Tod nach Kontrolle in Delmenhorst Staatsanwaltschaft findet keine Hinweise auf Fehlverhalten der Polizei

Ein junger Iraker starb nach einer Kontrolle in Delmenhorst – womöglich an einer Substanz, die Rechtsmediziner in seinem Magen fanden. Die Staatsanwaltschaft hat jetzt Ermittlungen gegen Polizeibeamte eingestellt.
Blumen und Kerzen am Ort der Festnahme im Delmenhorster Wollepark

Blumen und Kerzen am Ort der Festnahme im Delmenhorster Wollepark

Foto: Sina Schuldt / dpa

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat die Ermittlungen gegen Polizeibeamte im Fall eines jungen Mannes aus dem Irak eingestellt, der nach einer Kontrolle im Delmenhorster Wollepark gestorben war. Die Familie des 19-Jährigen hatte Strafanzeige gegen die Beschuldigten gestellt. Ihr Verdacht: Qosay K. könnte an den Folgen eines übermäßig gewalttätigen Polizeieinsatzes gestorben sein.

In den sozialen Netzwerken und auf Demos war von Polizeigewalt und Rassismus die Rede. Der Fall wurde mit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd vor einem Jahr in Minneapolis verglichen. »I can't breathe«, hatte Floyd gerufen, als ein Cop minutenlang auf seinem Hals hockte. Floyd starb.

Laut Staatsanwaltschaft entdeckten Rechtsmediziner im Magen- und Darmtrakt des Toten Qosay K. Polyacrylamid und Natriumpolyacrylat. Die Stoffe können ein vielfaches ihrer eigenen Masse an Wasser und anderen Flüssigkeiten binden. Als Superabsorber werden sie unter anderem in Babywindeln verwendet. Die Chemikalien seien für eine schwere Schädigung des Verdauungstraktes des Verstorbenen verantwortlich. Ob die Einnahme der Substanz den Tod des 19-Jährigen verursacht habe, sei noch unklar, teilte die Staatsanwaltschaft in einer Erklärung mit. Es sei aber wahrscheinlich, dass sie mit dem Tod in Zusammenhang stünde.

Warum Qosay K. das Pulver schluckte und ob er wusste, worum es sich dabei handelte, ist unklar. Vermutlich hatte er es verpackt zu sich genommenen. Laut einem rechtsmedizinischen Gutachten starb er an multiplem Organversagen.

Flucht nach Routinekontrolle im Wollepark

Qosay K. war 2015 als Minderjähriger aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Am 5. März traf er sich mit einem Freund im Wollepark, einem sozialen Brennpunkt in der Nähe des Delmenhorster Bahnhofs. Die beiden setzten sich auf eine Parkbank und rauchten einen Joint. Gegen 18.30 Uhr kamen zwei Zivilbeamte der Polizei auf sie zu und wollten die Männer kontrollieren. Eine Routinemaßnahme, so erschien es zunächst. Doch dann ergriff Qosay K. die Flucht. Einer der Beamten nahm die Verfolgung auf und holte ihn schließlich ein. Qosay K. soll sich gewehrt und dem Beamten gegen den Kopf geschlagen haben. Der Polizist soll Pfefferspray eingesetzt haben.

Zusammen mit seinem Kollegen überwältigte er den 19-Jährigen. Die Polizisten fixierten seine Hände auf dem Rücken. Routinemäßig wurde ein Rettungswagen gerufen, weil der Beamte bei dem Einsatz Pfefferspray eingesetzt hatte. Für eine Blutuntersuchung nahmen die Polizisten Qosay K. mit auf das Delmenhorster Polizeirevier. Dort kollabierte er gegen 19.45 Uhr. Zehn Minuten später war ein Notarzt vor Ort. Qosay K. fiel in ein Koma und kam ins Krankenhaus, wo er am nächsten Tag starb. Die Polizei sprach von einem »tragischen Unglücksfall«.

Aber war der Tod des jungen Irakers wirklich ein Unglücksfall? Oder starb Qosay K. an den Folgen unverhältnismäßig brutaler Polizeigewalt? Im Wollepark fanden Mahnwachen und Demonstrationen gegen das Vorgehen der Polizei statt. In den sozialen Medien entlud sich die Wut auf die vermeintlich übergriffigen Polizisten. Eine Fotomontage zeigt sie als SS-Schergen. Sie wurden als »Mörder« und »Rassisten« beschimpft.

Ein fehlender Zahn und eine abgeschnittene Zunge

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg fand allerdings keine Hinweise auf Gewaltanwendung als Ursache für den Tod des 19-Jährigen, in dessen Blut sich neben dem THC keine weiteren Drogen fanden. Ein Bericht des NDR-Magazins »Panorama 3« befeuerte die These von der gewalttätigen Polizei. Zeugen berichteten den Reportern, der auf dem Rücken mit Handschellen gefesselte Qosay K. habe geschrien. Er habe gegenüber dem Polizisten geklagt, er bekomme schwer Luft. Außerdem habe er um Wasser gebeten, was ihm der herbeigerufene Sanitäter verweigert habe.

Nach einer Strafanzeige der Familie von Qosay K. gegen die Polizisten und die Sanitäter leitete die Staatsanwaltschaft Oldenburg ein Ermittlungsverfahren ein. Eine zweite Obduktion schien den Verdacht auf Polizeigewalt zu bestätigen. Die Spitze der Zunge liege gesondert vor, zitierte der NDR aus dem rechtsmedizinischen Gutachten, das von der Familie in Auftrag gegeben worden sei. Sie »war also abgebissen«, mutmaßten die Reporter. Außerdem habe Qosay K. bei der Festnahme wohl einen Zahn verloren.

Tatsächlich handelte es sich um eine Zahnprothese, die Qosay K. nicht bei dem Einsatz der Polizeibeamten verlor, sondern die später entfernt wurde. Der NDR korrigierte diesen Teil seiner Berichterstattung. Aber auch die Zunge ist offenbar kein Beleg für Polizeigewalt. Denn das Stückchen hatte Qosay K. nicht abgebissen, als er festgenommen wurde. Es wurde bei der ersten Obduktion des Körpers für eine genauere Untersuchung abgeschnitten.

Spuren von unverhältnismäßig starker Polizeigewalt ergaben sich aus den Untersuchungen nicht. Der Oldenburger Polizeipräsident Johann Kühme kritisiert die Berichterstattung: »Es steht außer Frage, dass Polizeieinsätze von Journalisten kritisch hinterfragt werden dürfen und müssen. Hier drängte sich bei mir jedoch der Eindruck auf, dass unbedingt die Geschichte von einem deutschen Fall George Floyd mit brutal vorgehenden und rassistisch motivierten Polizisten erzählt werden sollte.«

In Delmenhorst bleibt der tragische Tod eines 19-Jährigen, der auf einer Parkbank einen Joint rauchte und in Panik geriet, als ihn die Polizei kontrollieren wollte. Auf dem Polizeirevier erhielt Qosay K. Wasser. Ihm wurde angeboten, sich hinzulegen. Dann fiel er in ein Koma, aus dem er nicht wieder erwachte.