Trauer in Blacksburg "Unfassbar, unglaublich, unergründbar"

Fassungslosigkeit, Trauer, Wut - die Schockstarre weicht nur langsam aus Blacksburg, dem einst friedlichen Städtchen in den Appalachen. Doch Studenten und Anwohner wollen sich nicht unterkriegen lassen und halten an Hoffnung, Liebe und Gemeinschaft fest.

Aus Blacksburg berichtet David Goeßmann


Blacksburg - Das Wetter will so gar nicht passen zu dem, was einen Tag zuvor zwischen Studentenwohnheim und Seminarräumen passiert ist. Blauer Himmel mit Schäfchenwolken über dem Campus-Gelände der Virginia Tech University. Frühlingshafte Temperaturen. Vor der Norris Hall liegen ein paar Blumen, halb vertrocknete Rosen, die Fahnen hängen auf Halbmast. Gelbe Absperrbänder markieren den Platz, den man aus den verwackelten Handyaufnahmen eines Studenten kennt, die von den amerikanischen Fernsehsendern in Endlosschleife gesendet wurden. Darin konnte man die fatalen Schüsse hören. Jetzt gehen hier zwei Polizisten auf und ab, das Gelände wirkt wie ein verlorener toter Raum.

Das Ehepaar Prosser aus Blacksburg bringt den Beamten Essen und Getränke. Sie arbeiten ehrenamtlich für die Organisation "Disaster Relief". "Unfassbar, unglaublich, unergründbar. Es ist schiere Verwüstung. Warum sollte jemand so viele Menschen in den Tod reißen?", versucht Lee Prosser, 52, Mitarbeiter in einem Möbelhaus, seine Gefühle in Worte zu fassen. Als es passierte, war er bei der Arbeit. Die Kollegen versammelten sich um einen kleinen Fernseher zwischen Sofas und Wandschränken. Seitdem findet er alles unwirklich, wie in Watte gepackt.

Der Schock sitzt tief in der Kleinstadt Blacksburg, abseits, im Hinterland Virginias zwischen waldigen Hügeln. "Man muss uns Zeit lassen, das zu verdauen", sagt Mike O’Brien, ein 20-jähriger Student der Ingenieurswissenschaften. Er war befreundet mit Ryan Clark, dem Wohnheimältesten, der bei der ersten Schießerei ums Leben kam. Ryan sei Mitglied in der Campus-Band gewesen, ein umtriebiger, sehr beliebter Student, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Anders kann sich Mike sich das Ende seines Freundes nicht erklären. "Warum er?", fragt Mike.

Jeder hier auf dem Campus kennt über ein, zwei Ecken jemanden, der den Schüssen zum Opfer fiel. Als am Nachmittag von überall Studenten in den Uni-Farben orange und kastanienbraun, Professoren und Familienmitglieder in Richtung Campus-Arena und Football-Stadion strömen, zur Trauerfeier, ist es still. Das gemeinsame Trauern helfe, schweiße zusammen gegen den Schmerz, sagen viele.

Mark Myer und Bethsi Parker kehren gestern Nachmittag von der Versammlung in ihre Studentenwohnungen zurück. Bethsi studiert Deutsch und war im letzten Jahr neun Monate in Berlin. "Ist alles ok?", fragte die Gastfamilie am Montag umgehend per E-Mail an. Bethsi war unverletzt, auch Mark, doch sein Professor nicht. "Der getötete Deutschlehrer war ein guter Freund von uns. Es ist ein schwerer Verlust", sagt Mark. Die Versammlung sei bewegend gewesen und habe Erleichterung verschafft, auch wenn der Schock noch lange anhalten werde. "Natürlich ist da auch Wut, wie so etwas passieren konnte", bemerkt Bethsi, "aber im Moment ist die Trauer stärker."

In einem Cafe in Blacksburg unweit des Campus sitzt das junge Ehepaar Melanie und Lee Poff. Ihr zweijähriges Kind schläft im Kinderwagen. Gestern lief ständig der Fernseher, von morgens bis abends. Sie sind beide in Blacksburg aufgewachsen, Melanie hat vor Jahren an der Tech studiert. Im Moment beherrsche sie der Unglaube an das Geschehene. "Um weiterzumachen, muss man die Wirklichkeit manchmal verleugnen", sagt die 32-Jährige. "Vielleicht kommt die Wut später."

Am Abend versammeln sich Tausende auf dem Campusgelände. Sie schweigen, halten Kerzen in den blauschwarzen Himmel. Es ist von Hoffnung, Liebe und gegenseitiger Hilfe die Rede. "Die 'Tech' ist eine friedfertige Familie. Doch die Seele dieser Familie ist verletzt", sagt Timmil Cherry, 23. Auch Adam Shephard, 28, hat eine Kerze in der Hand. Er ist Kriegsveteran und hat im Irakkrieg Freunde verloren. "Man muss vergeben. Ich habe das lernen müssen. Es gibt keinen anderen Weg, darüber hinwegzukommen". Dann hebt er sein Licht mit den anderen Tausenden. Es schallt aus der Menge, sie rufen Schlachtrufe ihrer Footballmannschaft "Hokies". Es ist, als wollten sie sich in eine bessere Zukunft schreien.



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