Tschad Französische Helfer weisen Vorwurf der Kindesentführung zurück

Die sechs im Tschad wegen Kindesentführung angeklagten Franzosen behaupten vor Gericht, die Kinder für Waisen aus dem Sudan gehalten zu haben. Ihnen drohen 20 Jahre Zwangsarbeit - oder die Auslieferung an Frankreich.


N'Djamena/Paris - Der Chef der französischen Hilfsorganisation L'Arche de Zoé, Eric Breteau, betonte zum Auftakt des Prozesses, die französischen Behörden seien über das Vorhaben der Gruppe informiert gewesen. Den sechs Franzosen sowie den Mitangeklagten aus dem Tschad und dem Sudan drohen 5 bis 20 Jahre Zwangsarbeit.

Die Polizei eskortiert Eric Breteau und Emilie Lelouche zum Gericht.
AFP

Die Polizei eskortiert Eric Breteau und Emilie Lelouche zum Gericht.

Den sechs Franzosen wird vorgeworfen, die Verschleppung von 103 Kindern aus dem Krisengebiet an der Grenze des Tschads zur westsudanesischen Provinz Darfur geplant zu haben. Die Angeklagten waren Ende Oktober festgenommen worden. Sie wollten die Kinder nach Frankreich ausfliegen und an Pflegeeltern übergeben. Es handelte sich aber nicht um Waisen aus der sudanesischen Krisenprovinz Darfur, sondern um Kinder aus dem Tschad, bei denen zumindest ein Elternteil noch lebt.

Breteau behauptete vor Gericht, niemand vor Ort habe der Organisation gesagt, dass die Kinder nicht aus dem Sudan stammten. L'Arche de Zoé habe die vermeintlichen Waisen "vor dem Tod retten" wollen. Die Auswahl der Kinder habe er örtlichen Vermittlern überlassen. Der 37-Jährige bekräftigte, dass die französischen Behörden informiert gewesen seien. Schriftlich sei das sowohl gegenüber dem Pariser Präsidialamt, dem Innen-, Justiz- und Außenministerium geschehen. Auf die Frage, warum er nicht auch die Behörden im Tschad informiert habe, blieb Breteau die Antwort schuldig.

Breteau trat vor dem Gericht in einem T-Shirt mit dem Namen seiner Organisation auf und wirkte nach einwöchigem Hungerstreik dünner als vor der Festnahme im Oktober. Aus Protest gegen das Vorgehen des Tschads verweigern die Angeklagten derzeit jedes Essen, nehmen aber Wasser zu sich. Breteau verwies zudem erneut auf die Aussagen von einheimischen Vermittlern, als er vom Richter auf die Tatsache angesprochen wurde, dass einige der Kinder weder wie von der Organisation erklärt aus Darfur stammten, noch Waisen waren.

Die Anwälte der vier Männer und zwei Frauen aus Frankreich im Alter von 30 bis 56 Jahren verlangen einen Freispruch ihrer Mandanten. Sie hätten nur versucht, das Leben gefährdeter Kinder zu retten. "Sie kamen nicht, um jemandem zu schaden, sondern um dem Recht Geltung zu verschaffen, um jeden Preis Leben zu retten", sagte einer der Anwälte, Gilbert Collard. Mehrere Zeugen seien nicht gehört worden. Doch ein Antrag, den Prozess wegen Verfahrensfehlern einzustellen, wurde durch das Gericht umgehend abgelehnt.

Die Affäre hatte zu starken Spannungen zwischen Frankreich und dem zentralafrikanischen Land geführt. Das französische Außenministerium bestreitet die Angaben von L'Arche de Zoé, über die Aktion informiert worden zu sein. Im November war es im Tschad zu gewaltsamen Protesten gegen Frankreich gekommen. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy war im vergangenen Monat in den Tschad gereist, um die Krise zu entschärfen. Nach einer Vereinbarung aus dem Jahr 1976 zwischen beiden Ländern können gegen die Franzosen verhängte Strafen auch in Frankreich verbüßt werden.

Ein Sarkozy-Sprecher wollte sich nicht zu Berichten über eine bereits geschlossene Vereinbarung äußern, wonach die Franzosen bald nach ihrer Verurteilung in ihr Heimatland überstellt würden. Der für Entwicklungszusammenarbeit zuständige Staatssekretär Jean-Marie Bockel sagte aber im TV-Sender LCI unter Verweis auf das Auslieferungsabkommen, es gebe "ständige Gespräche auf höchstem Niveau" mit den Behörden im Tschad.

Insgesamt hatte die Polizei am 25. Oktober in der osttschadischen Stadt Abéché zunächst 17 Menschen festgenommen. Drei französische Journalisten, sieben spanische Beschäftigte einer Fluggesellschaft und ein belgischer Pilot wurden inzwischen aber wieder freigelassen. Die verbliebenen Franzosen waren am 8. Dezember aus Protest gegen das Verfahren in einen Hungerstreik getreten, den sie inzwischen aber offenbar aufgegeben haben.

esp/AFP/AP



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