Tödliche Attacke am Alexanderplatz Prozess droht nach Schöffen-Äußerung zu platzen

Im Prozess um den getöteten Jonny K. am Berliner Alexanderplatz hat die Verteidigung einen Befangenheitsantrag gegen einen Schöffen gestellt. Damit könnte die Verhandlung platzen. Der Laienrichter hatte gegenüber einem Zeugen die Beherrschung verloren.

REUTERS

Berlin - "Sind Sie zu feige oder wollen Sie uns verarschen?", platzte einem von zwei Schöffen im Prozess um die tödliche Prügelattacke auf Jonny K. vor dem Berliner Landgericht der Kragen. Dieser Ausbruch gefährdet nun die gesamte Verhandlung: Die Verteidigung beantragte am Donnerstag, den Laienrichter als befangen auszuschließen. Aus ihrer Sicht ist mit einem Schöffen, der sich zu so einer Wortwahl hinreißen lässt, kein faires Verfahren zu erwarten.

Sollte das Berliner Landgericht dem Antrag folgen, müsste der Prozess neu aufgerollt werden. Ersatzschöffen waren nicht bestellt. Das Gericht will bis kommenden Donnerstag über den Ablehnungsantrag gegen den Laienrichter entscheiden.

Der Schöffe äußerte sich derart genervt, weil sich ein Augenzeuge immer wieder auf Erinnerungslücken berufen hatte. In Vernehmungen mit der Polizei kurz nach der Tat hatte der 23-Jährige jedoch konkrete Angaben gemacht.

"Wissen Sie überhaupt, worum es in dem Prozess geht?"

Der Vorsitzende Richter Helmut Schweckendieck äußerte ebenfalls in der Sitzung Unverständnis: "Es fällt schwer, das zu glauben. Wissen Sie überhaupt, worum es in dem Prozess geht?" Die verbale Entgleisung des Schöffen kritisierte Schweckendieck jedoch. Die Staatsanwaltschaft teilte den Ärger über die Äußerung, sprach sich aber gegen eine Ablehnung des Laienrichters aus.

Der 20-jährige Jonny K. war laut Anklage in der Nacht zum 14. Oktober 2012 am Berliner Alexanderplatz mit Schlägen und Tritten so heftig angegriffen worden, dass er an Gehirnblutungen starb. Sein Tod hatte bundesweit Bestürzung ausgelöst. Sechs Männer im Alter von 19 bis 24 Jahren sitzen wegen Körperverletzung mit Todesfolge beziehungsweise gefährlicher Körperverletzung auf der Anklagebank. Alle haben Schläge oder Tritte eingeräumt. Die Verantwortung für den Tod wiesen die Angeklagten aber zurück.

jjc

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