Türkei Justizminister will Ali Agca wieder einsperren

Wie ein Held war Papst-Attentäter Ali Agca am Morgen von Hunderten Sympathisanten vor einem Istanbuler Gefängnis empfangen worden. Nun will die türkische Justiz seine Freilassung überprüfen lassen. Nach kurzem Ausflug in die Freiheit droht Agca wieder Haft.


Ankara - Die Türkei will gegen die Freilassung Agcas juristisch vorgehen. "Ich sage nicht, dass die Freilassung ein Irrtum war, aber ich sage, dass es einen Fehler gegeben haben könnte", sagte der türkische Justizminister Cemil Cicek nur wenige Stunden nach der Freilassung Agcas vor Journalisten. Er werde den Berufungsgerichtshof in einer schriftlichen Anweisung zu der Überprüfung veranlassen. Cicek schloss nicht aus, dass Agca wieder inhaftiert werde.

Agca: Nur vorübergehende Freilassung?
AFP

Agca: Nur vorübergehende Freilassung?

Zuvor hatte auch der ehemalige türkische Justizminister Hikmet Sami Turk, der die Auslieferung Agcas im Jahr 2000 leitete, die Freilassung kritisiert. Auch die Familie des von Agca ermordeten türkischen Journalisten Abdi Ipekci und dessen Zeitung "Milliyet" bemängelten die Entscheidung.

Der 48-jährige Agca war am Morgen fast 25 Jahre nach den Schüssen auf Johannes Paul II. in Istanbul aus der Haft entlassen worden. Dort hatte er seit 2000 seine Strafe für den Mord an Ipekci verbüßt. Zuvor war er in Italien wegen des Papst-Attentats 19 Jahre lang inhaftiert gewesen.

Dutzende Polizisten hatten Agca abgeschirmt, als er in einem weißen Wagen das Hochsicherheitsgefängnis Kartal bei Istanbul verließ. Der zunächst noch mit Handschellen gefesselte Papst-Attentäter meldete sich in einem militärischen Rekrutierungszentrum. Zunächst blieb unklar, ob der Wehrdienstverweigerer, der 1979 aus einem Militärgefängnis entkommen war, gemustert werden sollte. Dann fuhr er von der Polizei eskortiert in einem schwarzen Mercedes zu einer Routineuntersuchung in ein Krankenhaus.

Die Entscheidung der türkischen Justiz in der vergangenen Woche, ihn auf freien Fuß zu setzen, empörte viele Türken. Agca habe nicht nur ihren Vater umgebracht, schrieb die Tochter des Journalisten Ipekci in der Zeitung "Milliyet". Er habe auch dafür gesorgt, dass die Wörter "türkisch" und "Mörder" zusammengehörten. Ein Anwalt der Familie, Turgut Kazan, kündigte an, die Freilassung vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg anzufechten. Die Zeitung titelte: "Tag der Schande".

Der Student Deniz Ergin sagte: "Ein Mörder wie er, der das Ansehen der Türkei beschmutzt hat, sollte nicht freigelassen werden." Agcas Anwalt Mustafa Demirbag äußerte Verständnis für die Emotionen, warb aber darum, die Entscheidung eines unabhängigen türkischen Gerichts zu respektieren.

Agcas Bruder Adnan sagte vor der Ankündigung einer Revision der Freilassung durch den Justizminister: "Wir sind glücklich. Wir danken dem türkischen Staat unendlich." Adnan sagte weiter, nach der Freilassung wolle sein 48-jähriger Bruder in einem Restaurant mit Blick auf den Bosporus ein typisches türkisches Gericht mit Bohnen und Reis essen. Agca wolle jetzt ein Leben wie jeder andere Türke führen.



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