U-Bahn-Schläger Gutachter bescheinigt Angeklagten "ungehemmte Aggression"

Sie wollen "so dicht" gewesen sein, als sie Hubert N. fast totprügelten: Doch Gutachter bezweifeln, dass die U-Bahn-Schläger von München volltrunken waren. Sie bescheinigen ihnen Jähzorn und ungehemmte Aggression. Von einem der beiden seien auch künftig Straftaten zu erwarten.

München - Die Prognosen könnten nicht schlechter ausfallen: Ein psychologischer Gutachter hat den U-Bahn-Schlägern von München eine starke Neigung zu ungehemmter Aggression bescheinigt. Beide seien sehr ichbezogen und impulsiv, und beiden falle es sehr schwer, Regeln zu akzeptieren, sagte der Psychologe Günther Lauber im Prozess vor dem Landgericht München. Von dem 21-jährigen Serkan A. seien auch künftig Straftaten zu erwarten.

Serkan A. und der 18-jährige Spyridon L. sind wegen versuchten Mordes an einem 76-Jährigen angeklagt. Sie hatten ihn kurz vor Weihnachten mit Tritten und Schlägen lebensgefährlich verletzt, nachdem er sie auf das Rauchverbot in der U-Bahn hingewiesen hatte.

Der psychologische Gutachter sagte, Serkan A. sei "für eine Therapie schwer zugänglich" und "sehr veränderungsresistent": "Ich sehe die Wahrscheinlichkeit einer Veränderung eher skeptisch." Seine Intelligenz sei mit einem IQ von 64 sehr niedrig. Er zeige einen "Mangel an Interesse und Verständnis für andere Menschen" und neige zu "ungehemmter, jähzorniger Aggression".

Auch bei Spyridon L. sei die soziale Intelligenz ein Schwachpunkt. "Er lehnt es ab, sich Grenzen setzen zu lassen", sagte der Sachverständige. "In Konfliktsituationen neigt er zu offensivem bis ungehemmt aggressivem Verhalten." Affekte drücke er sehr deutlich aus.

Bei dem Überfall waren die beiden jungen Männer nach Angaben der Rechtsmedizinerin Sibylle Lüderwald nicht volltrunken. Die von Überwachungskameras aufgezeichneten Bewegungen sprächen gegen die Angabe der Angeklagten, sie wären "total dicht" gewesen, sagte die Ärztin.

Für den 18-jährigen Griechen Spyridon L. errechnete sie eine Blutalkoholkonzentration von maximal 2,86 Promille und für seinen drei Jahre älteren Mitangeklagten Serkan A. maximal 3,19 Promille.

Wenn die Alkoholwerte allein gesehen würden, lasse sich eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit nicht ausschließen, sagte Lüderwald. Dagegen stünden aber die Alkoholgewöhnung der Beschuldigten und deren Leistungsvermögen: "Die motorischen Fähigkeiten waren auffallend unauffällig", sagte die Medizinerin. Auch Zeugen hatten bei den Schlägern keinerlei "alkoholtypische Ausfallerscheinungen" beobachtet.

Spyridon L. habe sich sowohl auf dem U-Bahnsteig wie auch bei seinem Überfall "völlig normal bewegt". Er habe "in einer präzisen Bewegung Anlauf genommen und gekickt", sagte die Gutachterin.

Auch bei Serkan A. seien keinerlei Gang- oder Standunsicherheiten zu erkennen. Dass er während des Überfalls "auf einem Bein stehen und sich den Schnürsenkel binden kann", spreche gegen die angegebene hohe Alkoholisierung.

Auch sein beidbeiniger Sprungkick gegen einen Zivildienstleistenden kurz vor dem Überfall auf den Pensionär setze "eher eine gute Koordination voraus". Die Verletzungen des ehemaligen Schulrektors seien lebensgefährlich gewesen. Dass die Hirnblutung nicht zu einem sofortigen Atem- und Kreislaufstillstand geführt habe, sei reiner Zufall gewesen, sagte die Medizinerin.

Der Staatsanwaltschaft forderte langjährige Haftstrafen wegen versuchten Mordes. Serkan A. solle nach Erwachsenenstrafrecht zu zwölf Jahren verurteilt werden, beantragte Staatsanwalt Laurent Lafleur in seinem Plädoyer. Für den 18 Jahre alten Spyridon L. fordert die Anklagebehörde neun Jahre Jugendstrafe.

"So was wird nie, nie wieder passieren", beteuert Spyridon L.

Der Staatsanwalt sagte, die Angeklagten hätten mit dem Tod des Opfers rechnen müssen und dennoch 13 Mal zugeschlagen und zugetreten. Anschließend hätten sie dem hilflos am Boden liegenden Pensionär keine Hilfe geleistet, sondern sogar noch dessen Rucksack mitgenommen. "Es ist klar, dass ein 76-jähriger älterer Herr bei solche Schlägen sterben kann", sagte Lafleur. Gerade der Diebstahl nach einer solchen brutalen Tat mache ihn völlig fassungslos.

Er halte deshalb an der Bewertung als versuchten Mord fest, sagte der Staatsanwalt. "Sie sagen, dass sie ihn nicht töten wollten. Aber meine Herren Angeklagten, was wollten sie denn?", fragt er. Die besondere Verwerflichkeit der Tat ergebe sich aus dem heimtückischen Angriff von hinten, der die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers ausnützte.

"Hubert N. hatte nicht den Hauch einer Chance, sich zu verteidigen." Der Pensionär sei wegen seines Hinweises auf das Rauchverbot angegriffen worden. "Ein berechtiger Hinweis - und dafür sollte Hubert N. mit dem Leben büßen", sagt der Ankläger. "Ein krasseres Missverhältnis ist mir noch nie untergekommen."

In ihren Schlussworten wiederholten die beiden U-Bahn-Schläger ihre Entschuldigung. "So was wird nie, nie wieder passieren", versicherte Spyridon L. - und bat den Richter, nicht in den "Jugendknast" zu müssen. Serkan A. sagte: "Es tut mir auch sehr leid, ich bereue ganz von Herzen, dass ich diese Tat gemacht habe." Und in den Zuschauerraum, in dem seine Mutter und seine Freundin sitzen, mit der er eine achtmonatige Tochter hat: "Und ich will mich bei all den Leuten entschuldigen, die all das mit ansehen müssen."

jjc/AP/dpa/ddp

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.