Tragischer Zwischenfall in Nauen Todesschüsse auf "Baba"

Die Menschen in der brandenburgischen Kleinstadt Nauen sind aufgeschreckt: Bei einer nächtlichen Schießerei traf ein Polizist einen jungen Randalierer tödlich. Für manche Bewohner scheint der Todesfall nur eine Frage der Zeit gewesen zu sein.

Aus Nauen berichtet


Nauen/Potsdam - Der Bahnhof von Nauen, eine Kleinstadt 20 Kilometer westlich von Berlin, ist nicht gerade ein Ort zum Wohlfühlen. Schon am frühen Nachmittag versammeln sich Halbstarke mit Bomberjacken und Nazi-Tattoos um die Plastikstehtische vor dem Bahnhofsimbiss, in der Hand ein Bier. So gut wie jeder, der vorbeikommt, fängt sich einen Spruch ein.

Tatort in der Nähe des Nauener Bahnhofs: Todesschuss in der Nacht
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Tatort in der Nähe des Nauener Bahnhofs: Todesschuss in der Nacht

"Am schlimmsten ist es samstagnachts", sagt ein Busfahrer. "Da kommen die Jugendlichen aus der Disco und sind dicht bis obenhin." Eigentlich kokele immer irgendwo ein Mülleimer, erzählen Anwohner, und dass das Trennglas der Bahnhofs-Telefonzelle seit Monaten mosaikartig gesplittert ist, darüber regt sich auch niemand mehr auf.

Ganz frisch sind die zerschlagenen Scheiben an den Bushaltestellen am Bahnhofsausgang. An allen drei Wartehäuschen fehlt das Glas. "Heute früh sah das richtig chaotisch aus", berichtet eine Schülerin, "überall Scherben, Polizisten und Blaulicht". Inzwischen haben Aufräumteams die Spuren beseitigt. Nur ein paar Splitter zeugen noch von dem, was am Abend zuvor hier passierte: Ein Handgemenge zwischen drei Randalierern und einem Polizisten eskalierte, am Ende starb ein junger Mann, 28, Familienvater und im ganzen Ort als "Baba" bekannt, durch die Dienstwaffe des Beamten.

Wie es zu dem Todesschuss kam, ist noch nicht endgültig geklärt. Fest steht den bisherigen Ermittlungen zufolge immerhin: Der Polizist, 24, und die drei Männer, 21, 24 und 28, saßen im selben Zug aus Berlin. Die Gruppe war in Randalierlaune. Die Männer ließen ein paar Notfallhämmer aus dem Regionalexpress mitgehen, stiegen in Nauen aus und zertrümmerten die Scheiben der Bushäuschen am Bahnhof. Der Polizist stellte die Randalierer zur Rede, die Situation spitzte sich zu. Wahrscheinlich flüchteten die Männer, es muss es zu einer Art Verfolgungsjagd gekommen sein: Denn der eigentliche Tatort, von der Polizei mit zwei rotweißen Verkehrshütchen markiert, ist etwa 200 Meter von den zerstörten Haltestellen entfernt. Dazwischen liegt der Bahnhofsparkplatz, an den ein Wohngebiet grenzt.

Die Nauener sind Krawalle gewohnt

"Ich habe mehrere Schüsse gehört", sagt Petra Kröger, die mit ihrem Mann in Sichtweite wohnt. Abends beim Fernsehen sei es passiert, gegen 22 Uhr. Wie oft genau geschossen wurde, daran erinnert sie sich nicht, aber "auf jeden Fall mehr als einmal". Rund um den Tatort stehen Einfamilienhäuser, ganz in der Nähe. Die meisten Anwohner haben offenbar nichts von den Geschehnissen mitbekommen. Wenn es vor ihrer Tür laut wird, sind sie längst nicht in Alarmbereitschaft: "Hier passiert jeden Abend irgendwas, ich höre da gar nicht mehr hin", sagt Rentner Willi Job und zuckt mit den Schultern.

Die tödlichen Schüsse aus der Dienstwaffe des Polizisten trafen den Ältesten der Gruppe, Maximilian G. "Baba", so erzählt der 19-jährige Volkan SPIEGEL ONLINE, "hat mal in meiner Straße gewohnt. Ich habe ihn öfter mit seinen Kindern auf dem Spielplatz gesehen." Volkan weiß schon länger, dass "Baba" tot ist. Wie ein Lauffeuer hat sich die Bahnhofsschießerei im Ort herumgesprochen.

Maximilian G., der nach Angaben von Nachbarn seit geraumer Zeit arbeitslos war, lebte angeblich seit einem Jahr mit seiner Lebensgefährtin Antje und vier Kindern zusammen. Zwei von ihnen, bereits im Grundschulalter, stammen demnach aus einer früheren Beziehung der Freundin, die anderen beiden sollen gemeinsame Kinder sein. Maximilian G.s Lebensgefährtin hat noch in der Nacht vom Tod ihres Freundes erfahren.

Die Wohnung liegt nur 15 Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Ganz in der Nähe verläuft die Mittelstraße, die zentrale Fußgängerzone im Ort. Das Wohngebiet des Opfers wirkt gepflegt, das Haus ist frisch saniert. Die Wohnung von "Baba" und seiner Freundin liegt direkt über einer einem Nachhilfebüro für Schüler.

Doch hinter der Wohnungstür sei es mitunter weniger ruhig zugegangen, berichten andere Hausbewohner. "Den ganzen Tag ist die Frau mit ihren Kleinkindern zu Hause, da ist es immer laut", erzählt ein Nachbar, der die Wohnung darüber bewohnt. Viel Kontakt hat er zu beiden nicht gehabt. "Hallo und Tschüss im Treppenhaus", mehr nicht. "Aber man bekommt ja so einiges mit. Wir haben uns schon ein paar Mal bei der Hausverwaltung beschwert". Denn "Baba" soll oft Leute eingeladen haben, die dann lautstark im Innenhof zusammen feierten. "Nicht nur Jungs in seinem Alter", erzählt er, "sondern auf jüngere - Zehntklässler, Jugendliche."

"Ein ganz Netter, Ruhiger"

Die 21-jährige Lisa weiß sofort, wer mit "Baba" gemeint ist. Die junge Frau mit dem Totenkopfohrstecker und dem rot gefärbten Pony kennt ihn "von einigen Partys". Über kurz oder lang treffe in Nauen "sowieso jeder jeden". Natürlich hat schon von dem Todesschuss am Bahnhof gehört. "Unglaublich", findet sie das. "Baba" habe eigentlich keine aggressiven Freunde um sich geschart, meint sie. "Er war immer ein ganz Netter, Ruhiger." Sie kann sich nicht vorstellen, dass er einen Polizisten angegriffen haben soll.

Eine Rentnerin, die in der Fußgängerzone ihre Einkäufe erledigt, ist schockiert. "So etwas musste irgendwann passieren", sagt sie traurig. Auch sie hat sich schon oft über den Vandalismus in der Stadt aufgeregt, oder über die Messerstecherei unter Jugendlichen auf dem letzten Altstadtfest. Manchmal habe sie Angst, abends auf die Straße zu gehen. Dass nun jemand zu Tode gekommen ist, findet sie furchtbar. Ihr Mann allerdings hätte sich schon viel früher gewünscht, dass die Polizei sich mit dem Problem auseinandersetzt: "Ganz ehrlich" brummt er, "man müsste da viel öfter hart durchgreifen." Ihm tue nur der Polizist leid, sagt der Rentner und zerrt gedankenverloren an der Hundeleine seines Dackels.

Auch im "Service Point" am Bahnhof ist der erschossene Randalierer das Thema des Tages. Die Verkäuferin ist empört. Sie wisse zwar, wie viele junge Leute sich in der Stadt aufführten, sagt sie. "Die waren bestimmt nicht ohne." Aber einen Menschen zu erschießen, selbst wenn es in Notwehr geschieht - dafür hat sie absolut kein Verständnis. "Es gibt doch so viele Möglichkeiten, jemanden außer Gefecht zu setzen. Warum hat der Polizist nicht in Richtung Bein gezielt?"

Eine von vielen Fragen, die derzeit offen sind. Oberstaatsanwalt Wilfried Lehmann sagte SPIEGEL ONLINE, vieles deute darauf hin, dass der Polizeibeamte angegriffen wurde und womöglich in Notwehr gehandelt hat: "Es soll einen solchen Angriff gegeben haben." Details teilte Lehmann nicht mit.

Unklar ist auch, warum der Polizist überhaupt nach Feierabend seine Waffe bei sich trug. Der Polizist wurde am Morgen vernommen und befindet sich nun in psychologischer Betreuung. "Babas" Freunde wurden noch in der Nacht verhört. Inzwischen sind sie wieder auf freiem Fuß.



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