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03. Mai 2014, 09:35 Uhr

Qualvolle Exekution

Obama lässt Hinrichtungspraxis prüfen

Der 43-minütige Todeskampf von Clayton Lockett hat politische Folgen. Nach der qualvollen Exekution in Oklahoma ordnet Präsident Obama eine landesweite Überprüfung der Hinrichtungspraxis an.

Washington - Die qualvolle Hinrichtung Clayton Locketts in Oklahoma ist nun auch Thema in der US-Regierung. Präsident Barack Obama will die Hinrichtungspraxis in den USA überprüfen lassen. "Was in Oklahoma passiert ist, ist zutiefst verstörend", sagte Obama bei einer Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Washington. Es war das erste Mal, dass sich der Präsident öffentlich zu dem Fall äußerte.

Lockett sollte am Dienstag hingerichtet werden und starb nach einer missglückten Giftinjektion erst nach 43-minütigem Todeskampf an einem Herzinfarkt. Ein Bericht des Gefängnisses gab als Grund eine geplatzte Vene bei der Injektion des Giftcocktails an. Die Nadel sei in Locketts Leistengegend statt in seinen Arm eingeführt worden. Der 38-Jährige war wegen Mordes, Vergewaltigung, Geiselnahme und Raubes verurteilt worden. Wegen der Probleme bei Locketts Hinrichtung wurde eine zweite für den Tag geplante Exekution verschoben.

Die Todesstrafe sei unter bestimmten Umständen gerechtfertigt, sagte Obama. Auch Lockett habe schreckliche Verbrechen begangen. Aber beim Vollzug der Todesstrafe gebe es "erhebliche Probleme". Die Situation in Oklahoma werfe nur ein Schlaglicht auf manche von ihnen, sagte Obama. Er habe Justizminister Eric Holder damit beauftragt, eine Analyse zur Vollstreckung der Todesstrafe anzufertigen.

Obama sprach davon, dass die Todesstrafe innerhalb der USA nicht gleichmäßig vollstreckt werde. Er verwies auf Probleme wie Rassendiskriminierung und Fälle, in denen Todesurteile wegen neuer Erkenntnisse aufgehoben wurden. Im März war etwa Glenn Ford nach 26 Jahren in der Todeszelle freigekommen. Eine aktuelle Studie kommt zudem zum Ergebnis, dass vier Prozent der zum Tode Verurteilten unschuldig sind.

Laut dem Justizministerium soll sich die Analyse allerdings eher auf die Hinrichtungsmethoden konzentrieren als auf die Themen Rasse und Fehlurteile. Oklahomas Strafvollzugschef Robert Patton forderte, die Hinrichtungsmethoden des Bundesstaats zu überprüfen und alle Exekutionen auszusetzen, bis neue Verfahren etabliert seien.

Vor Locketts Hinrichtung hatte sich Oklahoma geweigert, den Lieferanten der im Giftcocktail verwendeten Mittel zu nennen. Weil viele Medikamentenhersteller nicht an US-Gefängnisse oder US-Justizbehörden liefern, wird bei Hinrichtungen zunehmend auf zweifelhafte oder unbekannte Quellen für die Substanzen zurückgegriffen.

Zustimmung für Todesstrafe auf niedrigstem Stand seit 1972

Die Bedenken Obamas und anderer Offizieller teilen in McAlester nur wenige. In der Stadt liegt das Gefängnis, in dem die qualvolle Hinrichtung vollstreckt wurde. Die "Washington Post" hörte sich in dem Ort um. Viele Leute stimmten zwar zu, dass Änderungen im Hinrichtungssystem nötig seien. Aber was Locketts Schicksal angehe, sei man sich weitgehend einig; manche führen die Bibel an: "Auge um Auge" und "Man erntet, was man sät".

"Er hat bekommen, was er verdiente", zitiert die Zeitung einen Einwohner McAlesters. Ein anderer schlug vor, die Verurteilten wählen zu lassen, wie sie sterben wollten. "Lasst uns wieder Erschießungskommandos haben. Es gibt keine vollkommen schmerzfreie Hinrichtung."

Es gibt nur wenige andere Stimmen. Die "Washington Post" zitiert den Ex-Polizisten Richard Coleman. Er sei für die Todesstrafe bei besonders abscheulichen Verbrechen, sagte er. Aber Jahrzehnte als Polizist hätten ihn zur Überzeugung gebracht, dass Oklahoma sich zu sehr darauf konzentriere, Menschen wegzusperren und zu wenig auf Resozialisierung achte.

Immer mehr US-Bundesstaaten wollen die Todesstrafe abschaffen. Die Unterstützung für Hinrichtungen ist in den USA auf den tiefsten Wert seit 1972 gesunken. Allerdings sind immer noch 60 Prozent der Bevölkerung dafür, Mörder zu exekutieren. Vor 20 Jahren lag dieser Anteil noch bei 80 Prozent.

ulz/dpa/AP

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