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Mordfall Tristan Die Spur nach Schwalbach

Seit 18 Jahren ist der Mord an Tristan Brübach ungeklärt. Obwohl der Täter am helllichten Tag zuschlug, wurde er nie gefasst - nun haben Frankfurter Ermittler einen konkreten Verdacht.
Von Daniel Hartung und Julia Jüttner

Zwei Jungen turnen am Geländer oberhalb des Liederbachs herum, sie sind neugierig, frech. Einer von ihnen zeigt zu dem Tunnel, durch den das Flüsschen plätschert, unter dem Bahnhof Frankfurt-Höchst hindurch. "Da ist der Tristan umgebracht worden", krakeelt er. "Er wurde drei Tage gefangen gehalten, ihm wurden die Eier rausgerissen und seine Knochen in einer Tüte im Tunnel abgestellt."

Der Fall Tristan - bis heute ein Mythos, eine Legende, ein Gruselmärchen. Jeder hier kennt Tristan Brübach, den Jungen aus Frankfurt-Unterliederbach, der am 26. März 1998 vor dem Tunnel getötet und im Tunnel verstümmelt wurde.

Nun, mehr als 18 Jahre später, könnte der Fall endlich aufgeklärt werden. Die Arbeitsgruppe "Alaska" des Landeskriminalamts Hessen untersucht, ob der Junge möglicherweise einem Serienmörder zum Opfer gefallen ist.

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Tristan Brübach: Tötete ein Serienmörder den 13-Jährigen?

Foto: Polizei/ picture-alliance / dpa

Der Tatverdächtige: Manfred Seel, ein Entrümpler aus Schwalbach im Taunus, Witwer, gestorben im Herbst 2014 an einer Krebserkrankung.

Angehörige entdeckten nach seinem Tod in einer von ihm angemieteten Garage zwei Plastiktonnen, in denen die zerstückelte Leiche einer Prostituierten lag, einer Frau, die zuletzt im Herbst 2003 lebend gesehen worden war.

Der Fund war der Beginn langanhaltender Ermittlungen. Inzwischen ist die Polizei überzeugt: Wer die Prostituierte umbrachte, tötete zwischen 1971 und 1993 auch andere Frauen. Vier weitere Morde bringen die Ermittler mit Manfred Seel in Verbindung. Und wer die Frauen tötete, tötete vielleicht auch Tristan, so die Ermittler.

Es gibt Parallelen: Der Täter schnitt die Frauen auf, zerteilte sie und entnahm ihnen Organe, die er mitnahm - wie bei Tristan. Profiler vermuten, dass es sich bei dem Täter um einen sadistisch veranlagten Mann mit sexueller Präferenzstörung handelt.

War es Manfred Seel? Noch fehlen wichtige Informationen, die Kriminalpolizei ist auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Am Donnerstag halten die Ermittler daher eine Pressekonferenz ab.

Hartgesottene Ermittler vergessen den Anblick nicht

Zwei Teenager hatten Tristan an jenem Märztag 1998 entdeckt und den Leiter des nahegelegenen Kinderhauses verständigt. Tristan wurde nicht drei Tage gefangen gehalten, seine Knochen lagen nicht in einer Tüte - aber sein Mörder richtete ihn so schlimm zu, dass selbst hartgesottene Ermittler und Rechtsmediziner den Anblick nicht vergessen haben.

Die ersten Beamten vor Ort konnten Tristan aufgrund der schweren Verletzungen anfangs nur über den Namen auf seinen Schulheften identifizieren. Seine Mutter war gestorben, sein Vater bestätigte schließlich in der Gerichtsmedizin, dass es sich bei dem toten Kind um seinen Sohn handelte.

Der Täter hatte Tristan im Bachbett die Kehle durchgeschnitten, ihn ausbluten lassen, ihn regelrecht geschächtet, ihn im Anschluss in den Tunnel gezogen und ihn dort verstümmelt. Das dokumentierte Verletzungsbild ist weltweit einmalig.

18 Jahre lang konnten die Fahnder keinen Täter ermitteln. Tausende Männer hatten freiwillig ihre Fingerabdrücke abgegeben, Manfred Seel war nicht darunter. Hat er den Jungen auf dem Gewissen? Die Fahnder vermuten, dass er - sollte er der gesuchte Serientäter sein - nicht allein gehandelt hat. Auch deshalb wird nach seinem Tod weiter ermittelt.

Tristans Vater hatte vergeblich gehofft

Eineinhalb Jahre nach Tristans Tod öffnete ein Unbekannter sein Grab, legte die Erde und die gepflanzten Blumen fein säuberlich auf eine Plastikplane. War es sein Mörder oder dessen Helfer?

Der Fall Tristan war von Beginn an sagenumwoben: Mitschüler behaupteten, Tristan habe mit Drogen gehandelt, die Tat hätten konkurrierende Dealer verübt; Anwohner meinten, der 13-Jährige habe einen verwahrlosten Eindruck gemacht, herumgelungert.

Tristan hatte an jenem Tag die Schule geschwänzt, er wurde zuletzt gesehen, als er gegen 14 Uhr aus einem Linienbus stieg. Sein Vater, der all die Jahre gehofft hatte, dass der Mord an seinem Sohn aufgeklärt werden würde, ist im vergangenen Herbst gestorben.

Mehr über die Ermittlungen zu Manfred Seel auch im SPIEGEL TV-Magazin, Sonntag, 22:20 Uhr, RTL