Obduktionsbericht Kleinkind verdurstete in verwahrloster Wohnung

Im baden-württembergischen Aldingen ist ein Kleinkind gestorben, verdurstet in der verwahrlosten Wohnung seiner Mutter. Das Jugendamt betreute die Familie - laut der Behörde gab es nie Anzeichen für eine Gefährdung des Kindes.

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Aldingen - Gut 7500 Einwohner, malerisch gelegen zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb: Aldingen kann man getrost als gelungenes Beispiel baden-württembergischer Landidylle bezeichnen. Hier, im Landkreis Tuttlingen, herrscht Vollbeschäftigung, "hier sind die Familienstrukturen noch in Ordnung", sagt Bernd Mager, Sozialdezernent des Landkreises.

Doch seit dem Pfingstwochenende ist Aldingen untrennbar verbunden mit einem Fall, der die Menschen im Ort erschüttert: Ein Kleinkind, nicht einmal zwei Jahre alt, ist in einer verwahrlosten Wohnung gestorben. Laut Obduktion starb es an Herz-Kreislaufversagen aufgrund von Flüssigkeitsmangel und starker Auszehrung, teilten die Staatsanwaltschaft Rottweil und die Tuttlinger Polizei mit. Das Mädchen ist verdurstet. Die Gerichtsmediziner stellten bei dem Leichnam mangelhafte Pflege fest, das Kind war zudem unterernährt.

In der Gemeinde herrsche "Verstörung, Trauer und Unverständnis", sagt Bürgermeister Reinhard Lindner. Die Familie sei erst im Sommer 2011 aus Trossingen, ebenfalls im Kreis Tuttlingen, nach Aldingen gezogen. Seines Wissens habe die Mutter nicht aktiv am Gemeindeleben teilgenommen - zumindest könne er sich nicht daran erinnern, dass sie ihm bei Vereinsbesuchen oder ähnlichen Terminen begegnet sei. "Ich bin tief betroffen", sagt Lindner. "Es gab keine Anhaltspunkte für Vernachlässigungen."

Mutter verweigert Aussage

Die Mutter sitzt im Gefängnis in Hohenasperg in Untersuchungshaft. Gegen die 24-Jährige wird wegen des Verdachts auf Totschlag durch Unterlassung ermittelt. Die Frau hatte ihre drei Kinder von Samstagabend bis Sonntagmittag allein gelassen. Die 24-Jährige verweigert nach Angaben der Polizei die Aussage. Eine gesonderte Ermittlungsgruppe mit fünf Beamten kümmert sich um den Fall.

Über die Familie ist wenig bekannt. Mit zwölf kam die Mutter laut Sozialdezernent Mager in eine Pflegefamilie, drei Jahre später wurde sie zum ersten Mal Mutter, der Vater ist unbekannt. Als sie volljährig wurde, verließ die Frau ihre Pflegefamilie und bekam in den folgenden Jahren zwei weitere Kinder. Mit deren Vater hatte sie eine unstete Beziehung; sie trennte sich im Herbst 2011 von ihm. Seither war sie alleinerziehend, bekam Hartz IV.

Fest steht, dass die Familie zumindest zuletzt in "desolaten Verhältnissen" lebte und das verstorbene Kind "einen sehr verwahrlosten Eindruck" machte, wie Polizeisprecher Matthias Preiss sagte. Kollegen vor Ort hätten berichtet, die Zimmer hätten an eine Messie-Wohnung erinnert. So sei in den Räumen Müll verstreut gewesen.

Die Geschwister des verstorbenen Mädchens kamen in eine Pflegefamilie und werden psychologisch betreut. "Körperlich sind sie in einem guten Zustand", sagt Sozialdezernent Mager. "Den Umständen entsprechend geht es ihnen gut."

"Die Wohnung war aufgeräumt, die Kinder sauber"

Die beiden Jungen und ihre verstorbene Schwester waren dem Jugendamt bekannt. Die Behörde war seit längerem mit der Familie in Kontakt. Demnach wurde die Familie seit Juni 2010 begleitet. Damals - die Familie wohnte noch in Trossingen - gab es laut Sozialdezernent Mager Hinweise aus der Nachbarschaft, die Kinder würden vernachlässigt. Dies habe sich bei drei unangemeldeten Besuchen nicht bestätigt. "Die Wohnung war aufgeräumt, die Kinder sauber", sagt Mager. Auch die Hebamme und die Kinderärztin hätten bestätigt, dass die Mutter sich gut um die Kinder kümmere.

Dennoch stellte das Jugendamt durch jeweils mehrstündige Beratungsgespräche einen regelmäßigen Kontakt mit der Frau her. Zu mehr, etwa intensiverer Familienhilfe, habe man keine Veranlassung gesehen, sagt Mager. War das naiv? Schließlich lässt sich bei angekündigten Beratungsgesprächen leicht der Eindruck eines funktionierenden Familienlebens erwecken. "Die Jugendamtsmitarbeiter sind sehr erfahren, die lassen sich nichts vormachen", sagt Mager.

Die Mutter ließ einen für den 2. Mai vereinbarten neuen Termin verstreichen, einen Ersatztermin für den 15. Mai sagte sie wegen Krankheit ab, teilte das Landratsamt mit. Daraufhin sei ein weiteres Gespräch für diesen Mittwoch (30. Mai) vereinbart worden.

So fand das letzte Beratungsgespräch laut Mager am 21. März statt. Dabei sei es um die Trennung vom Vater der beiden jüngeren Kinder gegangen. An dem Tag hätten die Kinder - auch das kleine Mädchen - im Wohnzimmer gespielt. "Den Jugendamtsmitarbeitern ist nichts Negatives aufgefallen. Nichts, was auf Kindeswohlgefährdung hingedeutet hätte", sagt Mager.

Mit Material von dapd und dpa

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