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03. April 2010, 08:38 Uhr

Trauma Missbrauch

"Erst jetzt fühle ich mich ihm gewachsen"

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Als Kind wurde Benedikt Trappen von einem katholischen Geistlichen missbraucht, erst als Erwachsener konnte er über dieses Trauma sprechen. Nachdem die Kirche konsequente Aufklärung aller Fälle versprach, wandte er sich an das zuständige Bistum Trier - und ist nun bitter enttäuscht.

Als Benedikt Maria Trappen Anfang Februar hörte, dass die Deutsche Bischofskonferenz auf ihrer Frühjahrstagung über den Umgang mit sexuellem Missbrauch beraten wollte, fasste er sich ein Herz und schickte dem Sekretariat rechtzeitig einen sehr persönlichen, inzwischen 28 Jahre alten Text mit dem Titel "Der Neffe".

Darin beschreibt Trappen drastisch, wie er 1976 von einem katholischen Geistlichen, der viele Jahre eine herausgehobene Position in der Kirche innehatte, als Kind schwer missbraucht wurde. Er nennt den Mann im Text "Onkel". Für den Jungen begann mit dem ersten Übergriff ein Alptraum, der bis heute andauert.

Was Trappen, Magister der Philosophie und Rektor einer Grundschule im Hunsrück, mehr als 30 Jahre lang umtrieb, soll nun endlich aufgearbeitet werden: "Es wird Zeit", sagt Trappen, "dass diese Geschichte ihren Weg in die Wirklichkeit findet und den einholt, dem ich sie zu verdanken habe, einem hochangesehenen Professor der Theologie, dem Mann, der mich missbraucht hat."

Doch auf sein Schreiben an die Bischofskonferenz im Februar erhielt Trappen keine Antwort. Bei Abschluss der Tagung hörte er, dass Erzbischof Robert Zollitsch, der dem Papst anschließend über die Situation in Deutschland Bericht erstatten wollte, "zur lückenlosen Aufklärung dieses schweren Unrechts entschlossen" sei. Zollitsch versprach die "ehrliche Aufklärung" selbst lange zurückliegender Fälle, die rechtlich bereits verjährt sind, denn: "Die Opfer haben ein Recht darauf".

Das Opfer Trappen schrieb daraufhin am 7. März persönlich an Zollitsch, wies auf seinen unbeantworteten Brief hin, nannte den Namen des von ihm Beschuldigten, weitere Details. Fakten genug, dachte Trappen, um ein Ordinariat in Aktion zu bringen. Doch wieder geschah nichts.

"Es ist ein langer Weg, bis man das aussprechen kann"

Nach tagelangem Warten schrieb Trappen besorgt dem Bistum Trier - sein Anliegen könne vielleicht untergegangen sein, da er lediglich eine formale Eingangsbestätigung bekommen habe. Er solle sich gedulden, antwortete der Bistumssprecher, es sei ja "erst ein kurzer Zeitraum" seit seiner Anfrage vergangen.

Am 11. März erhielt Trappen eine Mail aus Trier. Der Prälat Dr. Rainer Scherschel, bei dem seine Post "mit der Bitte um Bearbeitung" gelandet sei, schrieb, Trappens Text von 1982 sei ja "nur" ein literarisches Werk, "in dem tatsächliches Geschehen und Dichtung ineinander verwoben sein können." Trappen solle "konkrete Angaben" über die genauen "Missbrauchs-Vergehen" des Geistlichen machen.

Das klang für Trappen bedrohlich nach einem Versanden im bürokratischen Prozess: "Ich hatte in dem Anschreiben Namen und Biografie angeführt, die Bedeutung des Täters in der Kirche genau beschrieben", sagt Trappen. "Was sexuell vorgefallen war, steht doch recht genau in meiner Geschichte." Trappen hatte den Text schon als Student 1982 in einem Buch mit kleiner Auflage veröffentlicht, den damaligen Umständen entsprechend mit der nötigen Vorsicht.

"Es ist ein langer Weg, bis man das wirklich aussprechen kann", sagt er heute über die erlittenen Übergriffe. "Ein Missbrauchsbeauftragter muss dafür Verständnis haben, muss wissen, was es heißt, Opfer einer solchen Tat geworden zu sein. Er muss wissen, dass es den Betroffenen auch heute noch schwerfällt, über das Vorgefallene zu reden und die Taten exakt zu beschreiben."

"Ein unheiler und unheilvoller Mensch"

Dennoch machte sich Trappen noch am gleichen Tag an die Antwort. Er gab die exakten Adressen der Missbrauchsorte von 1976 an.

Er schrieb, dass es keine Einzeltat war, dass sich inzwischen weitere Betroffene und Zeugen von Übergriffen des Beschuldigten gemeldet hätten und fügte die entsprechenden Namen bei. Mit dem Hinweis, der Geistliche sei "zwar ein glänzender Theologe, aber ein unheiler und unheilvoller Mensch", endete sein Schreiben.

Doch erneut musste Trappen beim Warten auf eine Reaktion Geduld aufbringen.

Fünf Wochen waren seit seinem ersten Versuch, sich an die Kirche mit der Bitte um Hilfe bei der Aufklärung zu wenden, nun schon vergangen. "Man hält das kaum aus", sagt Trappen, "diese Ungewissheit, wie es weitergeht, es beschäftigt einen von morgens bis abends."

Die Hoffnung auf eine zeitnahe Aufklärung begann zu schwinden. Trappen fühlte sich plötzlich "wie damals": machtlos.

Freundinnen und Freunden hatte er im Laufe der Jahre zwar mehr oder weniger ausführlich von den Ereignissen erzählt, doch die vorsichtigen Andeutungen im engeren Verwandtenkreis blieben seiner traditionell katholischen Familie ohne Echo.

Seine Schwester war die erste, der er Ende der siebziger Jahre von dem ungeheuren Vorfall berichtete. Inzwischen sagt sie, sie habe das Erzählte damals nicht glauben können. Der "Onkel" genießt bis heute ein ungeheuer großes Ansehen in der Familie. Der Kleriker, der aus bescheidenem Milieu stammt, genießt eine Reputation als ausgesprochen moralischer, dem selbstlosen Dienst am Nächsten verpflichteter Mann der Kirche. Für Trappen strahlt er - auch heute noch - eine nahezu unbezwingbare Macht aus.

"Heftige psychosomatische Beschwerden"

"Es war unmöglich für mich als Kind, aber auch später noch als junger Mann, die Vorfälle ihm gegenüber anzusprechen. Erst jetzt fühle ich mich ihm gewachsen", sagt Trappen.

Seinen Eltern vertraute sich Trappen lange Jahre lang nicht an. Die Vorgänge waren zu ungeheuerlich, selbst nächste Angehörige würden sie nicht für möglich und wahr halten, glaubte er.

Irgendwann trat er aus der Kirche aus und offenbarte sich Anfang der neunziger Jahre doch noch den Eltern - auch, um sich keine Vorwürfe wegen des Austritts mehr anhören zu müssen, wie er sagt. Vater und Mutter, beide tief gläubig, reagierten, so schildert es Trappen, "mit heftigen psychosomatischen Beschwerden" auf Trappens Schilderungen - um dann ihr Alltagsleben weiterzuführen. Heute ist nur sein Vater noch am Leben, die Mutter starb 1995.

"Wie gedenken Sie, Ihre Zusage nun einzulösen?"

Auf der Web-Seite des Bistums Trier registrierte Trappen plötzliche Veränderungen. "Im Bistum Trier ist die Zahl der bekannt gewordenen 'Fälle' verschwindend gering", stand dort noch kürzlich zu lesen, "einige wenige Male haben aufmerksame Eltern frühzeitig interveniert und mitgeholfen, dass ein 'Fall' gar nicht erst eintreten konnte."

Solche Sätze machten Trappen wütend: "Soll das uns Missbrauchsopfern gegenüber heißen: Wenn eure Eltern nur aufmerksamer gewesen wären, hätte das alles nicht passieren müssen? Diese zynische Unterstellung ignoriert das durch die Kirche geförderte naive Vertrauen bei Kindern und Eltern, dass nicht sein kann, was nicht sein darf." Die Sätze wurden gestrichen, inzwischen heißt es auf der Homepage des Bistums Trier: "Auch in den Kirchen kommt es vor, dass Menschen in ihrer sexuellen Selbstbestimmung verletzt werden. Besonders Kinder und Jugendliche sind zu Opfern geworden."

Nachfragen des SPIEGEL beim Beschuldigten und beim Bistum in Trier bringen schließlich Bewegung in den Fall. Am 22. März meldet sich der Missbrauchsbeauftragte bei Trappen: "Hierdurch möchte ich Sie darüber informieren, dass wir … das Gespräch mit Herrn Professor … hatten. Er weist die von Ihnen erhobenen Vorwürfe zurück. Wir haben uns daraufhin entschlossen, den gesamten Fall der Staatsanwaltschaft zur Prüfung zu übergeben".

Trappen fürchtet, das dies nun das Ende seiner Bemühungen sein könnte, denn allen Beteiligten ist klar, dass der Fall verjährt ist und die Staatsanwaltschaft nicht mehr ermitteln kann, sie wird den Fall zurückgeben.

"Dagegen steht die Zusage der Kirche, auch verjährte Fälle rückhaltlos aufzuklären", schreibt Trappen umgehend an den Trierer Missbrauchsbeauftragten Rainer Scherschel. "Wie gedenken Sie, dies nun einzulösen? Haben Sie Einsicht in die Personalakte genommen? Werden Sie weitere Personen aus dem Umkreis des Täters befragen?"

Der Beschuldigte selbst schweigt am Telefon, mit den Vorwürfen konfrontiert, recht lange, bis seine Antwort kommt: "Das sind böswillige Unterstellungen!" Trappen empfindet das erneut als jene Ohnmacht von vor dreißig Jahren, jenes permanente Unterlegenheitsgefühl eines Opfers gegenüber seinem Täter.

"Er sollte für seine Straftaten bezahlen"

Trappen beruft sich auf drei Zeugen, zwei davon sind selbst vom Beschuldigten missbraucht worden. Beide haben wie Trappen lange geschwiegen, vor wenigen Tagen zeigten sie den Missbrauch bei der Kirche im Bistum Trier an. Das gibt Trappen große Hoffnung, dass sich noch mehr melden und der Kleriker sich nicht länger herausredet.

Der jetzige Anlauf zur Aufarbeitung, sagt Trappen, habe für ihn "eine erlösende, befreiende Wirkung". Er will, dass es zu kirchlichen Maßnahmen gegen den "Onkel" kommt. Er soll nicht länger Priester sein dürfen, "als erstes kann er doch in einer Klosterzelle über seine Taten, über Buße und Reue nachdenken, dann sollte er für seine Straftaten bezahlen." Nicht an Trappen, der will kein Geld zur Wiedergutmachung, "aber vielleicht in einen allgemeinen Entschädigungsfonds für die Opfer in Deutschland."

Das Bistum Trier schrieb Trappen am 25. März ziemlich ratlos zurück, vorläufig die letzte Mail: "Ich bitte Sie um Geduld, erst einmal die Stellungnahme der Staatsanwalt abzuwarten. Der Fall ist nicht einfach erledigt, wenn die Ermittlungen nur wegen Verjährung eingestellt oder gar nicht erst aufgenommen werden sollten. Was aber dann getan werden kann, wird zu beraten sein. Wir haben ja keinerlei Erfahrung als Ermittlungsbehörde, sind auch keine."

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