Tote Kinder von Darry Der schwere Weg des Michael K.

Tränen, Schreie, Krämpfe: Im Prozess gegen seine psychisch kranke Frau Steffi, die ihre fünf Söhne vergiftet und erstickt hat, brach Michael K. zusammen. SPIEGEL TV erklärt der 35-Jährige nun, warum er sich die Verhandlung vor dem Landgericht Kiel dennoch antun muss.

Hamburg - Es ist der Morgen des Tages, an dem Michael K. seine Frau wiedersehen wird. Steffi, die er nur noch "diese Frau" nennt und die seine Söhne getötet hat. Mit Mülltüten und Schlaftabletten. Kerzengerade wird er in Saal 232 des Landgerichts Kiel sitzen, den Körper gespannt, nichts als Hass in seinem Blick.

Er wird schnaufen, weinen, schreien und seine rechte Hand zur Faust ballen, und jetzt am frühen Morgen im schleswig-holsteinischen Darry vor dem Haus, in dem das Furchtbare geschah, ringt er bereits um Fassung. "Ich bin sehr aufgewühlt", sagt K. den Reportern von SPIEGEL TV, deren bewegender Film am Sonntag bei RTL ausgestrahlt wird.

In der mehr als 17 Minuten langen Dokumentation erklärt der US-Amerikaner K., warum er eine Nebenklage gegen seine Frau angestrebt hat und sich nun das vier Verhandlungstage lange Martyrium vor der 8. Großen Strafkammer antun wird. "Ich möchte prüfen, ob die Frau wirklich schuldunfähig ist, und ich möchte, dass sie die richtige Bestrafung erhält."

Laut Staatsanwaltschaft Kiel gab Steffi K., 32, am 4. oder 5. Dezember 2007, genau lässt sich das nicht mehr rekonstruieren, ihren Söhnen Aidan, 3, Ronan, 5, Liam, 6, Jonas, 8, und Justin, 9, mehrere Schlaftabletten und erstickte die wehrlosen Kinder mit Müllbeuteln, die sie ihnen über die Köpfe zog.

K. habe "getötet, ohne Mörder zu sein", so formuliert es Staatsanwalt Michael Bimler vor dem Landgericht. Nach Auffassung der Anklagebehörde ist die gelernte Kinderpflegerin K. wegen einer "paranoiden Schizophrenie" nicht in der Lage, das Unrecht ihrer Taten einzusehen. Und deshalb geht es in dem sogenannten Sicherungsverfahren allein um die Frage, ob K. dauerhaft in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen wird, weil sie eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

Steffi K., die sich von Dämonen bedroht fühlte, hatte sich bereits lange vor der Tat zunehmend in eine Parallelwelt zurückgezogen. Einmal sei er nach Hause gekommen, so erzählt K. den SPIEGEL-TV-Reportern, und in der Küche habe es ausgesehen, als sei "eine Bombe eingeschlagen". Seine Frau habe sich verteidigt: Die Dämonen hätten sie von der Arbeit abgehalten, sie hätte alle "zwei Minuten die Kinder segnen müssen".

Mit einem Diktiergerät nahm Michael K. die ihm immer bedrohlicher erscheinenden Phantasien seiner Frau auf und ersuchte die Behörden um Hilfe. Ohne Erfolg. Auf Nachfrage von SPIEGEL TV, warum die Ämter untätig geblieben seien, erklärte die Kreisverwaltung im schleswig-holsteinischen Plön schriftlich:

"Es gab deutliche Hinweise auf eine psychiatrische Erkrankung, es wurde aber keine Krisensituation festgestellt." Die zwangsweise Unterbringung in einem Krankenhaus sei nur möglich, "wenn ein Schaden stiftendes Ereignis unmittelbar bevorsteht. Das war zum Zeitpunkt der Begutachtung nicht der Fall".

Der Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Berliner Charité, Hans-Ludwig Kröber, dazu im Interview mit SPIEGEL TV: "Alle Alarmglocken hätten schrillen müssen, wenn Angehörige als Feinde eingestuft werden." Diese Menschen befänden sich dann in großer Gefahr, die Behörden müssten sofort einschreiten.

Sie taten es nicht.

Michael K. lebt inzwischen wieder in dem Einfamilienhaus, in dem sich die Tragödie abgespielt hat. Im Wintergarten sitzend, die Sonne im Gesicht, sagt er: "Ich habe das Gefühl, die Kinder sind einfach im Urlaub. Die kommen irgendwann wieder." Sich auf die Brust tippend fügt er schließlich hinzu: "Tief drinnen ist es noch nicht angekommen."

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