Tote an der A45 Leben zwischen den Fronten

Neue Details im Fall der ermordeten 20-Jährigen an der A45: Nach Informationen von SPIEGEL TV lebte die junge Libanesin vor ihrem Tod in einem Frauenhaus - weil sie bedroht wurde. Die Hintergründe der Tat sind verworren. Es geht um Macht und Schande, Leben und Tod. Warum musste Iptehal Z. sterben?

Hamburg - Es ist eine Geschichte, die sich um Liebe, Freiheit und Ehre dreht. Um die Beziehung einer jungen Frau zu einem jungen Mann, die von der Familie nicht toleriert wird; um den Wunsch der Frau, ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen. Und um ein Geflecht aus Ehre, Macht und Geld, in das sie geraten ist. Doch die Geschichte nimmt kein gutes Ende.

Am Sonntagmorgen fanden Urlauber, die mit ihrem Wohnmobil unterwegs in die Ferien waren, die Leiche der 20 Jahre alten libanesischen Kurdin Iptehal Z. im Gebüsch auf dem Rastplatz Sterbecker Siepen an der A 45, Fahrtrichtung Frankfurt. Iptehal war aus nächster Nähe mit einem gezielten Kopfschuss getötet worden, sie war vollständig bekleidet, ihre Leiche nach Angaben der Polizei blutüberströmt. Ob die junge Frau hier, wo der Verkehr unaufhaltsam über die sogenannte Sauerlandlinie fließt, hingerichtet wurde, oder ihr Mörder die Leiche nur ablegte, ist noch unklar.

Sicher ist, dass Iptehal Z., genannt Imman, am Samstagabend ihre Mutter und ihre Geschwister in deren Wohnung in der Schwerter Innenstadt besuchte. Als zwischen 22 und 23 Uhr ihr Handy klingelt, verlässt sie ihre Familie überstürzt. Die Ermittler finden ihr Telefon am nächsten Morgen in unmittelbarer Nähe der Leiche.

Imman war "westlich" - ihre Familie ist es nicht

Die Hintergründe der Tat sind verworren und reichen zum Teil weit in die Vergangenheit. Fest steht: Iptehal scheint zwischen die Fronten zweier Familienfehden geraten zu sein. Fest steht auch: Schon lange vor der Tat war das Leben für die junge Frau, die Freunde als aufgeschlossen, lebenslustig und kinderlieb beschreiben, alles andere als einfach. Imman wollte ein freies Leben führen: Sie wollte ihr hübsches Äußeres durch moderne Kleidung betonen, kein Kopftuch tragen, eine Beziehung führen - und sich ihren Freund selber aussuchen.

Imman hatte eine "westliche" Einstellung, sagen die Jugendlichen in der Schwerter Innenstadt. Ihre aus dem Libanon stammende Familie gilt dagegen als gläubig und konservativ. Die Konflikte mit ihrer Mutter und ihren fünf Geschwistern führten letztlich dazu, dass Imman aus der Wohnung in Schwerte in ein Frauenhaus nach Iserlohn zog. Die junge Frau hatte Pläne. Erst vor drei Monaten hatte sie an der Volkshochschule ihren Hauptschulabschluss nachgeholt, jetzt absolvierte sie ein Praktikum in einem Kindergarten, wollte eine Ausbildung zur Erzieherin machen.

Die Männer, vor denen Imman sich in Iserlohn in Sicherheit bringen wollte, stammen aus ihrem engsten Umfeld. Sie soll einen neuen Freund gehabt haben - mit dem ihre Familie nicht einverstanden war. Und auch ihr Ex-Freund brachte Unruhe in ihr Leben.

Man klärt die Probleme "unter Männern"

Rückblick: Imman lernt Eyüp K. vor rund zweieinhalb Jahren über einen Internet-Chat kennen. Sie verliebt sich in den Türken, die beiden werden ein Paar. Imman kehrt ihrer Familie mehr und mehr den Rücken, brennt mit dem heute 27-Jährigen durch, verbringt Zeit mit ihm in seiner Dortmunder Wohnung.

Ihre Eltern und ihre Geschwister sind erbost. Imman lebt als unverheiratete Frau mit einem Mann zusammen - das widerspricht den Grundsätzen der Familie und ihrem Glauben. Sie hat die Ehre der Z. "beschmutzt". Nach Informationen von SPIEGEL TV hat der Vater der jungen Frau sich mit dem Vater ihres Freundes Eyüp getroffen. "Die haben das unter Männern geklärt, wie das bei uns so üblich ist", sagte ein Familienmitglied SPIEGEL TV.

Die Forderungen sind eindeutig. Eyüp soll Imman heiraten - oder die verletzte Familienehre mit Geld bezahlen. Schließlich heiraten die beiden nach islamischem Recht - Geld sei trotzdem geflossen, behaupten Freunde der Familie. 2006 stirbt Immans Vater an Krebs. Und auch in ihrer Beziehung gibt es Probleme.

Eyüp betrügt Imman - und bringt Schande über ihre Familie

Eyüp hat ein Verhältnis mit einer jungen Türkin, die in Frankfurt lebt. Die 16-Jährige wird Ende 2006 schwanger - zum Entsetzen ihrer Familie. Im Februar 2007 fahren ihr Bruder Ekrem und ihr Cousin Murat nach Dortmund, um den Vater des noch ungeborenen Kindes zu treffen. Als Eyüp öffnet, werden er und Imman von den beiden Männern mit vorgehaltener Waffe genötigt, mitzukommen. Das geht aus den Unterlagen der Staatsanwaltschaft Marburg hervor.

Nach Informationen des SPIEGEL sollen die beiden Männer Eyüp gedrängt haben, Imman zu verlassen und stattdessen ihre Schwester und Cousine zu heiraten - die Ehre der Familie soll so wiederhergestellt werden. Eyüp zeigt die Männer an, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchter Nötigung und Freiheitsberaubung. Später wird die Anklage um den Straftatbestand der schweren Körperverletzung erweitert. Eyüp tritt in dem Verfahren als Nebenkläger auf.

Auch der Vater der schwangeren Türkin will, dass Eyüp als Kindsvater in die Pflicht genommen wird. Der 42-jährige Ayhan soll deshalb den Vater von Eyüp getroffen haben. Seine Forderung: Eyüp soll seine schwangere Tochter heiraten - oder 20.000 Euro zahlen. Das Landgericht Marburg ermittelt wegen versuchter Erpressung.

Imman hat Angst - drei Tage später ist sie tot

Imman sagt in dem Verfahren als Zeugin aus. Am Mittwoch vergangener Woche macht sie ihre Aussage. Mit Polizeischutz wird sie vom Bahnhof zum Gericht gebracht. Imman hat Angst: Weniger vor Eyüp, von dem sie sich getrennt hat, als vor ihrem Bruder. Denn Imman hat einen neuen Freund. Drei Tage nach ihrer Aussage wird sie ermordet.

Und auch Eyüp hat Angst. Über seinen Rechtsanwalt Jörg Tigges lässt er erklären, er sei geschockt, dass Imman getötet worden ist und habe Angst um sein Leben, weil er von den Familien beider Frauen mit dem Tod bedroht werde. Eyüp steht nicht unter Verdacht, seine Ex-Freundin Imman getötet zu haben: Er ist zwar vernommen worden, hat aber ein Alibi für die Tatzeit. Er ist untergetaucht und nur für seinen Anwalt und die Polizei zu erreichen.

Die Wut auf ihn ist groß: "Eyüp ist ein toter Mann", sagten Bekannte der Familien SPIEGEL TV. Es geht um verlorene Ehre, die gesühnt werden soll. Eyüp hatte eine uneheliche Beziehung und hat mit einer anderen Frau ein Kind gezeugt - und so "Schande" über zwei Familien gebracht.

Imman, die am Donnerstagmorgen im engsten Familienkreis auf dem islamischen Teil des Friedhofs in Essen-Katernberg beerdigt worden ist, ist zuerst zwischen die Welten geraten und dann zwischen die Fronten. Zwischen die Welt ihrer Familie, geprägt durch den Glauben, traditionelle Werte und ein konservatives Rollenverständnis, und ihrem Wunsch nach einem freien, "westlichen" Leben. Und zwischen die Fronten: Zwischen einen Mann, der sie mit einer anderen Frau betrogen und mit ihr auch ein Kind gezeugt hat, und deren Familie.

Imman hat durch ihren Lebensstil "Schande" über ihre Mutter und ihre Geschwister gebracht - und zugleich einer Hochzeit der schwangeren jungen Türkin aus Frankfurt mit Eyüp im Wege gestanden.

Sie musste sterben, weil sie zwischen die Fronten geraten ist - und Opfer wurde in einer Geschichte um Liebe, Ehre und Freiheit.

Mitarbeit: Peter Hell, Simone Kaiser

Mehr zum Thema am Sonntag, 7.9.08, um 22.15 Uhr im SPIEGEL TV Magazin bei RTL.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.