Trauma Missbrauch "Erst jetzt fühle ich mich ihm gewachsen"

Katholische Geistliche: "Lückenlose Aufklärung dieses schweren Verbrechens"
AFP

Katholische Geistliche: "Lückenlose Aufklärung dieses schweren Verbrechens"

Von

2. Teil: "Ein unheiler und unheilvoller Mensch"


Dennoch machte sich Trappen noch am gleichen Tag an die Antwort. Er gab die exakten Adressen der Missbrauchsorte von 1976 an.

Er schrieb, dass es keine Einzeltat war, dass sich inzwischen weitere Betroffene und Zeugen von Übergriffen des Beschuldigten gemeldet hätten und fügte die entsprechenden Namen bei. Mit dem Hinweis, der Geistliche sei "zwar ein glänzender Theologe, aber ein unheiler und unheilvoller Mensch", endete sein Schreiben.

Doch erneut musste Trappen beim Warten auf eine Reaktion Geduld aufbringen.

Fünf Wochen waren seit seinem ersten Versuch, sich an die Kirche mit der Bitte um Hilfe bei der Aufklärung zu wenden, nun schon vergangen. "Man hält das kaum aus", sagt Trappen, "diese Ungewissheit, wie es weitergeht, es beschäftigt einen von morgens bis abends."

Die Hoffnung auf eine zeitnahe Aufklärung begann zu schwinden. Trappen fühlte sich plötzlich "wie damals": machtlos.

Freundinnen und Freunden hatte er im Laufe der Jahre zwar mehr oder weniger ausführlich von den Ereignissen erzählt, doch die vorsichtigen Andeutungen im engeren Verwandtenkreis blieben seiner traditionell katholischen Familie ohne Echo.

Seine Schwester war die erste, der er Ende der siebziger Jahre von dem ungeheuren Vorfall berichtete. Inzwischen sagt sie, sie habe das Erzählte damals nicht glauben können. Der "Onkel" genießt bis heute ein ungeheuer großes Ansehen in der Familie. Der Kleriker, der aus bescheidenem Milieu stammt, genießt eine Reputation als ausgesprochen moralischer, dem selbstlosen Dienst am Nächsten verpflichteter Mann der Kirche. Für Trappen strahlt er - auch heute noch - eine nahezu unbezwingbare Macht aus.

"Heftige psychosomatische Beschwerden"

"Es war unmöglich für mich als Kind, aber auch später noch als junger Mann, die Vorfälle ihm gegenüber anzusprechen. Erst jetzt fühle ich mich ihm gewachsen", sagt Trappen.

Seinen Eltern vertraute sich Trappen lange Jahre lang nicht an. Die Vorgänge waren zu ungeheuerlich, selbst nächste Angehörige würden sie nicht für möglich und wahr halten, glaubte er.

Irgendwann trat er aus der Kirche aus und offenbarte sich Anfang der neunziger Jahre doch noch den Eltern - auch, um sich keine Vorwürfe wegen des Austritts mehr anhören zu müssen, wie er sagt. Vater und Mutter, beide tief gläubig, reagierten, so schildert es Trappen, "mit heftigen psychosomatischen Beschwerden" auf Trappens Schilderungen - um dann ihr Alltagsleben weiterzuführen. Heute ist nur sein Vater noch am Leben, die Mutter starb 1995.

"Wie gedenken Sie, Ihre Zusage nun einzulösen?"

Auf der Web-Seite des Bistums Trier registrierte Trappen plötzliche Veränderungen. "Im Bistum Trier ist die Zahl der bekannt gewordenen 'Fälle' verschwindend gering", stand dort noch kürzlich zu lesen, "einige wenige Male haben aufmerksame Eltern frühzeitig interveniert und mitgeholfen, dass ein 'Fall' gar nicht erst eintreten konnte."

Solche Sätze machten Trappen wütend: "Soll das uns Missbrauchsopfern gegenüber heißen: Wenn eure Eltern nur aufmerksamer gewesen wären, hätte das alles nicht passieren müssen? Diese zynische Unterstellung ignoriert das durch die Kirche geförderte naive Vertrauen bei Kindern und Eltern, dass nicht sein kann, was nicht sein darf." Die Sätze wurden gestrichen, inzwischen heißt es auf der Homepage des Bistums Trier: "Auch in den Kirchen kommt es vor, dass Menschen in ihrer sexuellen Selbstbestimmung verletzt werden. Besonders Kinder und Jugendliche sind zu Opfern geworden."

Nachfragen des SPIEGEL beim Beschuldigten und beim Bistum in Trier bringen schließlich Bewegung in den Fall. Am 22. März meldet sich der Missbrauchsbeauftragte bei Trappen: "Hierdurch möchte ich Sie darüber informieren, dass wir … das Gespräch mit Herrn Professor … hatten. Er weist die von Ihnen erhobenen Vorwürfe zurück. Wir haben uns daraufhin entschlossen, den gesamten Fall der Staatsanwaltschaft zur Prüfung zu übergeben".

Trappen fürchtet, das dies nun das Ende seiner Bemühungen sein könnte, denn allen Beteiligten ist klar, dass der Fall verjährt ist und die Staatsanwaltschaft nicht mehr ermitteln kann, sie wird den Fall zurückgeben.

"Dagegen steht die Zusage der Kirche, auch verjährte Fälle rückhaltlos aufzuklären", schreibt Trappen umgehend an den Trierer Missbrauchsbeauftragten Rainer Scherschel. "Wie gedenken Sie, dies nun einzulösen? Haben Sie Einsicht in die Personalakte genommen? Werden Sie weitere Personen aus dem Umkreis des Täters befragen?"

Der Beschuldigte selbst schweigt am Telefon, mit den Vorwürfen konfrontiert, recht lange, bis seine Antwort kommt: "Das sind böswillige Unterstellungen!" Trappen empfindet das erneut als jene Ohnmacht von vor dreißig Jahren, jenes permanente Unterlegenheitsgefühl eines Opfers gegenüber seinem Täter.

"Er sollte für seine Straftaten bezahlen"

Trappen beruft sich auf drei Zeugen, zwei davon sind selbst vom Beschuldigten missbraucht worden. Beide haben wie Trappen lange geschwiegen, vor wenigen Tagen zeigten sie den Missbrauch bei der Kirche im Bistum Trier an. Das gibt Trappen große Hoffnung, dass sich noch mehr melden und der Kleriker sich nicht länger herausredet.

Der jetzige Anlauf zur Aufarbeitung, sagt Trappen, habe für ihn "eine erlösende, befreiende Wirkung". Er will, dass es zu kirchlichen Maßnahmen gegen den "Onkel" kommt. Er soll nicht länger Priester sein dürfen, "als erstes kann er doch in einer Klosterzelle über seine Taten, über Buße und Reue nachdenken, dann sollte er für seine Straftaten bezahlen." Nicht an Trappen, der will kein Geld zur Wiedergutmachung, "aber vielleicht in einen allgemeinen Entschädigungsfonds für die Opfer in Deutschland."

Das Bistum Trier schrieb Trappen am 25. März ziemlich ratlos zurück, vorläufig die letzte Mail: "Ich bitte Sie um Geduld, erst einmal die Stellungnahme der Staatsanwalt abzuwarten. Der Fall ist nicht einfach erledigt, wenn die Ermittlungen nur wegen Verjährung eingestellt oder gar nicht erst aufgenommen werden sollten. Was aber dann getan werden kann, wird zu beraten sein. Wir haben ja keinerlei Erfahrung als Ermittlungsbehörde, sind auch keine."

Mehr zum Thema


insgesamt 4046 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Güllu, 01.04.2010
1.
Entschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Markus Heid, 01.04.2010
2.
Zitat von GülluEntschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Jupp, und die Anwälte des Vatikans haben sich schon eine Verteidigungsstrategie zurechtgelegt: Der Papst genießt als Staatsoberhaupt (eines diktatorischen Theokratie) natürlich Immunität. Und US-Bischöfe sind in Wahrheit keine Angestellte der katholischen Kirche. Was mich aber mehr verwundert, ist, dass der Papst überhaupt Anwälte notwendig hat. Der hat doch angeblich so einen guten Draht nach oben und Anwälte werden doch generell eher mit dem Ewigen Widersacher in Verbindung gebracht.
kyon 01.04.2010
3. Nanoeffekt
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Zu abgehoben, zu entrueckt! Sich fuer unfehlbar haltende Leute halten Vorwuerfe aus der normal-menschlichen Zeit wahrscheinlich fuer eine Zumutung,die an ihnen abperlen wie bei einem Nanoeffekt! Also keine Chance!
Fassungsloser 01.04.2010
4. Jaja
Der Papst sollte barfuß nach Hamburg reisen und sich dort in den Staub werfen... Nächste Frage: Sollten Journalisten lernen, zwischen Religion und Politik unterscheiden zu lernen?
Klo, 01.04.2010
5. Unahltbar
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Wenn er noch einen Funken Ehre besitzt, dann entschuldigt er sich für alle Taten im Namen der Kirche und tritt dann von seinem Amt zurück, um sich in eine Einsiedelei in den Abruzzen zurückzuziehen. Alles andere ist nicht zielführend. Als Papst ist er nicht mehr haltbar.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.