TV-Show mit Todeskandidaten in China Letzte Worte

Seit fünf Jahren interviewt die chinesische Journalistin Ding Yu Häftlinge, die zum Tode verurteilt sind. Bis zu 40 Millionen Zuschauer schalten ein, wenn sie Mörder befragt. Nun strahlt die BBC eine Dokumentation über die Sendung aus - und dem Format droht das Ende.

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Hamburg - Ding Yu hat einen Job, den wahrscheinlich nicht viele Menschen auf der Welt ausüben wollen: Sie spricht mit Todgeweihten. Die Chinesin ist keine Geistliche, keine Ärztin, keine Hospizschwester. Wenn sie arbeitet, schauen bis zu 40 Millionen Menschen vor dem Fernseher zu. Ding Yu ist Journalistin und führt Interviews mit chinesischen Häftlingen, die vor ihrer Hinrichtung stehen.

Da ist zum Beispiel Liu Fuquan, Anführer einer Verbrecherbande, er hat ein kleines Mädchen entführt und getötet. "Zum Glück sitzen Sie im Gefängnis", sagt Ding Yu, "Sie sind Abschaum." Er lächelt nur überheblich: "Das sagen sie alle."

Die Szene stammt aus der BBC-Dokumentation "Dead Man Talking", der Film widmet sich der Todesstrafe in China und ganz besonders der Sendung "Interviews vor der Hinrichtung". Seit fünf Jahren läuft das Format mit Moderatorin Ding Yu im Justizkanal der Provinz Henan, immer samstags, zur besten Sendezeit. Mehr als 200 Verbrecher hat sie schon interviewt.

Es geht dabei alles andere als zimperlich zu. Sein größter Wunsch sei es, seine Tochter noch einmal zu sehen, sagt ein weinender Häftling - und Moderatorin Ding bedeutet ihm mit einem Nicken, weiterzusprechen. Eine Verurteilte bricht zusammen, als sie auf einem Monitor Bilder ihrer Familie zu sehen bekommt. Ein Homosexueller, der seine Mutter ermordet hat, wird selbst dann noch gefilmt, als er auf einem Lastwagen zu seiner Hinrichtung abtransportiert wird. Der letzte Gesprächspartner seines Lebens war eine Journalistin.

Ding Yu arbeite hart und professionell, sagt der australische Dokumentarfilmer Robin Newell zu SPIEGEL ONLINE. Für "Dead Man Talking" hat er die Moderatorin über einen Zeitraum von vier Monaten in China begleitet. "Sie ist überzeugt, dass ihre Arbeit wertvoll für die Gesellschaft ist."

In Handschellen zum Interview

Die Idee zu der Dokumentation sei vor zwei Jahren entstanden. Ding Yu habe in dem streng reglementierten System für den nötigen Zugang gesorgt, so Newell. "Sie wird von allen respektiert: Von den Richtern, von der Polizei, von den Anwälten."

Newell arbeitete mit einer chinesischen Produktionsfirma zusammen, wahrscheinlich standen ihm auch deshalb viele Türen offen, die anderen verschlossen blieben. Seine Basis war Peking. "Manchmal bekamen wir einen Anruf und mussten sofort nach Henan fliegen, weil am nächsten Tag eines der Interviews stattfand."

Die Häftlinge werden in Hand- und Fußfesseln zum Gespräch gebracht. "Das verstörende ist, wie normal sie alle aussahen. Nicht die Monster, die man sich vorstellt", erinnert sich Newell.

"Sie tun mir Leid, aber ich habe keine Sympathien für sie", sagt Moderatorin Ding, "sie sollen einen hohen Preis für ihre Taten bezahlen. Sie verdienen es."

Die Macher der Sendung brauchen für jede Folge die Zustimmung des obersten Gerichts von Henan, politische Gefangene oder zweifelhafte Urteile waren der BBC zufolge nie Gegenstand der Sendung. Für "Interviews vor der Hinrichtung" werden meist Mörder und Gewaltverbrecher ausgewählt. Es geht den Machern der Show auch darum, die Zuschauer abzuschrecken. Ein Slogan fordert in jeder Sendung dazu auf, den "Wert des Lebens zu erkennen".

Der Umgang mit menschlichen Abgründen geht aber auch an der Moderatorin nicht spurlos vorbei. Sie habe Angst im Dunkeln, könne nachts nicht allein raus gehen, sagt Newell, "Mitarbeiter müssen ihr Hotelzimmer überprüfen, bevor sie selbst hinein geht".

Keine Interviews mehr

Ding Yu ist verheiratet und hat einen Sohn. Sie kenne so viele Geschichten, habe so viele Verbrecher befragt, habe so viel über die Taten mitbekommen, sagt sie in der Dokumentation. Tränen kullern über ihr Gesicht. "Wie soll ich sagen? Das ist nicht gut. Ich habe zu viel Müll in meinem Herzen."

In China werden Schätzungen zufolge jährlich Tausende Menschen hingerichtet, die genauen Zahlen sind ein Staatsgeheimnis. Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International richtet die Volksrepublik mehr Häftlinge hin als alle anderen Länder der Welt zusammen. Die Todesstrafe kann in China auch wegen Verbrechen wie Korruption oder Landesverrat verhängt werden.

Als "Interviews vor der Hinrichtung" 2006 eingeführt wurde, löste das keine Diskussionen aus. Das könnte sich nun ändern. Die mächtigen Funktionäre in Peking fürchten anscheinend, dass China ausgerechnet während der laufenden Tagung des Volkskongresses angeprangert werden könnte. Im Netz sind nur noch wenige Folgen der Show zu finden, der Link des Senders zu dem Programm wurde gesperrt. Die Mitarbeiter wurden angehalten, keine Interviews mehr zu geben - schon gar nicht ausländischen Medien.

Laut "Süddeutscher Zeitung" wurde die Sendung am vergangenen Samstag "wegen interner Probleme" kurzfristig abgesetzt. Auch Robin Newell hat davon schon gehört, aber bisher hat er keine Bestätigung für die Absetzung der Sendung bekommen. "Wenn es stimmt", schreibt er in einer E-Mail, "wäre das niederschmetternd für Ding Yu". Die Sendung sei ihre Idee gewesen, sie überblicke jeden kleinen Aspekt. "Sollte die Sendung auf diese Weise enden, wäre das extrem verstörend für sie."

Mit Material von dpa



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