

Eyleen bekommt von der Tat nichts mit - erst als die Täter zurückkehren. "Torben zerrte mich aus dem Schuppen ins Haus." Sie sieht die blutüberströmte Leiche von Peter E. "Die Frau hat noch geatmet", erinnert sich Eyleen. "Glaubst Du uns jetzt? Glaubst Du uns jetzt? Siehst Du, der Mann ist tot", rufen die beiden. Mit der gefesselten Eyleen steigen sie in den weißen VW von Antje E. Torben B. lenkt den Polo, brettert über die kleine Koppelweide gegenüber dem Einfamilienhaus, durchbricht zwei Holzzäune und prallt gegen einen stillgelegten Ford Fiesta. Die Polizei umstellt den Wagen.

Während die Beamten auf die Jugendlichen einreden, denkt Felix D. an Selbstmord. "Ich will mich lieber selbst umbringen als von denen hier draußen umgebracht zu werden", habe er gesagt, erinnert sich Eyleen. "Torben war total dagegen. Er sagte: Das können wir nicht machen." Doch verzweifelt seien die beiden nicht gewesen, beteuert das Mädchen.

Es sei Eyleens Wunsch gewesen, an die Öffentlichkeit zu gehen, rechtfertigt ihr Vater Rico Timm den Fernsehauftritt. "Ich bin nicht dafür gewesen, dass wir uns öffentlich zeigen." Doch Eyleen habe die Situation generell "gut im Griff". Nur einmal sei sie zusammengebrochen, als sie in Zeitungen gelesen habe, sie sei betrunken oder gar an der Tat beteiligt gewesen. "Es war ein solcher Schock für sie, sie hat wahnsinnig geweint", sagt ihr Vater. Eyleen wollte das richtigstellen.

Die "Ostseewelle" hatte unter Berufung auf Ermittlerkreise berichtet, die beiden jugendlichen Täter hätten von ihrem ersten Opfer Peter E. Unterwerfungsgesten verlangt und anschließend auf den niederknienden Familienvater eingestochen. Solche Szenen gebe es auch in einem Gewalt-Video. Die "Bild"-Zeitung hatte behauptet, die beiden Jugendlichen hätten mit der Bluttat ein Computerspiel nachgestellt und sich während des Gemetzels mit den Figurennamen angeredet. Laut Eyleen haben sich Felix D. und Torben B., die in der Jugendhaftanstalt Neustrelitz in Untersuchungshaft sitzen, nicht mit Figurennamen angesprochen.



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