Todesstrafe in den USA Hinrichtung in letzter Minute gestoppt

Ein Todeskandidat in den USA ist knapp seiner Hinrichtung entgangen. Eine Stunde vor der Vollstreckung schritt der Oberste Gerichtshof ein und verhinderte den Tod per Giftspritze. Neue Tests sollen nun Henry Skinners Unschuld beweisen.

AFP

Washington - Das Gericht wirft ihm brutalen Mord vor: Am Silvestertag 1993 soll Henry Skinner seine Freundin erschlagen und zwei ihrer Söhne erstochen haben. Im US-Bundesstaat Texas wurde er dafür 1995 zum Tode verurteilt. Am Mittwoch sollte der 47-Jährige per Giftspritze getötet werden.

Doch der Oberste Gerichtshof der USA stoppte die Hinrichtung - eine Stunde vor Vollstreckung.

Skinner befand sich bereits in einer Wartezelle neben der Exekutionskammer, als die Nachricht aus Washington eintraf. Grund für die Aussetzung sind weitere DNA-Tests, die Skinners Unschuld beweisen sollen.

Der Verurteilte habe seit seiner Verhaftung seine Unschuld beteuert, hieß es. Skinner gehe davon aus, dass weitere DNA-Tests ihn entlasten werden. Im Prozess seien lediglich einige DNA-Spuren diskutiert worden, die belegten, dass Skinner zur Tatzeit im Haus war - ein Fakt, den die Verteidigung nie bestritten habe.

Die Anwälte behaupten, Skinner sei körperlich nicht in der Lage gewesen, die Morde zu begehen, da er unter Einfluss von Betäubungsmitteln gestanden habe. Dies wurde anhand von Bluttests bestätigt. Nach eigenen Angaben habe Skinner sich zwar zur fraglichen Zeit bei seiner Freundin aufgehalten, aber nach einer Mischung von Alkohol und Tabletten praktisch betäubt auf dem Sofa gelegen.

Skinner will erreichen, dass unter anderem Spuren auf zwei am Tatort gefundenen Messern sowie Abstriche vom Körper des Opfers getestet werden. Der Anwalt im Mordprozess hatte damals weitgehend auf derartige Untersuchungen verzichtet - aus Furcht, die Ergebnisse könnten seinen Mandanten weiter belasten.

Skinner war mehrere Stunden nach der Tat mit Blut der beiden erstochenen Söhne auf seiner Kleidung in der Wohnung der Freundin festgenommen worden. Außerdem hatte er eine Schnittwunde an der Hand, die nach seinen Angaben aber von einem Glassplitter herrührte.

"Das Gefühl, gewonnen zu haben"

"Er hatte nicht erwartet, dass die Strafe ausgesetzt wird", sagte Texas' Justizsprecher Jason Clark nach der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs. "Er rechnete damit, hingerichtet zu werden." Als er von der Aussetzung hörte, habe Skinner weiche Knie bekommen. "Er hatte das Gefühl, gewonnen zu haben", sagte Clark.

Skinner ist mittlerweile mit einer Französin verheiratet, die sich gegen die Todesstrafe einsetzt. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Außenminister Bernard Kouchner hatten der Ehefrau, Sandrine Ageorges-Skinner, ihre Unterstützung zugesagt. In der Folge hatte der französische Botschafter in Washington Kontakt mit den Behörden in Texas aufgenommen und um einen Aufschub der Hinrichtung gebeten.

Ageorges-Skinner zeigte sich erfreut über die Aussetzung. "Ich bin in Tränen ausgebrochen. Er ist nicht tot, es gibt noch Hoffnung", sagte sie nach der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs.

Erst am Sonntag war der Antrag auf Prüfung weiterer DNA-Tests in Texas zurückgewiesen worden, der Fall wurde dem Obersten Gerichtshof übergeben. Ob die neuen Tests gewährt werden, ist noch unklar. Das Gericht setzte lediglich die Hinrichtung bis zu einer Entscheidung aus, ob der Fall noch einmal untersucht werden soll.

"Wir haben große Hoffnung, dass sich das Gericht Skinners Fall noch einmal vornehmen wird und er damit die Chance bekommt, seine Unschuld zu beweisen", sagte Skinners Anwalt Rob Owen.

Der US-Professor David Protess begann bereits vor zehn Jahren mit einer Untersuchung des Falls Skinner und analysierte mit seinen Studenten entsprechendes DNA-Material. Er ist überzeugt, dass Skinner die Tat nicht begangen hat. Laut Protess soll das Mordopfer kurz vor seinem Tod von einem Onkel belästigt worden sein. Der inzwischen gestorbene Mann sei jedoch nie vernommen worden. Auch Skinner selbst verdächtigt den Onkel der Frau. Der Mann soll sich am Abend des Mordes ebenfalls in dem Haus aufgehalten haben.

In den vergangenen Jahren wurden 17 Todeskandidaten freigesprochen, nachdem sie anhand von DNA-Tests für unschuldig erklärt worden waren.

jpf/AFP/dpa



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