Anwalt von Tugces Familie "Bei Sanel M. ist sehr viel schiefgelaufen"

Sanel M. soll Tugce Albayrak in Offenbach niedergeschlagen und tödlich verletzt haben, der Beschuldigte sitzt in Untersuchungshaft. Hier erzählt der Anwalt von Tugces Familie, wieso er den 18-Jährigen als "Produkt unserer Gesellschaft" sieht.

Gedenken an Tugce Albayrak: Mutmaßlicher Täter sitzt in U-Haft
DPA

Gedenken an Tugce Albayrak: Mutmaßlicher Täter sitzt in U-Haft

Ein Interview von


Zur Person
  • Karaahmetoglu & Kollegen
    Macit Karaahmetoglu, 46, Rechtsanwalt und SPD-Politiker, vertritt die Familie der in Offenbach getöteten Tugce Albayrak.
SPIEGEL ONLINE: Der mutmaßliche Täter Sanel M. soll sich bei den Eltern von Tugce entschuldigt haben. Wie haben Ihre Mandanten diese Entschuldigung aufgenommen?

Karaahmetoglu: Vom Beschuldigten selbst kam nie etwas. Es wurde uns ein offensichtlich von seinem Verteidiger aufgesetztes maschinenschriftliches Schreiben der Familie mit der Bitte um Weiterleitung an die Familie von Tugce übersandt. Die Familie des Beschuldigten hat über den Anwalt mitgeteilt, dass diesem und seiner Familie der Tod von Tugce leid tue. Dieses Schreiben geht nicht auf die Verantwortung des Beschuldigten und dessen Tat ein. Das sehe ich nicht als Versuch, Reue zu zeigen und um Vergebung bei den Eltern zu bitten.

SPIEGEL ONLINE: Wie würde denn eine Ihrer Ansicht nach angemessene Entschuldigung aussehen?

Karaahmetoglu: Wenn jemand ernsthaft Reue empfindet, dann ist es das Mindeste, dass er persönlich ein Schreiben verfasst, das glaubwürdig ist. Das uns vorliegende Schreiben zeigt, dass er sich davor drückt, sich mit den Folgen seiner Tat und seinem eigenen Handeln ernsthaft auseinanderzusetzen. Ich meine damit nicht, dass er von Grund auf böse ist. Das ist er nicht. Er ist ein junger Mensch, bei dem sehr viel schiefgelaufen ist, aber er scheint noch immer nicht verstanden zu haben, dass jeder Mensch selbst die Verantwortung für sein Verhalten trägt.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie darauf?

Karaahmetoglu: Ich habe das Gefühl, dass er die Verantwortung von sich schieben will, indem er die Gewalt mit angeblichen Beleidigungen seiner Person rechtfertigt. Ganz zu schweigen davon, dass er selbst offensichtlich schwere Beleidigungen an diesem Abend von sich gab und andere belästigte. Diese fehlende Einsicht und übersteigerte subjektive Wahrnehmung machen ihn so gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Sanel M. hat einen Antrag auf Haftprüfung gestellt. Was spricht aus Ihrer Sicht dagegen, ihn bis zum Prozessbeginn aus der Untersuchungshaft zu entlassen?

Karaahmetoglu: Wir gehen davon aus, dass er jede Gelegenheit nutzen wird, nach Serbien, in die Heimat seiner Eltern, zu fliehen. Bei Betrachtung der Gesamtsituation drängt sich das Vorliegen einer Fluchtgefahr geradezu auf. Es besteht keine Kontinuität im Leben des Beschuldigten, er geht keiner Arbeit nach, hat keine abgeschlossene Ausbildung. Sein bisheriger Werdegang ist vom Scheitern gekennzeichnet. Er neigt dazu, sich der Verantwortung zu entziehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einer früheren Stellungnahme den mutmaßlichen Täter als "ein Produkt unserer Gesellschaft" bezeichnet. Was meinen Sie damit?

Karaahmetoglu: Wir sollten uns als Gesellschaft fragen, was wir anders machen müssen, damit solche Gewaltexzesse nicht mehr stattfinden. Wir müssen deutlich machen, dass unsere Gesellschaft Gewalt nicht toleriert. Hier sind die Gerichte gefragt, Sanktionen zu verhängen, die Täter frühzeitig in die Schranken weisen. Und wir müssen uns die Frage stellen, was gesellschaftlich schiefgelaufen ist, wenn ein junger Mann zu einer solchen Aggressivität und Gewaltbereitschaft neigt. Der mutmaßliche Täter wurde in Deutschland geboren und sozialisiert.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihrer Meinung nach schiefgelaufen?

Karaahmetoglu: Er hat sich nicht im Bildungssystem behaupten können. Der mutmaßliche Täter hatte hohe Bildungsziele, schaffte aber nur gerade so den Hauptschulabschluss. Das mag damit zu tun haben, dass er nicht genügend Unterstützung erhalten hat. Wenn die Eltern das nicht leisten können, sollte der Staat helfend zur Seite stehen.

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