Tunnel in die Zentralbank Der Räuber ist immer der Gärtner

Ein Coup im Stil des Gangsterfilms "Ocean's Eleven": Unbekannte haben den größten Bankraub in der Geschichte Brasiliens verübt. Über einen 70 Meter langen Tunnel gelangten sie in den Tresorraum der Zentralbank in Fortaleza. 3,5 Tonnen Geldscheine sackten sie ein - und verschwanden.


Tatort Zentralbank: Größter Coup in Brasiliens Geschichte
REUTERS

Tatort Zentralbank: Größter Coup in Brasiliens Geschichte

Brasília - Die Männer stammten nicht aus dem nordbrasilianischen Fortaleza, das sah man, und das hörte man: Sie hätten nicht mit dem in dem Bundesstaat Ceará verbreiteten melodischen Singsang gesprochen, berichten die Nachbarn. Vermutlich kämen sie aus Rio de Janeiro, sagten die Anwohner der brasilianischen Tageszeitung "Folha de São Paulo". Einer der Nachbarn, ein Besitzer einer Herberge, sagte dem Blatt, er habe mindestens acht verschiedene Männer beobachtet, die sich regelmäßig auf dem Grundstück aufgehalten hätten.

Andere Anwohner berichten von zwei Verdächtigen. Einer, vermutlich der Anführer der Bande, sei groß, schlank und habe einen Bart getragen. Seinen Namen habe er mit "Paulo" angegeben. Der andere Mann sei blond gewesen. Drei Monate lang spielten sie den Anwohnern ein scheinbar normales, und doch ein bisschen aufregendes Leben vor: Typen, die mit einer guten Geschäftsidee ihr Glück in der Ferne versuchen. Eine Firma für Gartenbau sollte es sein, spezialisiert auf Kunst- und Naturrasen. Ab und zu seien die beiden Männer auch in den Bars und Restaurants der Gegend aufgetaucht, versteckt hätten sie sich nicht.

Eingang zum Tunnel: Spezialisten am Werk
REUTERS

Eingang zum Tunnel: Spezialisten am Werk

Doch statt sich ums Rasen-Geschäft zu kümmern, bereiteten die Männer den größten Bankraub in der Geschichte Brasiliens vor. Von dem seit März angemieteten Haus, dem zum Schein eröffneten Fachgeschäft aus, gruben sie einen 70 Meter langen Tunnel bis unter den Tresorraum der brasilianischen Zentralbank in der Hauptstadt des Bundesstaates Ceará. In vier Metern Tiefe buddelten sie den 70 Zentimeter hohen Tunnel, der mit Holzlatten abgestützt, mit Plastik abgedichtet und mit Elektrolicht ausgestattet war. Die Tarnung war perfekt: Der Gartenbaubetrieb machte es den Tätern möglich, große Mengen Erdreich fortzuschaffen, ohne Misstrauen zu erwecken.

Mindestens 150 Millionen Real (umgerechnet etwa 52 Millionen Euro) erbeuteten die Männer am Wochenende, wann genau sie den 1,1 Meter dicken Fußboden - der zudem mit einer Stahlmatte verstärkt war - im 500 Quadratmeter großen Tresorraum durchschlugen, ist noch unklar - ebenso, warum die Sicherheitssysteme nicht funktionierten. Klar ist nur: "Das Verbrechen wurde am Montagmorgen entdeckt." So heißt es in einer knappen Erklärung der Zentralbank. Der Tresorraum sei mit Bewegungsmeldern und Überwachungskameras ausgestattet gewesen, die nicht aktiviert worden seien, erklärte die Polizei. Das deutet daraufhin, dass die Täter Komplizen in der Bank gehabt haben könnten.

Insgesamt räumten die Täter fünf Container mit 50-Real-Scheinen leer, die rund 3,5 Tonnen wogen. Bei dem Diebesgut handelte es sich nach Angaben der Zeitung "O Globo" um benutzte Geldscheine, die zur Überprüfung der Papierqualität in der Bank eingelagert waren. Deswegen glauben die Ermittler, dass die Beute nicht wiedergefunden werden kann.

Angemieteter Laden: Geschäft für Gartenbedarf als Tarnung
REUTERS

Angemieteter Laden: Geschäft für Gartenbedarf als Tarnung

Die Polizei geht davon aus, dass rund 20 Banditen an dem dreisten Großraub beteiligt waren. Die Bankräuber gingen mit großer Präzision und Hightech-Instrumenten vor. Sie arbeiteten nach Überzeugung der Fahnder mit einem GPS-System; zudem gehörten zu der Gruppe offenbar auch Spezialisten für Mathematik, Ingenieurwesen und Ausgrabungen. "Sie wussten genau, wo sich der Tresorraum befand", sagte einer der Ermittler - ein weiteres Indiz für mögliche Komplizen in der Bank.

Der Mietvertrag für das Haus war über einen Immobilienmakler zustande gekommen, berichtet "Folha de São Paulo". Der Besitzer des Hauses habe mit dem Coup vermutlich nichts zu tun. Die Anwohner berichten, sie hätten sich zwar über die Betriebsamkeit auf dem Gelände gewundert, Verdacht hätten sie allerdings nicht geschöpft, schreibt die Zeitung.

Der bislang größte Bankraub in Brasilien war 1999 verübt worden. Damals hatte eine Bande 37 Millionen Real aus einer Niederlassung der Bank Banespa in São Paulo geraubt.

Friederike Freiburg, Jule Lutteroth



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.