Tragödie im Harz "Sie müssen unendlich verzweifelt gewesen sein"

Was geschah wirklich im Harzdorf Westerhausen? Mutter und Vater sterben nach einer Vergiftung - ihre vier Kinder wurden gerettet, eines kämpft noch ums Überleben. Dass die Eltern ihre Söhne und Töchter mit in den Tod nehmen wollten, halten die Ermittler inzwischen für unwahrscheinlich.

Von , Westerhausen


Westerhausen - Franziska hört das Klopfen, taumelt apathisch zu der Fensterscheibe, durch die ihr der Großvater zuwinkt. Er ist über eine Mauer geklettert, hat versucht, ins Haus zu kommen. Doch die Haustür ist verschlossen. Nun steht er auf einer Leiter und bittet seine Enkelin, ihm zu öffnen. Die Elfjährige wankt ins Erdgeschoss, entriegelt die Tür. Dann wird sie Zeuge, wie ihr Großvater zusammenbricht: Er hat im Wohnzimmer seine Tochter Kati und seinen Schwiegersohn Heiko entdeckt. Beide sind tot.

Ebenso wie Franziska wirken ihre drei Geschwister benommen: Die sechsköpfige Familie aus Westerhausen, einem 2200-Einwohner-Dorf in Sachsen-Anhalt nahe Quedlinburg, hat Gift genommen.

Nach bisherigem Ermittlungsstand gerieten die Kinder wohl aus Versehen in Lebensgefahr. "Im Moment gehen wir davon aus, dass die Eltern ihre Kinder nicht töten wollten", sagt Frank Götze, Kriminalhauptkommissar der Polizei Halberstadt. Auf dem Küchentisch lagen wohlsortiert die Krankenkassenkarten aller vier Kinder, die Visitenkarte eines Kinderarztes und die EC-Karte des Ehepaars. "Sie sollten ganz offensichtlich von einem Retter leicht gefunden werden", sagt Kriminalrat Guido Sünnemann. "Das spricht dafür, dass die Eltern ihre Kinder nicht mit in den Tod nehmen wollten."

Die Ermittler stehen nun vor der Frage: Haben sich die Eltern gemeinsam das Leben genommen - oder hat einer den anderen getötet? Ein Abschiedsbrief wurde nicht gefunden, Gewalteinwirkungen haben Gerichtsmediziner nicht feststellen können. Kati G. lag zugedeckt unter ihrer Bettdecke auf der Couch, die in den vergangenen Monaten als Ehebett gedient hatte. Das Schlafzimmer sollte renoviert werden. Vor dem Sofa lag ihr Mann.

Die Kinder waren Tage lang in einem Dämmerzustand

Als die Kinder vom Spielen am Sonntagnachmittag ins Haus zurückkehrten, hätten Mama und Papa zusammen im Bett gelegen und geschlafen, erzählten Franziska und ihre zehnjährige Schwester Jennifer den Ermittlern. Ihr Vater muss also kurz vor seinem Tod noch einmal aufgestanden sein. Um ihn herum lagen mehrere umgestoßene Gegenstände.

Die Mädchen sagten aus, es sei für sie zwar ungewöhnlich gewesen, dass die Eltern so früh zu Bett gegangen seien. Aber sie hätten sie schlafen lassen und sich aus der Küche Getränke und Kekse geholt. Nachdem sich die vier Geschwister selbst versorgt hatten - so erzählten es Franziska und Jennifer -, wurde ihnen übel. Eines der Mädchen holte einen Eimer, in den sich die Kinder abwechselnd erbrachen. Anschließend verfielen sie in eine Art Dämmerzustand.

Ein Indiz, das die Theorie der Ermittler stützt: Die Kinder vergifteten sich ohne Zutun der Eltern.

Womit, ist noch unklar. "Die Kinder haben die Lebensmittel frei gewählt. Ihnen wurde nichts verabreicht", sagt Sünnemann. Eine undichte Propangasflasche, mit der der Vater versucht haben soll, die defekte Heizung zu reparieren, könnte ebenfalls eine Vergiftung ausgelöst haben. Fest steht: Als die Notärztin eintraf, befanden sich alle vier Kinder in einem lebensbedrohlichen Zustand. Franziska und Jennifer kamen ins Klinikum Quedlinburg. Der achtjährige Christopher und der 13 Jahre alte Steven wurden mit dem Hubschrauber in eine Spezialklinik nach Halle geflogen. Steven kämpft noch immer mit dem Tod.

"Das ist ein Schock für uns alle"

Das Haus, ärmlich, aber liebevoll eingerichtet, war unterkühlt, als die Kinder entdeckt wurden. Sie waren sich selbst überlassen. Dass ihre Eltern tot im Wohnzimmer lagen, haben sie nicht bemerkt. Vermutlich hat der Großvater seinen Enkeln das Leben gerettet.

Er ist nicht der einzige, den die Tragödie schwer erschüttert hat. Kati und Heiko G. waren Teil einer harmonischen Großfamilie. Heiko G. galt als extrem zuverlässiger und pünktlicher Arbeiter. Sein Chef alarmierte einen Nachbarn, weil der 33-Jährige den zweiten Tag unentschuldigt fehlte. Und der hatte sich auch schon über einen geschlossenen Rollladen gewundert. Als er die Großeltern benachrichtigen wollte, waren diese schon auf dem Weg - weil sich Kati entgegen ihrer Gewohnheit zwei Tage nicht bei ihnen gemeldet hatte.

Der Bauarbeiter war oft auf Montage. Seine 32-jährige Frau arbeitete halbtags als Bürokraft und kümmerte sich sonst um Haus und Kinder, die jeden Tag zu Hause zur Schule abgeholt wurden. Der Jüngste soll an Leukämie erkrankt sein, erzählen Nachbarn. Das Familiendrama erschüttert die kleine Gemeinde, die im nördlichen Harzvorland direkt an der B6 liegt. "Das war eine sehr anständige Familie", sagt Bürgermeister Eberhard Heintze. "Das ist ein Schock für uns alle."

"Sie müssen unendlich verzweifelt gewesen sein"

Im Jahr 2000 war die Familie in das von außen trostlos und trist wirkende Haus gezogen. Es liegt auf einer kleinen Anhöhe über dem 2200-Einwohner-Dorf mit gerade einmal sechs Geschäften, zwei Banken und einem Supermarkt. Die Kinder tobten oft im Garten hinter dem holprigen Kopfsteinpflaster. "Ganz liebe Kinder waren das", sagt eine Nachbarin. "Warum haben sie ihnen das angetan? Sie alleine als Vollwaisen zurückgelassen?" Eine andere Nachbarin: "Sie müssen unendlich verzweifelt gewesen sein, sonst hätten sie das nicht übers Herz gebracht."

"Es bleibt wohl das Geheimnis der Eltern, warum sie so einen Weg eingeschlagen haben", sagt Bürgermeister Heintze. "Unser größter Wunsch ist es, dass diese vier Kinder gesund werden und auch psychisch die Chance haben, noch ein glückliches Leben zu führen."

Noch wissen Franziska, Jennifer und Christopher nicht, dass ihre Eltern tot sind - und ihr Bruder Steven um sein Leben kämpft.



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