Prozess zum Tod von Diren Dede Die Ausraster des Markus Kaarma

Erschoss Markus Kaarma den deutschen Austauschschüler Diren Dede in Panik? Oder handelte er vorsätzlich? Im Prozess im US-Bundesstaat Montana berichtet ein Zeuge, wie Kaarma nackt und mit einem Gewehr im Anschlag auf ihn zugegangen sei.

SPIEGEL ONLINE

Aus Missoula, Montana, berichtet Karin Assmann


Ein Mann nähert sich den Dedes. Er hält sein Telefon in ihre Richtung. Was kommt jetzt? Auf dem Display ein Foto, schwarz rot gold. Eine deutsche Fahne im Wind vor blauem Himmel. Der Mann verneigt sich, zeigt auf das Bild, dann auf die beiden und wieder auf die Fahne. "Ich wünsche Euch viel Glück", sagt er mit ernstem Blick, verneigt sich noch einmal, und geht rückwärts, ehrfürchtig, auf seinen Sitzplatz zurück.

Die Dedes seufzen. "Die Menschen hier sind alle so nett." Dabei war der zweite Tag im Prozess gegen Markus Kaama, der ihren 17-jährigen Sohn Diren vor sieben Monaten in seiner Garage erschoss, ein schrecklicher Tag für sie. Einmal war es für Mutter Gülcin nicht mehr auszuhalten und sie musste gehen. Das war, als ein Polizeibeamter beschrieb, was er vorfand im Haus und in der Garage von Markus Kaarma.

Officer Jacob Jones ließ die Kamera auf dem Armaturenbrett seines Streifenwagens an, als er in der Nacht vom 26. auf den 27. April in die Einfahrt einbog. Ein Tonband lief die ganze Zeit mit. Das Bild: eine Schwarzweißaufnahme des Garagentors. Zu hören sind hektische Stimmen im Haus und eine ziemlich verwirrte Janelle Pflager. Auf ihre Glaubwürdigkeit hat es die Staatsanwalt am Freitag abgesehen.

"Hier steht Bundesrepublik Deutschland"

Denn vieles von dem, was Pflager, die Lebensgefährtin des Schützen, in jener Frühlingsnacht den Beamten erzählte, will sie heute nicht mehr gesagt haben. Oder sie hat es irgendwie nicht so gemeint. Zum Beispiel die letzten Worte Direns, der dramatische Prozess-Einstieg der Staatsanwältin Jennifer Clark: "Nein, nein, nein ... Tu es nicht."

REUTERS
Pflager will es nicht aussprechen, aber eigentlich kann Diren das gar nicht mehr gesagt haben. Zumindest nicht, nachdem Markus Kaarma mit seiner Schrotflinte losgeschossen hatte.

"911, was melden sie?" Janelle Pflager sitzt wieder auf dem Zeugenstand. Die Staatsanwaltschaft spielt der Jury die Aufnahme ihres Notrufs von jener Nacht vor. Die Frau mit der rauen Stimme braucht Anweisung. "Darf ich ihn anfassen?" fragt sie und meint den angeschossenen Diren in ihrer Garage. Und immer wieder "Oh mein Gott, oh mein Gott" bei jeder neuen Erkenntnis.

"Oh mein Gott, es ist eine Kopfwunde. Oh mein Gott..." - "Was?" fragt die Stimme am anderen Ende. "He is Dutch." Ob er aus Holland käme? Pflager hat Direns Ausweis gefunden und sieht erschrocken, dass er kein Amerikaner ist. "Ich weiß nicht, hier steht Bundesrepublik Deutschland." "Er ist Deutsch" kommt es trocken zurück.

Pflager spricht auch über den Moment, als sie auf den Bildern der Überwachungskamera gesehen hatte, dass jemand in die Garage ging. "Ich habe geschrien, mein Gott, er kommt rein! Ich meinte in die Garage. Vielleicht dachte Markus, ich meine das Haus." Fürchtete er eine unmittelbare Bedrohung für sich, Janelle Pflager und das gemeinsame Kleinkind? Vorerst keine Vertiefung.

Pflager sitzt angeschlagen auf dem Zeugenstand. Gerade noch hatte sie erklärt, dass ihre Witze, die Leichtigkeit mit der sie über alles spricht, nicht falsch bewertet werden sollten. Sie sei schon immer der Klassenclown gewesen, so ginge sie mit Stress um.

"Ich weiss nicht, was zum Teufel du hier willst"

Die Persönlichkeiten des ungleichen Paares haben sich am Ende des zweiten Tages deutlich herauskristallisiert. Die extrovertierte Janelle, die zu den Nachbarn geht, sie vor Einbrechern warnt und sich beraten lässt über das Recht auf Selbstverteidigung. Ein Nachbar habe ihr gesagt, sie dürfe ungestraft schießen, wenn ein ungebetener Gast ihr Eigentum betritt. Auf Nachfrage soll eine Polizistin das sogar bestätigt haben.

Für den introvertierten Kaarma ist sie das perfekte Schutzschild. Mehr als einmal hat sie sich vor ihn gestellt, als er ausgerastet ist. Auch nachdem er vor zwei Jahren ihr gegenüber handgreiflich geworden war. Sie hält zu ihm.

Kurz vor den Schüssen: Diren auf dem Überwachungsvideo von Markus Karmaa

Markus Karmaa: Seine Verteidiger plädieren auf Notwehr

Direns Gasteltern Kate Walker und Randy Smith bei einer Andacht im Mai

Als im April dieses Jahres Michael McMillan von der Firma TruGreen im Garten stand, um wie bestellt Pestizide zu versprühen, kam ihm offenbar ein nackter Markus Kaarma entgegen. Mit einer Schrotflinte im Arm.

Wie genau er sie auf ihn gerichtet habe, bittet die Staatsanwältin den Zeugen zu demonstrieren. Er steht auf und richtet das imaginäre Gewehr auf die Jury. "So hat er es gehalten", sagt er. Wie immer, wenn es um Gewehre geht, schreiben die Geschworenen jetzt eifrig mit.

"Hör auf, das ist TruGreen", habe Janelle geschrien. Und Markus darauf: "Ich weiß nicht, was zum Teufel du hier willst", und stampfte wieder ins Haus.

Zeuge spricht von Kaarmas Tirade über "fucking kids"

"Ich ziehe nach den ersten beiden Prozesstagen eine optimistische Zwischenbilanz", meint Bernhard Docke, der mit seinem Kollegen Andreas Thiel diesmal nicht auf Strafverteidigerseite agiert, sondern die Staatsanwaltschaft berät. Pflager, so Docke, passe ihre neuen Aussagen offensichtlich der Verteidigungsstrategie an und wirke "wenig glaubhaft". Besonders begrüßt er, dass ein weiterer Zeuge bestätigt hat, "dass der Angeklagte angekündigt hat, die 'fucking kids' zu erschießen".

Gemeint ist Louis Richman. Der 18-Jährige ist Kunde bei Great Clips, dem Lieblingsfriseur von Markus Kaarma. Dort saß er im April neben Kaarma, als der sein Telefon aus der Tasche holte. Richman sagt, aus dem Handy seien dann eindeutige Töne gekommen: In voller Lautstärke habe er sich einen Pornofilm angesehen. So, dass man es gar nicht habe überhören können.

Genau wie die Tirade, die Kaarma dann beim Haareschneiden los ließ. Über die "fucking kids", die bei ihm eingebrochen hätten und die er endlich "fucking killen" wollte.

Vier Tage darauf stand er laut Aussage von vier Polizisten draußen vor der eigenen Tür. Sie alle meinen, er sei "auffällig unaufgeregt" gewesen. Dafür, dass er gerade auf jemanden geschossen hatte.

Celal Dede und seine Frau Gülcin werden jeden Tag hier sein, im Gerichtsaal von Missoula. Jedesmal, wenn der Richter die Sitzung beendet, bittet er alle Anwesenden zu warten, bis die Geschworenen den Raum verlassen haben. Nicht durch die Hintertür, sondern durch den Saal marschieren sie. Vorbei an Celal Dede. Die Arme über Kreuz starrt er ins Leere. Heute riskiert er einen kurzen Blick. Er schaut der letzten Geschworenen ins Gesicht, sucht nach Hoffnung - darauf, dass sie ihm helfen mit Genugtuung nach Hause zurückzukehren.

Diren Dede war ein begeisterter Fußballer, auch in Missoula setzte er sich durch

Coach Jay Bostrom war Diren nah, heute sagt er: "Wir haben große Angst, dass das Trauma wieder aufbricht"

Missoula ist ein Idyll in den Rocky Mountains, der Tod von Diren hat die Gemeinde schockiert

Bestürzung auch in Hamburg: Gedenken beim SC Teutonia, wenige Tage nach Direns Tod



© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.