Tödlicher Vatertag in Rostock "Gepumpt, bis der Krankenwagen kam"

Sie waren betrunken und stritten, wer den schöneren Vatertagswagen hatte: Am S-Bahnhof Rostock-Warnemünde ist ein Mann nach einer Prügelei  gestorben. Der Tatverdächtige traf das Opfer mit der Faust am Hals - und hatte auch drei Stunden später noch einen Atemalkoholgehalt von rund 1,7 Promille.

dapd

Von Simone Utler


Rostock - Die Sonne scheint, die Thermometer in Rostock zeigen bis zu 20 Grad - ein idealer Tag für einen Ausflug. In Warnemünde ist viel los, Familien sind unterwegs, aber vor allem Männergruppen. Schließlich ist Christi Himmelfahrt nicht nur offizieller Feiertag, sondern inoffizieller Vatertag, Herrentag, wie es im Osten Deutschlands heißt. Auch Knut H. ist unterwegs. Für ihn endet seine Herrentour tödlich.

Knut H. steht am Donnerstag gegen 16.30 Uhr zusammen mit einigen anderen Männern, noch ist nicht klar mit wie vielen, auf dem Bahnsteig des S-Bahnhofs Rostock-Warnemünde. Die Gruppe wartet auf einen Zug, hat einen Bollerwagen dabei und offenbar schon einiges getrunken. Unmittelbar daneben steht eine weitere Männergruppe, ebenfalls alkoholisiert. Diese Gruppe schiebt ihre Vorräte, Getränke und Proviant, in einem Einkaufswagen.

Plötzlich entbrennt zwischen den beiden Gruppen eine Diskussion - über etwas Unwichtiges, nämlich über die beiden Wagen, wie die Ermittler später auf dem Überwachungsvideo sehen werden. Auslöser sind offenbar die Vorzüge und Nachteile des jeweiligen Wagens, den die Männer als Transportmittel mit sich führen. Offenbar machen sich Beteiligte über das Gefährt der jeweils anderen Gruppe lustig. "Die Männer streiten sich darüber, wer den schöneren Wagen hat", sagt Klaus Müller, der Leitende Oberstaatsanwalt in Rostock, am Freitag SPIEGEL ONLINE. Ob die Wagen besonders geschmückt waren oder sonst eine Besonderheit aufwiesen, kann er nicht sagen.

Auf dem Überwachungsvideo ist zu sehen, dass es erst eine verbale Auseinandersetzung gibt, dann kommt es zu Handgreiflichkeiten. "Die haben sich gekabbelt, geschubst, mal lag einer auf dem Boden, dann ein anderer", schildert Müller das Geschehen. Das Ganze sei jedoch zunächst keine heftige Prügelei gewesen. "Das war eher eine Rangelei."

Einige Minuten zieht sich die Auseinandersetzung hin. Die Männer - laut einem Polizeisprecher zumeist muskelbepackte, durchtrainierte junge Leute im besten Alter - finden kein Ende. Fäuste fliegen. Dann scheinen sich die Gemüter wieder beruhigt zu haben, die Gruppen sich zu trennen. Doch einer aus der Clique mit dem Einkaufswagen geht noch einmal auf Knut H. zu, der ihm den Rücken zudreht. Der 24-jährige Mann holt aus und schlägt H. mit der Faust in den Hals-Nacken-Bereich. Knut H. bricht zusammen. Entgegen ersten Angaben der Ermittler stürzt H. nicht gegen einen Wagen, sondern fällt direkt auf den Bahnsteig.

Einer Augenzeugin zufolge fällt H. mit dem Gesicht voran, Menschen eilen zu Hilfe. "Die haben sogar Mund-zu-Mund-Beatmung gemacht, die haben gepumpt - bis der Krankenwagen kam", sagt die Frau dem ZDF. Die Rettungskräfte können den Mann aus dem Landkreis Bad Doberan zwar wiederbeleben, er stirbt jedoch wenig später im Krankenhaus.

Die Obduktion ergibt später: Knut H. erlitt eine traumatische Verletzung der Halsschlagader, hinzu kamen Hirnblutungen.

Die Schläger fliehen, doch schon am Abend findet die Polizei drei der Männer. Sie haben sich in einem Laden in Warnemünde versteckt, eine Polizeistreife erkennt sie anhand der Videoaufzeichnungen vom Bahnsteig. Die Männer im Alter von 23, 24 und 29 Jahren werden festgenommen.

Atemalkohol von rund 1,7 Promille

Gegen den 24-Jährigen wird am Freitagnachmittag Haftbefehl erlassen. Die Polizei möchte über den Mann keine weiteren Angaben machen, sagt nur eines: Er war extrem betrunken. "Drei Stunden nach der Tat hatte er noch einen Atemalkohol von rund 1,7 Promille", sagt eine Polizeisprecherin SPIEGEL ONLINE. Laut Staatsanwaltschaft war der Mann jedoch nicht orientierungslos. Er ist der Polizei bereits wegen kleinerer Gewaltdelikte bekannt, hat jedoch keine Vorstrafen.

Die beiden anderen Festgenommenen konnten das Revier im Laufe des Freitags verlassen. Die weiteren Gruppenmitglieder, die zum Zeitpunkt der Prügelei auf dem Bahnsteig waren, gelten als Zeugen. "Es kann allerdings sein, dass auf den ein oder anderen noch Ermittlungen wegen Körperverletzung zukommen", sagt Müller. Die Befragung von Zeugen dauert noch an. Die Staatsanwaltschaft hat mehr als ein Dutzend Menschen auf der Liste stehen, die zum Zeitpunkt des Angriffs auf dem Bahnsteig waren.

Für Außenstehende sei es zunächst nicht absehbar gewesen, dass der Streit tödliche Konsequenzen haben könnte, sagte der Rostocker Polizeipräsident Thomas Laum. Er habe auch nicht die Erwartung, dass sich Augenzeugen in eine Auseinandersetzung angetrunkener, muskelbepackter Männer einmischten. Dennoch habe ein älterer Herr versucht zu schlichten und sich zwischen die Rivalen gestellt.

"Das hätte an jedem Ort geschehen können"

Für die Ermittler ist klar: Die tödliche Schlägerei Rostock ist nicht mit anderen Gewalttaten in Bus und Bahn, nicht mit Fällen in München oder Berlin, nicht mit dem Angriff auf Dominik Brunner oder andere Opfer zu vergleichen. In Rostock handelte es sich nicht um den sinnlosen Frustabbau von Jugendlichen, sondern um einen sinnlosen Streit zwischen Betrunkenen. "Die Location Bahnhof ist dabei rein zufällig", sagt Staatsanwalt Müller. "Das hätte auch an jedem anderen Ort geschehen können."

Dieser Vorfall sei überaus tragisch, sagte Laum. Er sei jedoch nicht vergleichbar mit brutalen Überfällen auf Wehrlose, die in der Vergangenheit für Empörung und Erregung gesorgt hätten. Alle Beteiligten seien angetrunken gewesen. Es sei nicht mutwillig oder gar gezielt auf einen am Boden Liegenden eingeschlagen worden. Selbst die Videoauswertung lässt keinen Vorsatz oder eine Eskalation erkennen.

Dennoch entbrannte eine Diskussion über mehr Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr. Der innenpolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Stephan Mayer, forderte ein Alkoholverbot im Nahverkehr. Solche schrecklichen Übergriffe würden mehrheitlich im alkoholisierten Zustand begangen, erklärte Mayer in Berlin. Wenn ein Alkoholverbot zudem wirksam kontrolliert werde, sinke durch die Präsenz von Sicherheitskräften die Aggressivität der potentiellen Täter.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) forderte einen konsequenteren Umgang mit alkoholisierten Gewalttätern. Obwohl die Hemmschwelle in den letzten Jahren gesunken sei und Überfälle immer brutaler würden, führe die Alkoholisierung von Tätern mitunter dazu, dass Gerichte von einer Verurteilung nach schwersten Straftaten absehen, hieß es in einer Pressemitteilung.

In Schleswig-Holstein hatten sich einige Kommunen vor Christi Himmelfahrt auf Exzesse und Ausschreitungen vorbereitet und sicherheitshalber Alkoholverbote erlassen. So waren am Donnerstag in Timmendorfer Strand, am Segeberger See, am Einfelder See in Neumünster und am Großensee im Kreis Stormarn Bier, Wein und Schnäpse tabu.

mit Material von dpa und dapd

insgesamt 136 Beiträge
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natterngesicht 03.06.2011
1. Verwirklichung des allgemeinen Lebensrisikos eines besoffenen Schlägers.
Zitat von sysopSie waren betrunken und stritten, wer den schöneren Vatertagswagen hatte: Am S-Bahnhof Rostock-Warnemünde ist ein Mann nach einer Prügelei* gestorben. Der Tatverdächtige traf das Opfer mit der Faust am Hals - und hatte auch drei Stunden später noch einen Atemalkoholgehalt von rund 1,7 Promille. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,766522,00.html
Tja, Pech gehabt. Ich denke mal, es war eine typische Schlägerei. Der Anlaß ist egal, hauptsache Kloppe. Wir Menschen sind eben Tiere. Einer hat durch Zufall Pech gehabt.
Germanenkrieger 03.06.2011
2. -
Zitat von natterngesichtTja, Pech gehabt. Ich denke mal, es war eine typische Schlägerei. Der Anlaß ist egal, hauptsache Kloppe. Wir Menschen sind eben Tiere. Einer hat durch Zufall Pech gehabt.
Nein. Nicht EINER hat durch Zufall Pech gehabt. Sondern die Schläger waren am falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Die gehören nämlich jetzt "LEBENSLANG" eingesperrt. Vor dem Haftantritt sollte man sie allerdings noch mal "richtig" verprügeln. Da wäre meine "Rechtstaat" !!!!! Grüße
joseluisrey 03.06.2011
3. Perverses Rechtssystem ?
Mit Entsetzen lese ich zu diesem Verbrechen: "Er ist der Polizei bereits wegen kleinerer Gewaltdelikte bekannt, hat jedoch keine Vorstrafen." Gewaltdelikte, die bekannt waren, aber nicht zur Strafe führten? Hier hat die deutsche Justiz Blut an den Händen! Das Blut des ermordeten Vaters!
silenced 03.06.2011
4. <->
Wegen solcher Nichtigkeiten werden Leben zerstört, da darf man gar nicht drüber nachdenken.
pulzator, 03.06.2011
5. Steuern rauf!
Alkoholsteuer +500% und schon ist Ruhe im Karton. Ganz einfach! Hat bei den Rauchern auch geklappt.
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